Enthüllung Gedenktafel Schmelz

Geschichte der Schmelz

Vor der Ringstraßenzeit, als noch die Stadtmauer stand, benutze die Armee das Glacis als weitläufigen Exerzierplatz. Im Zuge der Umgestaltung der Innenstadt wurde der Armee das Gebiet der Schmelz als Übungsgelände zugewiesen. In den übungsfreien Zeiten konnten Sportvereine das Gelände nutzen. Um 1892 hat das Gelände etwa so ausgeschaut:

Landkarte von Fünfhaus 1892

Diese Landkarte befindet sich im Eingangsbereich zur U-Bahnstation Johnstraße. Sie zeigt die Gegend um die Schmelz um 1892, denn der Linienwall (gezackte Mauer entlang des heutigen Gürtels) war noch intakt (Abriss 1894). Die Häuserzeile in der Selzergasse bestand noch nicht. Auf dem Gebiet der heutigen Stadthalle befand sich der Schmelzer Friedhof. Man erkennt die Planungsgebiete rund um die Schmelz, die Schmelz selbst blieb naturbelassen. Der Weg westlich vom Buchstaben “S” des Schriftzugs “SCHMELZ” ist genau der Weg, an dem heute die Enthüllung der Gedenktafel stattfand.

Anfänge

Am 22. Juli 1897 wurde der “1. Wiener Arbeiterfußballklub” gegründet und nutzte das Gebiet der Schmelz für die ersten Spiele. Dabei mussten die Spieler selbst die Spielfelder abstecken und durch den Verkauf einfacher Stadionzeitungen, auf die damals noch die Spielregeln aufgedruckt waren, für die ersten Einnahmen sorgen. Das können wir einer solchen Stadionzeitung aus dem Jahr 1900 entnehmen, einer der wenigen Belege für die Zeit auf der Schmelz:

Programm für ein Fußballspiel am 14. Oktober 1900 auf dem Schmelzer Exerzierfeld mit Spielregeln, die noch mit den englischen Fachbegriffen wie Forwarder, Gpalkeeper, Half-Back, Back und Football-Match abgefasst sind. Rapid spielte in rot-blau. Beachte die alte Rechtschreibung.

Damals, also in der Monarchie, hatten es Organisationen mit den Beinamen “Arbeiter” oder “sozialistisch” nicht leicht. Und neben den sportlichen Misserfolgen war auch das ein Grund, warum man schon zwei Jahre nach der Gründung eine Namensänderung anstrebte.

Es ging damals – wie heute auch – ums Geld. Eintritt konnte man nur verlangen, wenn das Gelände abgezäunt und uneinsichtig war. Daher strebte Rapid nach den ersten Jahren auf der Schmelz einen solchen eigenen Platz an und fand ihn 1903 auf dem abschüssigen Grundstück in der nahe gelegenen Selzergasse. Die folgenden Bilder zeigen die Selzergasse im Jahre 1907 und die heutigen Ansicht derselben Häuser.

1912 erfolgte dann die Übersiedlung nach Hütteldorf.

Tschechen bei Rapid

Der Kader war von den vielen tschechischen Migranten geprägt. Markant waren die vier Brüder Schediwy (eingedeutscht von “Šedivý” = “Grau”). Karl und Alois spielten bereits zu Zeiten des Arbeiter FC für Rapid, Josef scheint 1900 erstmals im Kader auf. Josef stirbt im Ersten Weltkrieg in russischer Gefangenschaft. Es gibt einen Nachruf in der Chronik- 1919 “20 Jahre Rapid”. Franz war 10 Jahre jünger und spielte noch bis in die 1920er-Jahre. Karl war später als Funktionär noch jahrzehntelang tätig. (im “Neuen Rapid Buch” aus den 1970er-Jahren von Günther Allinger kommt er zu Beginn vor). Karl und Franz sind am Baumgartner Friedhof begraben.

Gedenktafel

An diese Anfänge von Rapid erinnert die heute enthüllte Gedenktafel, und der dafür gewählte Tag, der 22. Juli, ist der Gründungstag des 1. Wiener Arbeiterfußballclubs.

Auf der Tafel werden die damaligen Umstände so geschildert:

Die Schmelz

An dieser Stelle befand sich das Schmelzer Exerzierfeld, die erste Heimstätte des SK Rapid. Der damalige 1. Wiener Arbeiter Fußball-Club spielte hier von 1897 bis 1903.

