Videoanalyse mit Dr. Stefan Oesen

Am 14.10.2019 lud die VHS-Penzing im Rahmen eines Schwerpunkts “Profi-Fußball abseits der Kameras” zu einem Vortrag von Dr. Stefan Oesen ein. Durch den Abend begleitete Miriam Labus, Moderatorin des Behindertensportmagazins „Ohne Grenzen“ in ORF SPORT+. Die etwa 70 Besucher im bis zum letzten Platz gefüllten Vortragssaal folgten den spannenden Ausführungen des Videoanalysten.

Dr. Stefan Oesen und Miriam Labus im Gespräch

Um die Eindrücke kurz zusammenzufassen: es besteht ein gewaltiger Unterschied zwischen den Vorstellungen des durchschnittlichen Stadion- und Fernsehpublikums und der fußballtaktischen Realität hinter den Kulissen. Dass man davon in den Interviews vor und nach dem Spiel nicht all zu viel erfährt, ist einleuchtend, weil ja immer auch der Gegner mithören kann. Umso interessanter war es, in diesen 90 Minuten Details zu den angewendeten Techniken und Planungen zu erhalten.

Vor einem Spiel…

…erstellt der Analyst eine Spielvorbereitung, die exakt auf den kommenden Gegner zugeschnitten ist. Die Spieler werden in zusammenfassenden Videos auf ihre Aufgabe vorbereitet, wobei offenbar “die Würze in der Kürze liegt”, denn allzu weit gehende Analysen können die Spieler praktisch nicht verarbeiten und daher dürfte es die Kunst des Analysten sein, das Wesentliche zu vermitteln. Wir haben auch erfahren, dass die Spieler ihren kommenden Gegenspieler sogar in kurzen Videosequenzen auf ihren Handys studieren können, eine Art “Hausübung”.

Das vorbereitende Training vor einem Spiel ist bereits auf den Ideen des Analysten aufgebaut und wird vom Trainerteam auf dessen Vorschlag umgesetzt. Die Zusammenarbeit zwischen theoretischer Videoanalyse und praktischer Umsetzung ist so wichtig geworden, dass Trainer bereits – ähnlich wie bei den Co-Trainern – ihren Videoanalysten zu einem neuen Dienstgeber mitnehmen.

Während eines Spiels…

…schneidet der Videoanalyst von seinem Platz auf der Pressetribüne Spielszenen heraus, die er als Schwachstellen erkennt. Während wir in den Spielpausen zu einem Glas Bier greifen, bespricht er diese Szenen mit dem Trainer und nach etwa fünf Minuten, wenn sich die Spieler in der Kabine erholt haben, werden maximal zwei dieser Szenen mit den Spielern besprochen, um mit diesen Informationen Verbesserungen in der zweiten Halbzeit herbeiführen zu können.

Diese Szenenauswahl erfolgt über ein “Tagging”. Ein Videoschnitt wie wir ihn als Heimuser kennen, kommt nicht infrage, es muss ja alles sofort geschehen. Daher gibt es eine Vielzahl von Tastenkürzel, die der Videoanalyst auswendig kennen muss. Diese Tastenkürzel (Tags) erlauben ihm schon während des Spiels die richtigen Stellen herauszugreifen und auch gleich dem betroffenen Spieler zuzuordnen.

Erfassung der Spielerbewegung

Wir sehen oft beim Training und im Spiel, dass die Spieler einen GPS-Empfänger am Rücken tragen. Diese Messeinrichtung wird ausschließlich vom Athletik-Trainer ausgewertet, nicht aber durch den Videoanalysten. Dieser greift ausschließlich auf die Daten von Video-Kameras zu.

Für die Videoanalyse sind die Fernsehbilder, mit ihren Nahaufnahmen und Wiederholungen ungeeignet. Diese Fernsehbilder sollen die Wirkung beim Zuseher verstärken, unterschlagen aber für die Analyse wichtige Aspekte, weil sie nicht alle Spieler erfassen. Auf allen Spielorten der Bundesliga ist speziell für die Analyse ein Kamerasystem aus zwei Kameras aufgebaut, welches automatisch alle 20 Feldspieler erfasst, egal, wohin sich das Spielgeschehen gerade verlagert. Aus den beiden Bildern dieser Kameras wird elektronisch ein einziges Gesamtbild errechnet. Diese Daten stehen den Vereinen zur Verfügung- Durch die optische Erfassung des Spielgeschehens kennt man nicht nur die Bewegungsdaten der eigenen Mannschaft (wie bei den GPS-Empfängern), sondern auch die des Gegners.

