Fuhrpark

Die Begehrlichkeit des Publikums nach Titeln ist so groß, dass die Preise für Kicker jene für die größten Werke der Kunstgeschichte erreichen.

Die Top-Spieler in Europas Ligen sind begnadete Ballkünstler, das ist kein Zweifel. Dass sie dafür aber so viel Geld bekommen, wird von den meisten Anhängern abgelehnt, weil man meint, sie würden das nicht wert sein. Aber das wieder bestimmt ein Markt und bei einer Sache versagt der Markt nie, bei der Bestimmung des Werts einer Sache. Und der Wert hängt davon ab, wie viel Geld den Käufern zur Verfügung steht. Diese Beträge stellt die große zahlungswillige Öffentlichkeit – also wir selbst – zur Verfügung, oft noch mit zusätzlichem Fremdkapital potenter Eigentümer. Und die Fußballvereine investieren alle Einnahmen wieder in den Sport, also immer in dieselben etwa 30 Kicker. Die Vereine müssen keine Abwägung zwischen einer Dividende und Investitionen treffen. Also ja, die Spieler haben diesen Wert, weil jemand bereit ist – wir, diesen Preis zu bezahlen.

Können wir aussteigen? Ja, jederzeit, wir müssen nur das Sky-Abo zurückgeben. Kollektiv. Alle. Europaweit. Weltweit. Dann wäre der Spuk vorbei. Aber Fußball hat für seine Anhänger eine drogenähnliche Wirkung, man kann nicht genug davon kriegen, und daher wird sich der Spielermarkt nicht so schnell ändern.

Wir können an dieser Stelle gleich überlegen, ob es ethisch überhaupt vertretbar ist, einzelnen Menschen so viel Geld zur freien Verfügung zu überlassen, wenn wir gleichzeitig sehen, was damit geschieht. Das betrifft natürlich nicht nur den Fußball. Ob es also nicht so sein müsste, dass mit zunehmendem Vermögen auch eine zunehmende Mitverantwortung für die Gesellschaft gefordert werden muss, wie immer man diese dann formuliert. Steuern, die eben diese Verpflichtung sein könnten, werden – wie wir aus den Biografien der Akteure entnehmen können – gerne durch abenteuerliche Finanzkonstrukte hinterzogen und sind in der Regel viel zu gering.

Schauen wir einmal, was mit unseren Investitionen in den Fußball gemacht wird, vergleichen wir den Fuhrpark von zwei der ganz Großen:

Cristiano Ronaldo (Bild Wikipedia)

Ronaldos Fuhrpark

  • Mercedes-AMG GLE (115.000 Euro)
  • Range Rover Sport SVR (158.000 Euro)
  • Porsche 911 Turbo (250.000 Euro)
  • Lamborgini Aventador LP 700-4 (313.000 Euro)
  • Ferrari 599 GTO (317.000 Euro)
  • Ferrari F12 TdF (636.000 Euro)
  • Bugatti Veyron (2.300.000 Euro)
  • Bugatti Chiron (2.860.000 Euro)

Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass Ronaldo trotz dieses eigenartigen Hangs zu extrem teuren Fahrzeugen auch für soziales Engagement bekannt ist, wobei aber auch das Motto “Tue Gutes, und rede darüber” mitschwingt und die Marke CR7 durch das Engagement möglicherweise mehr an Wert gewinnt als das Engagement kostet.

Sadio Mané (Bild Wikipedia)

Manets “Fuhrpark”

Achtung, das folgende Zitat wurde in dieser Form im Internet verbreitet, und war eigentlich der Anlass für diesen Artikel, aber dieses Zitat ist ein Fake, wie Erich dankenswerterweise erkannt hat:

[FAKE]
“Wozu sollte ich 10 Ferraris, 20 Uhren oder zwei Flugzeuge haben wollen? Ich habe schwere Zeiten überlebt, habe barfuß Fußball gespielt, hatte keine Ausbildung. Aber heute kann ich meinem Volk helfen, Schulen, Stadien zu bauen und Kleidung und Nahrung zu kaufen. Ich ziehe es vor, zurückzuzahlen, was mir das Leben beschert hat.”
[/FAKE]

Die Suche nach einem Spieler mit diesen Persönlichkeitsmerkmalen ist also noch nicht zu Ende.

Links

Erwähnungen von Ronaldo im Tagebuch

Ergänzung

Erich schreibt, dass ich da auf einen Fake hereingefallen bin: “Das Mané Zitat kursiert zur Zeit zwar durchs Internet,ist aber ein Fake. Mané hat u. a. einen Audi RS8, einen Bentley Continental, einen Land Rover Sports (und ein schönes Louis Vuitton Tascherl) usw.” Hier eine Ansicht davon.

Ich gestehe, dass mir ein solches Verhalten echt imponiert hätte. Und wahrscheinlich war ich damit genau die richtige Zielgruppe für den Autor des Fake. Der aufkeimende Optimismus, dass es doch Menschen geben könnte, die ihr überschüssiges Geld sinnvoll verwenden, ist damit auch begraben.

Dürfen’s denn des?

Vor genau 170 Jahren protestierte die Bevölkerung von Wien gegen den Metternich’schen Polizeistaat. Eigentlich sollte dem damaligen Kaiser Ferdinand eine Petition überbracht werden, doch es wurde ein Feuerbefehl gegeben, dem zahlreiche Demonstranten zum Opfer fielen. Dem Kaiser wird zugeschrieben, in diesen Tagen die Frage “Dürfen’s denn des?”  gestellt zu haben. 