Als Ersatz für die innerstädtischen Übungsplätze, die im Zuge der Errichtung der Ringstraße verbaut wurden,; erhält die Habsburger Armee die Schmelz als Truppenübungs- und Exerzierfeld, das auch bei Staatsempfängen für Paraden genutzt wurde. lm Dezember 1897 bekommt der am 22; Juli 1897 gegründete 1. Wiener Arbeiter Fußball-Club die Genehmigung, hier seine Übungen und Spiele abzuhalten. Auch nach der am 8. Jänner 1899 erfolgten Umbenennung in Sportclub „Rapid” bleibt der zu diesem Zeitpunkt noch in der Farbkombination Blau-Rot spielende Verein für einige Jahre auf der Schmelz. 1903 wird schließlich auf den ums Eck liegenden Rudolfsheimer Sportplatz übersiedelt.

Auch abseits des 1. Wiener Arbeiter Fußball-Clubs ist die Schmelz ein Zentrum der proletarischen Sportbewegung und der Arbeiterbewegung insgesamt. Rund um das Schmelzer Exerzierfeld leben in erster Linie aus Böhmen und Mähren zugewanderte Arbeiter und Arbeiterinnen, die sich in ihren Betrieben und vielen anderen Lebensbereichen zu Gewerkschaften und Vereinen zusammenschließen. Gemeinsam wollen sie das Elend, in dem sie leben und arbeiten müssen, bekämpfen. Neben politischen Zielen spielt aber auch die Gestaltung der eigenen Freizeit eine große Rolle. Solidarität soll nicht nur am Arbeitsplatz, sondern in jedem Lebensbereich eine Rolle spielen. In Folge entsteht ein einmaliges Soziotop des Zusammenhalts.

Viele der hier entstandenen Vereine gehen später in der ASKÖ beziehungsweise dem WAT auf. Zwei Verbände, die hier bis heute Sport betreiben und mit Ihrer Infrastruktur einen wesentlichen Beitrag für den Breitensport leisten.

Text der Gedenktafel

Die Tafel zeigt daneben auf einer historischen Landkarte Spielorte, Wohnorte der Funktionäre und Spieler sowie Versammlungsorte im Bezirk, die zeigen, dass viele der prominenten Vertreter in Fünfhaus, dem Gebiet südöstlich von der Schmelz gewohnt haben. Auch lange nach der Übersiedlung nach Hütteldorf fanden Veranstaltungen in Fünfhaus statt.

Arbeiterfußball

Auch wenn man “Rapid” und nicht mehr “Arbeiterfußballclub” hieß, war es klar, dass Spieler, Funktionäre und das Publikum aus dem Arbeitermilieu stammten oder sich mit den sozialistischen Idealen identifizierten. Während diese Ideologie in der Monarchie unterdrückt wurde, konnte sie sich in der jungen Ersten Republik in den Zeiten des Roten Wien frei entfalten. 1919 wurde der WAT (Wiener Arbeiter Turn- und Sportverband) gegründet und feiert heuer sein 100jähriges Bestandsjubiläum. Bereits 1889 wurde der Vorläufer der heute als ASKÖ bekannte “Arbeitsgemeinschaft für Sport und Körperkultur in Österreich” gegründet.

Eigentlich wäre es nahe liegend gewesen, dass Rapid als immer noch Arbeiterfußballklub Teil dieser Organisationen der Arbeiterschaft wird. Tatsächlich war auch beim 20jährigen Jubiläum von Rapid, bei der Generalversammlung 1919 einer der Tagesordnungspunkte ein Antrag für die Aufnahme in der späteren ASKÖ. Doch aus organisatorischen Gründen wurde dieser Punkt auf die nächste Hauptversammlung vertagt.

Gleichzeitig wurde in diesen Jahren die Gründung einer Profiliga in Österreich vorangetrieben. Österreich war das erste Land in Kontinentaleuropa, das eine solche Profiliga realisiert hat. Da sich auch Rapid an dieser Liga beteiligte, waren damit weitere Verbindungen zum ASKÖ nicht mehr möglich und Rapid wurde einer der Vereine der Profiliga.

Festakt

Der Standort der Tafel, “Auf der Schmelz 10” ist so ziemlich genau die Mitte der Schmelz, und man erreicht diesen Ort nur zu Fuß. Schon ein ziemlich mühsames Unterfangen für den 93jährigen Alfred Körner, der ebenso wie Stefan Schwab zu der Enthüllung “beordert” wurde. Christian, der einen Kleingarten auf der Schmelz besitzt, hat der betagten Legende einen bequemen Stuhl aus seinem Garten gebracht.