Aus diesen Bewegungsdaten können alle gewünschten statistischen Daten jedes einzelnen Spielers bestimmt werden. Wir haben die Datenausgabe auf der Leinwand mitverfolgen können. Es sind technisch ganz einfache CSV-Dateien, die durch eine eine Datenanalyse hinsichtlich der gesuchten Größen ausgewertet werden. Für die Auswertung steht bei Rapid auch ein Mathematikstudent unterstützend zur Verfügung.

Spielphilosophie

Wir können davon ausgehen, dass die uns vorgestellten Details kein besonderes Rapid-Geheimnis darstellen, etwa der Umstand, dass in einer Zone rund um das Tor die meisten Tore erzielt werden, erscheint jedem klar und ebenso, dass im Spielaufbau jeder Spieler das gemeinsame Ziel verfolgt, den Ball genau dorthin zu bringen, wo die Chance auf ein Tor besonders groß ist. Blöderweise wissen das die Gegner auch, und haben auch dieselben Hilfsmittel. Fast, denn in Salzburg dürfte man schon einen Schritt weiter sein und kann eine Videosequenz in Form von 3D-Bildern in ein reales Spielfeld einblenden. An eine Realisierung mit 3D-Brillen wird bereits gearbeitet.

Andere Länder…

Während bei Rapid mit dem Einstieg von Stefan Oesen 2013 die Ära der Videoanalyse begann, ist diese anderswo sicher schon viel früher angewendet worden und wird auch heute viel intensiver betrieben als das bei Rapid der Fall ist. Etwa meldete sich bei einer Datenanfrage ein englischer Verein bei Rapid und der Kontaktmann war der “Chief of Opponent Video Analysis”, also jemand, der sich ausschließlich um die Video-Analyse des Gegners kümmert. Und da er der Leiter einer ganzen Gruppe ist, kann man sich leicht vorstellen, mit welchem Aufwand man in den reichen Ligen auf der Suche nach Vorteilen im Spiel auf der Spur ist.

50% aller Tore entstehen zufällig

Fußball ist so populär, weil nur “manchmal der Stärkere gewinnt” – wie es Metin Tolan in seinem gleichnamigen Buch beschreibt. Daher ist für den Taktiker das Ergebnis nur von sekundärer Bedeutung. Die Mannschaft kann hervorragend gespielt haben und dennoch verlieren. Ein solche Spielverlauf, kann den Zuschauer zur Verzweiflung bringen, kann aber gleichzeitig für die Mannschaft und die Betreuer durchaus motivierend sein, weil sie das Spiel weniger vom Ergebnis sondern eher von der Wirksamkeit ihrer taktischen Maßnahmen beurteilen.

Ein Tor entsteht dann durch einen Zufall, wenn vom Zeitpunkt des Wechsels der Ballbesitzes es an irgendeiner Stelle des Spielaufbaus zu einem ungeplanten Verhalten des Balls gekommen ist. Ballglück, Ballpech, abgefälschter Schuss, Stangenschuss, der ins Tor geht – oder eben nicht, oder auch Eigentore. 42% der Tore – also fast de Hälfte – fällt rein zufällig.

Was allein die taktisch gute Schulung der Spieler bewirken kann, ist eine Erhöhung der Torwahrscheinlichkeit und eine Reduktion der Wahrscheinlichkeit für Gegentore. Aber einen Sieg erzwingen kann auch die ausgefeilteste Taktik nicht. “Wo der (Fußball)Hergott net wü, nutzt des gar nix…”