Für das Arrangement sorge Robert, das Fernsehteam von w24, Gunther und Alex drehten für die Rapidviertelstunde-194 am kommenden Freitag.

Weiters waren anwesend: das Team des Rapideums, das auch die Gedenktafel gestaltet hat, Christoph Peschek, Peter Klinglmüller, Präsident und Geschäftsführer des ASKÖ und der Präsident des WAT. Im Zuge der von Andy Marek moderierten Interviews erfuhren wir von Michael Maurer (Geschäftsführer des ASKÖ) das interessante Detail, warum Rapid 1919 fast Mitglied des ASKÖ geworden wäre, das Vorhaben aber durch einen Zufall nicht zustande kam und später wegen der Gründung der Profiliga nicht mehr möglich war.

Es waren auch zahlreiche Mitglieder anwesend, allen voran Oliver mit einer Ultras-Delegation, Brucki, Julian, Christian, Thomas, Florian und Franz und sicher noch einige weitere.

Schließlich wurde die Gedenktafel mit vereinten Kräften enthüllt und bot den Hintergrund für zahlreiche Erinnerungsfotos. (siehe EwkiL Bilder).

Die Tafel ist vorläufig am Zaun der Anlage des ASKÖ angebracht. Bei der geplanten Neugestaltung wird die Tafel ihren endgültigen Platz bekommen.

Ausgewählte Bilder

Hinweis: dieser Beitrag wird möglicherweise durch einen Zeitungsausschnitt aus 1919 ergänzt werden, der den geplanten Beitritt von Rapid zum damaligen ASKÖ dokumentiert.

Links

Vor 120 Jahren

Aus Anlass des 120-Jahr-Jubiläums von Rapid werfen wir einen Blick auf Wien um 1899 und die Situation der damaligen Spielstätten und versuchen danach so etwas wie das Lebensgefühl in dieser Stadt nachzuempfinden.

Die Stadt Wien erlebte im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert ein atemberaubendes Wachstum. Jemand im Alter des damaligen Bürgermeisters Karl Lueger (*1844, †1910) kannte als Kind die Stadt noch mit der Stadtmauer wie in der Zeit der Türkenbelagerung mit etwa 400.000 Einwohnern. Im Laufe seines Lebens wurde Wien sechs Mal erweitert und wuchs bis zu seinem Tod auf das Fünffache.

  • 1855 als er 11 Jahre alt war, wurden die Stadtmauern geschleift, und die inneren Bezirke wurden der Stadt angeschlossen, Wien hatte 8 Bezirke
  • 1861 wurden die Bezirke 4 und 5 voneinander getrennt, Wien hatte 9 Bezirke.
  • 1874 wurde die “Siedlung vor der Favorita-Linie” aus der der Verwaltung des 4. Bezirks herausgelöst (man sprach vom “10. Hieb”, weil dessen Grenzen geradlinig wie aus einer Torte ausgeschnitten entstanden sind); Wien hatte 10 Bezirke.
  • 1892 kamen alle Vorstädte von Meidling bis Döbling woei Simmering zur Stadt, Wien hatte 19 Bezirke.
  • 1900 wurden der 2. und der 20. Bezirk voneinander getrennt, Wien hatte 20 Bezirke.
  • 1904 wurden die heutigen Bezirke Donaustadt und Floridsdorf als 21. Bezirk eingemeindet.

Spinåtwåchter

Mit 1894 ist die hier dargestellte Karte datiert und bis 1894 bestand der Linienwall, eine Befestigung im Verlauf des heutigen Gürtels. Errichtet wurde der Linienwall nach 1700 als Schutz gegen plündernde Kuruzen, diente aber danach als Steuergrenze, die “Linie”. Jeder, der Waren nach Wien brachte, musste diese an der Linie verzollen. Die grün gekleideten Beamten wurden geringschätzig “Spinåtwåchter” genannt, die Abgabe war die unbeliebte “Verzehrungssteuer”. Sie hatte die Wirkung, dass das Leben außerhalb der Linie billiger war und sich daher Neuankömmlinge eher in den Vorstädten angesiedelt haben.

Spielorte um 1900

Die hier abgebildete Karte der “Wiener Tramway Gesellschaft” ist genau aus dieser Zeit und daher sieht man entlang des Gürtels eine im Zick-Zack der früheren Befestigung gezogene Bezirksgrenze.

Kartenausschnitt Wien 1894

Die Stadtbahn gibt es noch nicht, die wird erst 1898 eröffnet werden. Auch das Technische Museum wird erst 1918 eröffnet. Man sieht den Wasserbehälter auf der freien Fläche der Hütteldorferstraße, wo sich heute der Meiselmarkt befindet.

Spielort “Schmelz”

In den Gründungsjahren von Rapid spielte man auf der Schmelz auf improvisierten Plätzen. Folgt man den Bezirksgrenzen der Karte, erkennt man, dass dieses Areal auf die Bezirke 13, 14 und 15 aufgeteilt war. Und in welchem Bezirk Rapid gespielt hat, das hing wohl ein bisschen damit zusammen, wo halt gerade Platz war.

Spielort “Selzergasse”

Ab 1903 spielte Rapid auf dem Grundstück entlang der Selzergasse, und man sieht auch schon auf dieser Karte aus 1894, dass die Wohngebiete die restlichen freien Flächen mehr und mehr einschnüren. Diese Spielstätte war im damaligen 14., heutigen 15. Bezirk.

Spielort “Hütteldorf”

Mit der Übersiedlung auf die Pfarrwiese 1912 nach Hütteldorf, spielte man bis 1938 im 13. Bezirk. Hier ein Blick auf die damalige Bebauung in Hütteldorf:

Hütteldorf, 1894

20 Jahre später hat sich dann Fußball in Hütteldorf etabliert.

Hütteldorf, 1925

Man kann die Pfarrwiese erkennen und den vergleichsweise riesigen Sportplatz des W.A.F. entlang der Bahnhofstraße.

Lebensgefühl

Was waren aber die Ursachen für diese Entwicklungen?

Im Hintergrund steht eine Agrarrevolution, die schon seit dem 18. Jahrhundert ein konstantes Bevölkerungswachstum von etwa 0,5 Prozent pro Jahr ermöglicht hat. Doch die Menschen wurden durch die Leibeigenschaft in den ländlichen Regionen gehalten. Verehelichungsverbote wirken wie eine Geburtenregelung.

Mit 1848 verabschiedete man sich vom System “Metternich” und die Schleifung der Stadmauern von Wien symbolisiert den Aufbruch in die Gründerzeit. Der junge Abgeordnete Hans Kudlich bringt einen Gesetzesentwurf ein, der schließlich die Bauern aus der Leibeigenschaft befreit, mit der Folge, dass die verarmte Landbevölkerung sich in einem kontinuierlichen Strom in Richtung der Großstädte in Bewegung setzt. Etwa 4 Millionen gehen nach Übersee.

Diese Freiheit hatte ihre Schattenseiten, weil der damalige Staat, den man als “Nachtwächterstaat” bezeichnet, zwar für Recht und Ordnung sorgte und vor allem den Besitz garantierte, es aber völlig verabsäumt hat, den Arbeitermassen so etwas wie eine soziale Minimalausstattung mitzugeben. Also wirkten sich marktwirtschaftliche Prinzipien sowohl auf die Arbeitssituation als auch auf die Wohnungssituation ungebremst aus.

Am Arbeitsmarkt bedeutete der ständige Zustrom neuer Arbeitskräfte, dass die Arbeiter alle Bedingungen akzeptieren mussten, weil vor den Toren jederzeit andere warteten, dieselbe Arbeit unter denselben Bedingungen zu übernehmen. Extrem waren die Verhältnisse für die Ziegelarbeiter außerhalb der Stadt, die erst durch einen solidarischen Streik 1895 gemildert wurden.

Am Wohnungsmarkt bedeutete die Gründerzeit, dass die Hausherrn von der überaus großen Nachfrage nach Wohnungen profitiert haben. Minderwertige Wohnungen wurden zu überhöhten Preisen vermietet und die Folge waren Untervermietungen und Bettgeher. Zwei Bettgeher pro Bett, versteht sich; einer am Tag und einer in der Nacht.

Wilhelm Wiesberg, schrieb das Couplet “D’Hausherrnsöhnl’n” und einer seiner Fans soll Kronprinz Rudolf gewesen sein.

Das ist also genau die Zeit, in die Rapid hineingeboren wurde.

Wien ist anders

Die Landflucht ist ein europaweiter Prozess, und doch erzeugte er in Wien etwas Besonderes: den extremen Nationalismus.