Die Taktik des Taktikers

Ein VIdeo-Analyst arbeitet eher zurückgezogen und wird von den Zuschauern wenig beachtet. Er hat aber einen großen Einfluss auf die Art, wie gespielt wird. Durch diese Arbeit im Hintergrund blieb ein Umstand fast unbemerkt, nämlich der Wechsel von Stefan Oesen von Rapid zu Salzburg und wieder zurück, etwas, das bei einem Spieler beim Block weniger gut angekommen wäre. Stefan Oesen ist im Jänner 2014 bei Rapid eingestiegen, hat dann aber zwischen Juni 2017 und Ende 2018 bei Red Bull Salzburg gearbeitet und ist erst seit der vorigen Saison wieder bei Rapid tätig. Was nun der Grund für diesen zurückgenommenen Wechsel ist, kann man nur raten, denn es wird ja im Fußball nicht jede Frage auch beantwortet. Er hat also Rapid verlassen, nachdem Gogo das Traineramt von Damir Canadi geerbt hat und ist erst wieder eingestiegen, als Didi zum Trainer ernannt wurde. Ob die Trainerkonstellation der Grund für den Wechsel war? Dafür könnte sprechen, dass eine Video-Analyse nur bei einer guten Zusammenarbeit mit dem Trainerteam möglich ist. Ganz Raffinierte könnten meinen, dass man bei Rapid auf diese Weise Interna aus Salzburg in Erfahrung bringen konnte.

Erfolgshunger

Das Publikum verlangt nach Erfolgen. Es scheint derzeit bei Rapid zwar aufwärts zu gehen, doch ganz traut man dem Trend noch nicht, weiß man doch um den großen Zufallsanteil der Ergebnisse.

Eine der Fragen an den Vortragenden betraf den Umstand, dass Rapid derzeit weit davon entfernt ist, die aus den Zeiten des St. Hanappi bekannte Heimstärke zu zeigen. Allein, auch darauf wusste er keine Antwort, weil er sich nicht mit solchen historischen Vergleichen beschäftigt. Und die nicht vorhandene Heimstärke hat keine unmittelbare Erklärung.

Es ist aber interessant, dass genau in die Zeit der Stadionbaus auch der Beginn der Video-Analyse bei Rapid und – wie wir erfahren haben – auch bei den anderen Bundesliga-Klubs fällt. Alle Vereine arbeiten mit denselben Daten. Wenn nun die Video-Analyse zu einer deutlichen Verbesserung der taktischen Disziplin in den Teams geführt hat, dann verringerte dieser Umstand den Abstand der Großen von den Kleinen und die Chancen der kleineren Vereine haben sich enorm erhöht, weil die technische Infrastruktur offenbar von der Bundesliga zur Verfügung gestellt wird, und das wirkt nivellierend. Das könnte eine Antwort auf die Frage sein, dass Rapid die Heimstärke nicht mehr so klar ausspielen kann, weil sich durch die Analyse alle Vereine praktisch gleich gut auf den jeweiligen Gegner einstellen können. Und wie wir sehen, benötigt man dazu praktisch nur eine Person.

Wir bedanken uns beim Vortragenden für die interessanten Einblicke in sein Arbeitsgebiet, als “Stratege hinter dem Trainer”.

Links

Kommende Veranstaltungen der VHS-Penzing

Di, 15. Oktober 2019 18:30-20:00, 6,- €
Grün-Weiß unterm Hakenkreuz, Laurin Rosenberg

Do 31. Oktober 2019 18:30-20:00, 6,- €
Schiedsrichterwissen: Wie man entscheidet

Asymmetrie

Die Spielfreude unserer Mannschaft unterliegt in dieser Saison einer auffälligen Asymmetrie, die ganz gegen die sonstigen statistisch erhobenen Erfahrungswerte gerichtet ist, auch gegen die der eigenen Fußballgeschichte. In der Folge werden daher die historischen Daten aller Bewerbspiele von Rapid mit den Daten der aktuellen Saison verglichen.

Heim- und Auswärtserfolg

Frühere Ergebnisse

In 2006 Heimspielen hat Rapid das Ergebnis S,U,N=1321,345,340 und daher 4408 Punkte oder 2,2 Punkte pro Spiel und in 1925 Auswärtsspielen das Ergebnis S,U,N=847,445,633 und daher 2986 Punkte oder 1,55 Punkte pro Spiel erzielt. Rapid hat also traditionell eine große Heimstärke und erreicht bei Heimspielen um 0,6 Punkte mehr als bei Auswärtsspielen. 