Die folgende Europakarte zeigt den Zuzug zu den Hauptstädten. In allen Metropolen strömen die Menschen aus dem agrarischen Umland in die Städte. Dieser enorme Zuzug, der die Städte explodieren lässt, wird aber nirgendwo als besorgniserregend empfunden, außer in Wien, weil hier der Zuzug in erster Linie aus fremdsprachigen Gebieten erfolgte.

Wie sich das angefühlt haben muss, kann man jederzeit am Victor Adler Markt (oder anderen ähnlichen Hot-Spots) erleben. Der Wiener fühlt sich durch die Zuwanderer-Massen an den Rand gedrängt, dabei ist die heutige Zuwandererzahl nur ein Bruchteil dessen, was man damals erlebt hat.

Die Volkszählungen der Jahrhundertwende zeichnen Wien als eine deutschen Stadt mit einem Anteil von etwa 10% Tschechen. Aber die gefühlte Realität war die, dass manche Autoren davon sprechen, dass Wien die größte tschechische Gemeinde überhaupt war. Diese Diskrepanz liegt an der Schwierigkeit, festzustellen, wer Wiener und wer Nicht-Wiener ist. Wir erleben dasselbe ja auch heute, nur sind es halt Türken, die in diesem Konflikt als Feindbilder herhalten müssen.

Damals herrschte ein großer Anpassungsdruck. Kaum angekommen, wurde der Name eingedeutscht. Wollte man etwas erreichen, musste man als Wiener auftreten und sich um den begehrten Wiener Heimatschein bewerben. Und hatte man ihn, wurde man automatisch als Deutscher gezählt. Aber der gefühlten Realität entsprach das nicht.

Böhmische Schwalben

Noch ein Zähltrick: Sowohl die Ziegeleiarbeiter als auch das mit ihnen verbundene Baugewerbe waren saisonal. Im Herbst fuhr man zurück in die Heimatdörfer, im Frühling kehrte man wieder zurück. Aber die Volkszählungen waren aus taktischen Gründen im Dezember, was zu Folge hatte, dass man weniger Menschen erfasst hat als normalerweise hier lebten und der Anteil der Tschechen war deutlich kleiner.

So, wie im folgenden Bild sah man die Situation nach einer Volkszählung in Wien:

Kikeriki, Jänner 1912

Obwohl die Ergebnisse der Volkszählung ganz anders lauteten, werden in diesem Bild der Tscheche und der Jude riesig im Vergleich zum Deutschen Michel dargestellt. Von einer österreichischen Identität ist hier nichts zu sehen.

Das Kaiserhaus kämpfte vergeblich gegen diese unheilvollen Strömungen an. Lueger, der die populistische Nationalistengeige virtuos beherrschte, wurde vom Kaiser vier Mal wegen dessen “Radau-Antisemitismus” die Bestätigung als Bürgermeister verweigert, mit dem Effekt, dass er mit jeder dieser Ablehnungen populärer wurde.

Lueger nannte sich “Christlich-Sozial”, doch verband man mit diesem Begriff eher die Verbindung von Altar und Thron als eine solche mit den arbeitenden Menschen. Wie konnte er aber dann Bürgermeister werden ohne die Stimmen der Arbeiter?

Das Kurienwahlrecht machte das möglich. Die zu vergebenden Stimmen waren in vier Kurien aufgeteilt und in jeder Kurie waren nur die dort Zugehörigen wahlberechtigt. Die vier Kurien waren: Großgrundbesitz; Städte, Märkte, Industrieorte; Handels- und Gewerbekammern; Landgemeinden. 1896 kam eine fünfte Kurie dazu, die der über 24-jährigen Männer, die mehr als ein Jahr an einem Ort gearbeitet haben. Erst 1907 kommt ein allgemeines gleiches Wahlrecht für Männer und 1918 für alle.

Dieses Wahlrecht ermöglichte Lueger als Bürgermeister.

Die arbeitende Bevölkerung hatte längst jede Verbindung zur Kirche verloren und wandte sich den neuen Idealen des Sozialismus zu. Die Enzyklika des Papstes, die heute als “Christliche Soziallehre” verkauft wird, kam viel zu spät.

Für uns, die wir 120 Jahre später leben, ergibt sich die verblüffende Parallele, dass wieder ein, sich “christlich-sozial” nennender Bundeskanzler weit aus dem rechten Fenster lehnt, so als würde er dort den Geist Luegers einatmen wollen.

In diesem Biotop von Armut, Nationalismen, Fremdenhass und Antisemitismus wuchs ein junger Mann auf, unauffällig und alle diese Ideen zu einem krausen Weltbild verarbeitend: Adolf Hitler, atemberaubend zusammengefasst von Brigitte Hamann in “Hitlers Wien”.

Deutsch-Nationalismus

Warum es Piefkes gibt, warum am Akademikerball immer wieder deutsche und nicht österreichische Schärpen präsentiert werden hat seine Wurzeln im Ausschluss von Österreich aus dem Deutschen Bund durch die Preußen nach 1866.

Es war zwar noch keine Rede von einem unabhängigen Österreich wie wir es heute kennen, aber der Anschlussgedanke wurde damals geboren. Und noch 1923 als alles längst entschieden war, bekannten sich alle parlamentarischen Parteien dazu, einen solchen Anschluss anzustreben, auch wenn ein solcher durch den Friedensvertrag von st. Germain ausdrücklich verunmöglicht war.

Warum sie das tun konnten (also für einen Anschluss sein)? Diese Anschluss-Idee wusste damals noch nicht, wie sich die Geschichte weiter entwickeln würde. Heute hat diese Anschlussidee durch den Zweiten Weltkrieg eine weitere Facette bekommen, die es schwer macht, der Idee etwas Positives abzugewinnen, speziell in einem vereinigten Europa.

Analphabetismus

Böhmen und Mähren hatten etwa eine gleich hohe Alphabetisierungsrate wie Wien oder Niederösterreich von fast 98 %. Doch unter den Zuwanderern war der Anteil der Analphabeten deutlich höher. Aus diesem Grund kennzeichnete man die Straßenbahnen anfangs nicht mit Buchstaben und Zahlen, sondern mit Farbsignalen.

Diese Signalfarben galten in Wien bis 1907

Die Linie nach Rudolfsheim und Penzing waren grün. Vielleicht war diese Farbkennzeichnung der spätere Grund für die Wahl von grün-weis als Vereinsfarbe.

Freizeit

Fußball gab es ja gerade noch nicht. Freizeit – sofern es so etwas gab – verbrachte man angesichts der beengten Wohnverhältnisse in den Gasthäusern, bei so genannten 5-Kreuzer-Tänzen.

Wegen Gefährdung der öffentlichen Sittlichkeit wurde 1886 in Wien das Verbot öffentlicher Tanzveranstaltungen erlassen.

Dieses Verbot und auch die geringere Besteuerung waren ein Grund, warum Veranstaltungen außerhalb der Stadt an Beliebtheit gewannen. Eines dieser Gebiete war der “Böhmische Prater”. Er lag günstig zu den Bezirken Favoriten und Simmering, zum Arsenal mit seinen Soldaten und auch zu den Ziegeleien am Laaerberg. Das wichtigste aber, der Laaer Wald gehörte zu Oberlaa und das wieder zur Bezirkshauptmannschaft Bruck an der Leitha und lag außerhalb der Zuständigkeit der Stadt. Aus diesen Randbedingungen entwickelte sich ein gut besuchtes Freizeitzentrum, vor allem eben der Tschechen.

“die ärmsten Sklaven, welche die Sonne bescheint”

So beschrieb Victor Adler die Menschen, die am Wienerberg schufteten und unter entsetzlichen Bedingungen hausten. Seine Recherchen und Publikation in der “Gleichheit” führten 1889 zur Gründung der SDAP in Hainfeld. Aber erst im April 1895, also wieder in den Jahren der Gründung von Rapid, kam es zu einem Generalstreik der Ziegelarbeiter und zu einer Art ersten Arbeitsvertrag, der lautete:

  • 11-Stunden-Tag
  • arbeitsfreier Sonntag
  • arbeitsfreier Erster Mai
  • Abschaffung des Prämiensystems
  • Abschaffung des Trucksystems (Blechgeld)

Der Erste Mai 1895 war der erste arbeitsfreie Tag für die Ziegelarbeiter und sie marschierten von Inzersdorf mit Musikkapellen in die Biergärten des Böhmischen Praters. Aus dieser Zeit gibt es wohl eines der berühmtesten Fotos mit Victor Adler:

Das Sperrsechserl, Šesták

“Das Sperrsechserl” ist der Titel einer Operette von Robert Stolz. Das berühmteste Lied daraus: “A klane Drahrerei”. Der Titel zeigt uns die Bedeutung dieses kleinen Geldstücks für die damalige Zeit. Jeder, der nach 22 Uhr nach Hause kam, musste beim Hausbesorger dieses Sperrsechserl bezahlen.