Laufende Saison

Die Homepage des “Klub der Freunde” zeigt uns die Ergebnisse der laufenden Saison jeweils in getrennten Tabellen für Heim- und Auswärtsspiele auf der Seite http://klubderfreunde.at/rapid/rapid-i/liga-tabelle-runde/. Das Ergebnis präsentiert sich so:

Tabelle bei Heimspielen

Tabelle bei Auswärtsspielen

In 15 Heimspielen hat Rapid das Ergebnis S,U,N=7,5,3 und daher 26 Punkte oder 1,73 Punkte pro Spiel und in 14 Auswärtsspielen das Ergebnis S,U,N=6,5,3 und daher 23 Punkte oder 1,64 Punkte pro Spie erzieltl. Rapid hat also derzeit eine nur leichte Heimstärke und erzielt bei Heimspielen nur um 0,1 Punkt mehr als bei Auswärtsspielen.

Dass Rapid in der Heimtabelle weiter hinten liegt eben daran, dass andere Vereine eine bessere Heimstärke aufweisen als Rapid. 

Erste und zweite Halbzeit

Grundsätzlich wissen wir, dass mit Fortschreiten des Spiels mehr Tore fallen. Diesem Umstand verdanken wir auch das Einklatschen der Rapid-Viertelstunde, denn durch eine besondere Anstrengung in der letzten Spielphase kann es gelingen, den müde gewordenen Gegner niederzuringen. Diese Beobachtung gilt nicht nur für Rapid, sondern für alle Fußballmannschaften. 

Weil Halbzeitergebnisse im Allgemeinen nicht untersucht werden, musste ich die Halbzeitergebnisse aus den Tabellen herausrechnen. Von den 3.931 Pflichtspielen sind nur bei 3.661 Spielen die jeweiligen Halbzeitergebnisse bekannt. 

Frühere Ergebnisse

Wie wäre das Spiel ausgegangen, wenn man das Ergebnis der ersten oder der zweiten Halbzeit allein gewertet hätte? Um die Sache etwas einfacher zu machen, wurden die Punkte berechnet, weil man dazu nur eine Maßzahl benötigt.

Das Ergebnis ist wie folgt:

             S      U     N   Punkte
Halbzeit 1 1.597  1.246  818  6.037  
Halbzeit 2 1.766  1.087  808  6.385
Gesamt     2.040   743   878  6.863

Das Ergebnis zeigt deutlich, dass die zweite Halbzeit die stärkere der beiden Halbzeiten ist. Interessant ist weiters, dass die Punktezahl des Gesamtergebnisses deutlich über dem der beiden Halbzeiten allein ist. Das kann man leicht am letzten Spiel in Mattersburg erklären. Die erste Halbzeit wurde 4:1 gewonnen, die zweite Halbzeit 0:1 verloren. Insgesamt war es aber ein Sieg. Es liegt an der taktischen Einstellung nach einem erfolgreichen Zwischenstand, dass dann eben ein Gang zurückgeschaltet wird oder eben umgekehrt, bei einem Rückstand der Turbo gezündet wird.

Laufende Saison

Tabelle der ersten Halbzeit

Tabelle der zweiten Halbzeit

Das Ergebnis ist wie folgt:

             S      U     N   Punkte
Halbzeit 1  14     12     3   54  
Halbzeit 2   7     13     9   34
Gesamt      13     10     5   49

Aus dieser Auswertung erkennen wir, dass es im historischen Vergleich untypisch ist, dass die erste Halbzeit für das Gesamtergebnis mehr verantwortlich ist als die zweite. In der heurigen Saison gibt aber die erste Halbzeit den Ton an, aber das genau umgekehrte Ergebnis hätten wir erwartet. Diese dramaturgische Einlage eines Schluss-Furioso ist es aber, das das Publikum mit nach Hause nehmen will, nicht einen Zittersieg gegen St. Pölten. 

Diagnose

Unser geliebtes Rapid lässt wichtige Tugenden vermissen:

  • Die für einen guten Saisonerfolg sehr wichtige Heimstärke ist nicht gegeben. Der Erfolg bei Heim- und Auswärtsspielen ist derzeit nahezu gleich. Als Zuschauer haben wir das Gefühl, dass wir im Allianz-Stadion noch nicht wirklich angekommen sind und das trotz bester Bedingungen für alle Beteiligten. Möglicherweise ist die fehlende Heimstärke gar nicht auf einen Mangel unserer Mannschaft, sondern auf die große Motivation der Gegner im schönsten Stadion Österreichs zurückzuführen.
  • Die für Rapid typische Stärke in der zweiten Halbzeit hat sich ins Gegenteil verkehrt. Die erste Halbzeit dominiert derzeit das Endergebnis. Das sieht man sowohl an der Tabelle als auch konkret an den beiden letzten Spielen gegen Mattersburg und St. Pölten und ebenso an zahlreichen Spielen, bei denen in der ersten Halbzeit ein respektabler Vorsprung herausgespielt wurde, der dann in der zweiten Halbzeit verspielt wurde. Das dürfte nicht an konditionellen Problemen liegen, sondern entweder an einem fehlenden Motivationsschub in der Pausenansprache des Trainers oder an einer grundsätzlich mangelhaften Einstellung, deren Ursachen aber im Unklaren liegen. Wie schlecht man allerdings beraten sein kann, wenn man der Forderung der Tribüne nach einem anderen Trainer folgt, wissen wir ja aus leidvoller Erfahrung aus dem Vorjahr. 

Die Trainer-Falle

Unser Trainer Gogo war im Vorjahr die richtige Trainer-Lösung in einer verzwickten Situation. Und er hat die Ergebnisse stabilisiert. Mit etwas Glück wäre mehr möglich gewesen, aber gewisse Schwächen sind auch ohne den Glücksfaktor gegeben und die obigen Zahlen zeigen eventuell an, wo man “drehen” muss.

Wenn man die Meinung des Publikums einholt, ist deren Antwort meist eine sehr einfache: man will einen anderen Trainer. 

Aber wie käme es dazu?

Ein Trainerwechsel wird wohl nach den Erfahrungen des Vorjahrs wohl nur bei dringendem Handlungsbedarf vorgenommen. 

Zum Beispiel bei anhaltendem Misserfolg. Vorzeitiges Ausscheiden aus dem Cup und Nicht-Erreichen des internationalen Startplatzes. Das würde zwar dem Publikumswunsch zur Folge haben aber wer will das schon? Doch niemand!

Wenn aber die Ergebnisse gut sind, wir im Cup weiterkommen und den dritten Platz in der Tabelle halten können, dann wäre es doch weder fair noch notwendig, eine Änderung anzupeilen, oder?

Daher wäre es unsere vordringliche Verpflichtung, die Mannschaft und den Trainer zu unterstützen und nicht ihn auszupfeifen!

Wir sitzen also in einer Art Zwickmühle. Wollen wir, dass der Trainer geht, müssen die Ergebnisse schlecht sein. Das wollen wir natürlich nicht und daher bleibt er, was auch wieder nicht nach unserem Geschmack ist. Ganz ähnlich sind die Ergebnisse und die Reaktionen darauf. Man gewinnt Spiele, die man früher eher verloren hätte, dennoch ist das Publikum unzufrieden, weil man das Dilemma geradezu spürt, dass die Ergebnisse einen Zustand festigen, den man nicht haben will. Daher könnte auch der Charakter der Spiele so unklar sein und zwischen sehr guten Spielphasen und eher bedenklichen Spielphasen schwanken. Es scheint, als könne sich auch die Mannschaft nicht so recht entscheiden, ob sie nun den Trainer will oder nicht will. 

Nehmen wir an, eine Mannschaft kommt mit ihrem Trainer nicht mehr aus, und es gibt genug Beispiele, sicher auch bei Rapid, in denen das der Fall war. Fußball ist keine sehr demokratische Angelegenheit; im Gegenteil erscheint das System sehr hierarchisch und autoritär zu sein. Spieler haben in der Trainerfrage keine Rolle. Sie bekommen den Trainer vorgesetzt und keiner von ihnen wird um seine Meinung über den alten oder den neuen Trainer gefragt. Ob diese Vorgangsweise gescheit ist, bezweifle ich. Da man es aber so pflegt (die letzten Trainerwechsel bei Rapid spielten sich genau so ab), muss man damit rechnen, dass ein Unbehagen bei der Mannschaft, das nicht in Gesprächen geteilt werden kann, einen Einfluss auf die Spielweise haben wird. Die Mannschaft spielt gegen den Trainer. Nicht, dass ein einzelner Spieler das so ausdrücken würde. Aber der Spielstil zeigt es. Ich frage mich daher, bei welchen Spielen oder Spielsituationen oder eben dann Ergebnissen man einen solchen unbewussten Protest der Spieler beobachten kann. Ist es zum Beispiel die Lustlosigkeit eines Philipp Schobesberger, der vielleicht weniger als andere als Soldat seinem Job nachkommt sondern schon allein wie er sich bewegt zum Ausdruck bringt, dass er unter diesen Bedingungen nicht spielen will. Ein ähnlicher Spieler wäre Marco Arnautovic. Bei seinem vorigen Trainer bei Westham wurde er wegen Lustlosigkeit ausgepfiffen, unter dem neuen Trainer hat er sich zum Erfolgsgaranten gesteigert. Marco ist kein Soldat, der Befehle unreflektiert ausführt. Mein Eindruck von ihm ist, dass er wenig Anpassungsbereitschaft hat und er Unbehagen mit einer Situation im Spiel sehr deutlich zum Ausdruck bringt. Vielleicht ist unser Philipp ein ähnlicher Indikator für eine Missstimmung?