Es war ein lebenslanges Anliegen von Victor Adler, dass jeder Mieter einen Haustorschlüssel haben sollte und man sollte nicht glauben, woran das gescheitert ist. Dieses Recht, Geld einheben zu dürfen, gab dem Hausbesorger Macht und die regierende christlich-soziale Fraktion wollte sich durch die Beibehaltung des Sperrgeldes die Stimmen der Hausbesorger sichern.

Erst 1923, also nach dem Tod von Victor Adler wurde das Sperrgeld abgeschafft, doch kann ich mich erinnern, dass in meiner Kindheit die Hausbesorgerin immer noch mit einem Sperrgeld gerechnet hat, wenn man sich einmal verspätet hat.

6 Kreuzer waren ein kleines Geldstück und die ärmere Bevölkerung hat nur mit kleinen Geldstücken bezahlt, zum Beispiel auch die Favoritner. Viele waren Tschechen und daher nannte man Favoriten damals auch den Šesták-Bezirk.

Arbeiter-Fußball

So etwa war die Zeit, als in Wien die ersten Fußballvereine entstanden sind. Fußballvereine aus dem Arbeitermilieu standen unter misstrauischer Beobachtung der Polizei – wie uns Laurin Rosenberg beim Geburtstagsabend am 8.1.2019 erzählt hat. Das war mit ein Grund, warum man den 1897 gegründeten 1. Wiener Arbeiter Fußball Club im Jahr 1899 in S.C. Rapid umbenannt hat.

Geburtstagsabend

Es war ein Abend der Superlative. Seit wir die Veranstaltungen von Rapid besuchen (etwa seit 2005) haben wir keine so tolle Veranstaltung erlebt. Dazu trägt natürlich der Rahmen im neuen Stadion, die präzise Planung und das Pyro-Spekakel am Ende des Abends bei.

72 rote Fackeln zeichnen “120” auf die Tribüne des Fanblocks

Die folgende Bilderfolge zeigt alle Diskussionsrunden, alle Bilder findet Ihr über den Link am Ende des Beitrags. Bei den Bildern sind auch drei Videos aus dem Stadion.

Besonders hervorheben möchte ich die Collage mit Roman Gregory mit seiner ausdrucksstarken Mimik.

Es wurden viele Gags an diesem Abend erzählt, den von Rudi Edlinger habe ich mir gemerkt: Ein Journalist fragte ihn einmal, welcher Job schwieriger sei, der des Finanzministers oder der des Rapid-Präsidenten. Die Antwort war überraschend, der des Rapid-Präsidenten, denn ein Finanzminister weiß, wo er sich das Geld beschaffen kann, wenn es in der Kassa fehlt, der Rapid-Präsident weiß das nicht.

Es gab auch eine – für mich – echte Premiere, denn noch nie war Oliver Pohle in einer Talkrunde zu Gast und er und Roland Kresa gaben uns interessante Einblicke in “wie alles begann”.

Gerhard Niederhuber schilderte Rapid in den Nachkriegsjahren als einen elitären Zirkel, der nur ausgewählte Personen als Mitglieder aufnahm. Dieser Engpass war die Geburtsstunde des “Klub der Freunde des S. C. Rapid”. Der Verein konzentrierte sich seit jeher auf die Unterstützung der Nachwuchsmannschaften, denn der Kampfmannschaft “könne man nicht helfen”. (Ziemlich zweideutig in diesen Tagen:-) Es gab Situationen finanzieller Engpässe, in denen der Geschäftsführer von Rapid vom Klub der Freunde Geld für Gehälter bekam.

Interessant war auch die Schilderung, wie es dazu kam, dass der auf Meisterkurs liegende Walter Skocik im April 1982 überraschend auf Weisung des damaligen Präsidenten Holzbach von Rudi Nuske abgelöst wurde und damit der Titel “Meister 1982” gleich zwei Trainern angerechnet werden kann.

Wer hat Andy Marek erfunden?

Auch diese Frage wurde beantwortet: es war Franz Binder jr. der 16 Jahre lang Geschäftsführer bei Rapid war.

Alle Experten waren sich einig, dass die Mannschaft der 1950er Jahre, die unter anderem auch vom Star der 1920er-Jahre Pepi Uridil trainiert wurde, zu den Spitzenmannschaften in Europa gezählt hat. Videos von den Erfolgen gegen Real Madrid haben das eindrucksvoll gezeigt.