Wenn wir nach Favoriten schauen oder zur Nationalmannschaft können wir uns des Eindrucks nicht erwehren, dass in beiden Fällen der Erfolg unter dem alten Trainer stark nachgelassen hat und dass dafür das Vertrauen zwischen Trainer und Mannschaft verantwortlich war. Ist es nicht schade, dass man erst nach massiven Misserfolgen der Mannschaft auf ein Problem aufmerksam wird? Der Grund ist nach meiner Ansicht die geringe Einbeziehung der Spieler in solche Entscheidungsprozesse. 

Auf-Und-Ab des Erfolgs

Einen klaren Aufwärtstrend kann man an der Fieberkurve des Erfolgs unserer Mannschaft nicht erkennen. Nach einem ziemlich durchschnittlichen Start kam ein hoffnungsvolles “Zwischenhoch”, das aber von einem Einbruch im dritten Viertel abgelöst wurde. Wie sich der jetzige sanfte Anstieg entwickeln wird, entscheidet wohl das Schicksal unseres Trainers.

Wer kennt sie nicht, die “Entscheidungsfragen” bei Prüfungen. Wenn man als Prüfling an so einem Punkt angelangt ist, liegen Erfolg oder Misserfolg in der Hand einer einzigen Frage; und im Falle des Trainers hängt letztlich alles am Ergebnis eines bestimmten Spiels. 

Der Herz sagt ja, das Hirn rechnet Punkte! Wer gewinnt?

Dramaturgie eines Fußballspiels

Ein Fußballspiel bietet Spannung von der ersten Minute an. Der Verlauf ist statistisch – also in der großen Zahl betrachtet – keineswegs gleichförmig. Vielmehr nimmt die Zahl der Aktionen Fouls, Karten, Tore, Gegentore, Einwechslungen während eines Spiel zu. Um diese Dinge zu quantifizieren, unterteilen wir das Spiel in Abschnitte zu je einer Viertelstunde und daher gibt es sechs solcher Abschnitte. 

Die Seite Fußballösterreich bietet uns auf ihrer Statistikseite eine ganz tolle Statistik für diese Abschnitte und zwar zusammenfassend für alle Ligen in Österreich. Was auf der Seite fehlt, ist der Hinweis, auf wie viele Spiele und auf welchen Zeitraum sich diese Statistik bezieht aber das können wir leicht ermitteln. Es geht bei dieser Seite immer um den laufenden Bewerb also um alle Spiele seit Saisonbeginn. Und aus einer Abschätzung aus dem Vorjahr (“Weißt Du wieviel Sternlein stehen?”) wissen wir, dass es insgesamt etwa 130.000 Spiele sind.  Hier sieht man die Auswertungen von Fußballösterreich in einer Tabelle:

Wenn wir nun diese Statistik grafisch darstellen, erhalten wir folgendes Bild:

Diese Grafik zeigt 

  • Wechsel (blau, ca. 130.000 Spiele)
  • Gelbe Karten (gelb, ca. 130.000 Spiele)
  • Gelb-Rote Karten (orange, ca. 130.000 Spiele)
  • Rote Karten (rot, ca. 130.000 Spiele)
  • Tore (grün, dünn, oben, ca. 130.000 Spiele)
  • Tore Rapid (grün dick, gesamt 10.122 Tore, seit 1900)
  • Tore Rapid (eigene und Gegentore) (dunkelgrün, gesamt 59, Saison 2017/18)
  • Tore Rapid eigene (hellgrün, gesamt 31, Saison 2017/18)
  • Tore Rapid Gegentore (schwarz, gesamt 28, Saison 2017/18)

Die Darstellung erfolgt in einem logarithmischen Maßstab, um die verschiedenen Größenordnungen auf einem Diagramm darstellen zu können. Das hat aber zur Folge, dass die Unterschiede der einzelnen Viertelstunden nicht ganz so deutlich sind wie in absoluten Zahlen. Wenn also im Diagramm eine Linie auch nur gering ansteigt, darf man das nicht vernachlässigen.

Alle dargestellten Größen nehmen im Verlauf des Spiels zu.

Einwechslungen

Bei den Einwechslungen (blau) sieht man eine sprunghafte Zunahme in der zweiten Halbzeit.

Verwarnungen

Schiedsrichter gehen es gemütlich an, zunächst nur mit Ermahnungen. Das sieht man deutlich  am Verlauf der Gelben Karten. Dass die Gelb-Roten Karten im Verlauf des Spiels stärker ansteigen, liegt auf der Hand, weil das zweite Vergehen zeitlich später erfolgt. 

Tore

Den geringsten Anstieg verzeichnen die Tore und der Verlauf der Torhäufigkeit pro Viertelstunde ist bei den Toren der laufenden Saison (grün, dünn, oben) ganz ähnlich wie der aus den historischen Spielen von Rapid (grün, dick, Mitte). Die “Rapid-Viertelstunde” ist bei den aktuellen Spielen deutlicher ausgeprägt als bei den historischen Rapid-Spielen.

Die folgende Tabelle zeigt die 10.122 Tore in den sechs Abschnitten für alle Rapid-Bewerbspiele seit Beginn der Aufzeichnungen:

Es gibt eine Unterteilung in alle Spiele, Siege, Unentschieden und Niederlagen und in jeder Kategorie werden alle Tore, die eigenen Tore und die Tore des Gegners getrennt ausgewertet. 

Man kann die Tore auch in einem Ein-Minuten-Intervall auswerten und bekommt dann folgenden Verlauf: 

 

Man beachte den Ausreißer in der 90. Minute, der durch die Ereignisse in der Nachspielzeit hervorgerufen wird, die alle in der 90. Minute summiert sind. 

Auch die Tore der laufenden Saison lassen sich in dieser Grafik gut darstellen, wenn man auch durch ihre geringe Zahl mit der Interpretation vorsichtig sein muss. Nach meiner Ansicht zeigt der Verlauf das, was wir als Zuschauer empfinden, das aber der Trainer bestritten hat, nämlich, dass Rapid in dieser Saison zu Einbrüchen in der zweiten Halbzeit neigt, denn tatsächlich zweit die Kurve der geschossenen Tore in der zweiten Halbzeit einen Einbruch. Es ist wegen der wenigen erfassten Tore statistisch bedeutungslos aber wenn wir das Spiel erleben, dann ist es das konkrete Ereignis, das wir empfinden (also eben die Torflaute in der zweiten Halbzeit) und nicht die hübsch begradigte Statistik über sehr viele Spiele.

“Der Sechs-Achtel-Takt eines Fußballspiels”

Man sieht aus den Kurven, dass die Dramatik des Spiels gegen Ende zunimmt, egal, ob man es an der Zahl der Verwarnungen oder Tore misst. Die Rapid-Viertelstunde kann man bei allen Fußballspielen beobachten. Nur hat der Rapid-Anhang diese Eigenschaft des Spiels schon in der Frühzeit des Fußballs erkannt und ihm auch einen Namen gegeben. 


Wer ein Musikinstrument erlernt, weiß, dass man im Sechs-Achtel-Takt das erste Achtel stark und das vierte Achtel etwas schwächer betont. Beim Fußballspiel betont man die einzelnen Achtel mit zunehmender Stärke und beendet das letzte Achtel als eine hoffentlich furiose Rapid-Viertelstunde. 

Zahlen zur Grafik

  WECHSEL GELB GELB-ROT ROT TORE TORE-RAPID RAPID 2017/18 +
Min.  1 – 15 647 2529 5 52 9335 1447 1 0 1
Min. 16 – 30 1717 6460 59 105 10263 1574 8 6 2
Min. 31 – 45 2331 10721 193 167 11407 1525 10 7 3
Min. 46 – 60 21016 10897 352 193 11315 1783 13 8 5
Min. 61 – 75 28053 13622 663 305 11728 1819 12 3 9
Min. 76 – 90 30666 18405 1480 648 15010 1974 15 7 8

Links