Links

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120 Jahre “Rapid”

Wir wissen wenig über die Zukunft, können aber in der Vergangenheit vieles über uns selbst entdecken. Wer sich mit den Ereignissen der Jahre um und nach 1900 beschäftigt, stellt mit einem gewissen Schrecken Parallelen zum Heute fest, die man sich vor 10 bis 20 Jahren so nicht
hätte vorstellen können. Wahrscheinlich, weil die Menschen sich nicht vorstellen wollen, wie schlecht Menschen zu Menschen sein können.

Das heutige Österreich kommt mir vor wie ein Block-West, der zur Findung der eigenen Identität Gegnerschaft so dringend braucht wie andere Menschen Freunde. Aber dazu ist der Block da, es gehört zum Spiel. Aber soll so unsere Gesellschaft funktionieren? Es geht uns offenbar nicht mehr darum, solidarisch Fairness für uns selbst einzufordern, es geht nur mehr darum, dass es Menschen gibt, über die man sich stellen kann. Die Feindbilder von 1900, Juden oder Tschechen, sind heute so marginalisiert, dass sie sich unter der Wahrnehmungsschwelle befinden. Aber Migranten gibt es viele und gemeinsam mit den zahlenmäßig starken Türken geben sie ein prächtiges Feindbild ab.

Um 1900 ging es darum, die Juden gering zu schätzen, 1920 ging es darum, ihre Rechte zu beschneiden, 1930 darum, ihren Besitz zu konfiszieren und 1940 ging es um ihre Existenz. Zuerst in Deutschland. Wien war damals bis 1938 fast eine Insel der Seligen, doch traf es die verbliebenen Juden, zu denen auch Wilhelm Goldschmidt, der Namensgeber des SK Rapid, zählte, umso überraschender.

Stolperstein für Wilhelm Goldschmidt , Große Schiffgasse 22

Man hat heute den Eindruck, als würden wir wieder vor einer so “großen” Epoche stehen. Egal, ob es die Anderen sind oder ob es Europa ist, Zerstörung ist ihr Programm, nicht Konstruktion, zu der es Kompetenz brauchen würde. Und es ist wie bei Lego, z’sammenghaut ist schneller als errichtet.

Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie hat einen fraktalen Charakter, von dem man meint, alles schon einmal erlebt zu haben. Alle heutigen Abschiebungen beruhen auf Recht; auch die von Auschwitz beruhten auf Recht. Wer will wissen, was genau jemanden erwartet, der par Flug abgeschoben wird? Fundamentalistische Staaten haben darauf eine klare Antwort. Ein fahnenflüchtiger Moslem hat sein Leben verwirkt, wie man am Schicksal der Rahaf Mohammed al-Kunun ablesen kann. Und weil wir die Folgen solcher Abschiebungen im Einzelfall nicht wissen können, müsste die Regel lauten “im Zweifel gegen die Abschiebung”. Aber die mehrheitlich beklatschten Entscheidungen von türkis-blau schauen anders aus.

Wobei: was, wenn dann schließlich alle abgeschoben worden sind, was dann? Wer ist der Nächste?

Daher ist der Stolperstein ein wichtiges Symbol dafür, dass sich Geschichte nicht wiederholen möge, und wenn wir spüren, dass die Politik wieder so unheilverkündende Richtungen einschlägt, wir rechtzeitig auf eine Bremse steigen – solange diese noch funktioniert, denn die Demontage der Bremsleitungen hat schon voll eingesetzt.

Oder könnt ihr damit etwas anfangen, dass die Caritas eine gewinnorientierte Organisation wäre? Dass Exekution und Rechtsberatung nunmehr in einer Hand sein sollen? Bei Polizei und Justiz könnte es ähnlich laufen wie man an verschiedenen Urteilen gegen Fußballanhänger gut ablesen kann. Ach ja, die Fußballanhänger! Auch so eine praktische Minderheit, die unter großem Beifall der Wähler und Medien in die Politzange genommen wird.

Wie hieß es so schön: “Wehret den Anfängen!”

Wer hätte gedacht, dass Künstler, Fußballer und Ngos wie die Caritas und sich selbst zerstörende Oppositionsparteien jener Strohhalm sein werden, an den sich der verbleibende Rest der Demokratie wird klammern müssen.

Heute hat die Vereinsspitze von Rapid diesen Stolperstein eingeweiht. Er ist eine Erinnerung an Unvorstellbares – und doch ist es passiert. Daher ein Danke an Rapid für dieses kleine Mahnmal!