Seither wurden nach und nach, mit dramatischen Unterbrechungen, letztlich aber doch in der Verfassung verankerte Bürgerrechte etabliert, an prominenter Stelle die Meinungsfreiheit. 

1312

Die Rechtshilfe Rapid berichtet über Anzeigen der Polizei und Urteile der Justiz gegen einzelne Rapid-Anhänger. Es ging um Doppelhalter mit der Aufschrift “A.C.A.B”. Die Verurteilung erfolgte wegen “Verletzung des öffentlichen Anstands (WLSG §1 Abs.1 Z1)”. Vor diesem Hintergrund muss man die Choreografie beim gestrigen Spiel gegen die Rangers sehen.  Die Rechtshilfe bekämpft das Urteil und ich plädiere dafür, sie in diesem Vorhaben zu unterstützen.

Offene Gesellschaft

Dass wir in diese österreichische Welt hineingeboren wurden, gilt schlechthin als eine Art existenzieller 10fach-Jackpot. Dass es sich hier gut leben lässt, haben wir vielen Generationen zu verdanken, die uns vorangegangen sind. Aber es ist nicht nur das materielle Gut, auf dem wir aufbauen, es ist vielmehr ein ziemlich zerbrechliches Etwas, dessen wir uns immer wieder aufs Neue bewusst werden müssen, eine Art Wanderpokal, den man nur dann besitzt, wenn man daran arbeitet. Und dieses komplexe Ding nennen wir Demokratie und als idealisiertes Ziel darf die von Sir Karl Popper definierte “Offene Gesellschaft” dienen.

Es ist eine Gesellschaft, die eine Koexistenz verschiedenster Ideen ermöglicht und die Anhängern dieser Ideen durch die Meinungsfreiheit sowohl die Artikulierung ihrer eigenen Position als auch die Kritik der jeweils anderen ermöglicht. 

Diesem Modell stehen Gesellschaften gegenüber, die genau definieren, was in ihrem Staat geduldet wird und was nicht. Ein Paradies für die Follower solcher Staaten; für Andersdenkende ist es die Hölle bis hin zur Auslöschung. Wir, in Österreich kennen solche Zustände nur aus den Zeitungsberichten. Damit das so bleibt, müssen wir ständig Ereignisse im Auge behalten, die unser Gesellschaftsmodell infrage stellen könnten.  

Toleranz- und Kritikfähigkeit

Jeder Einzelne muss die Existenz von Ideen aushalten, die so gar nicht nach seinem Geschmack sind, er muss sie tolerieren. Ganz schön schwer für einen Rapidler, den Anblick eines Nicht-Grün-Weißen zu ertragen!

Der Preis für die Bürde der Toleranz der jeweils anderen ist, dass alle diese Ideen sich Kritik gefallen lassen müssen und diese Kritik im Rahmen der Meinungsfreiheit ausdrücklich erlaubt ist. Wenn also “Scheiß-Rapid” (oder umgekehrt) gerufen oder geschrieben wird, dann ist das zwar nicht sehr freundlich, aber es hat keine weiteren Folgen, weil solche pauschalierenden Aussagen die Gruppe oder die Idee betreffend nicht einklagbar sind – Meinungsfreiheit eben. 

Der Preis für die Nicht-Einschränkung von Ideen, beginnend bei archaischen Religionen, modernen Parteien bis hin zu Fußballvereinen sind Toleranz der einen und Kritikfähigkeit der anderen. 

Person und Gruppe

Wir leben in einer Gesellschaft, die dem Einzelnen Schutz vor Übergriffen durch andere gewährt. Beleidigungen Einzelner wird nicht toleriert. 

Wir gehören persönlich immer auch Gruppen an; einer Religion (oder keiner Religion), einer Volksgruppe, einem Berufsstand, einer Schicht, einem Fußballverein usw. In dieser Rolle der Zugehörigkeit zu einer Gruppe sind wir der Kritik durch andere ausgesetzt und eine solche Kritik unserer Gruppe müssen wir tolerieren.

Den Schutz, den wir als Einzelpersonen genießen, können wir nicht auf die Gruppe ausdehnen. Die Gruppe genießt keinen besonderen Schutz  Kritik der anderen an unserer Gruppe ist es, die wir im Sinne der Funktion des Staates ertragen müssen.

Wenn es also heißt “Alle Politiker sind Arschlöcher”, “Bauernschweine”, “ACAB”… oder wenn Mohamedkarrikaturen gemalt werden, dann muss eine solche Kritik von der jeweiligen Gruppe ausgehalten werden. Es wird nicht ein einzelner ihrer Vertreter verunglimpft, sondern die Idee. 

Angriffe auf einzelne Personen, egal ob Polizisten oder Privatpersonen sind aber tabu. Ob ein amikales “Oida” gegenüber einem Polizisten einen Tatbestand darstellt, kann man schwer beurteilen, die Variationen und Bedeutungsunterschiede von “Oida” sind ja mannigfaltig.

Dürfen’s denn des?

Da in unserem Land das Obrigkeitsdenken noch immer stark verwurzelt ist, werden sich auch Zuschaer in einem Stadion beim Anblick von “1323” die Frage stellen: “Dürfen’s denn des?”. Unsere Antwort sollte sein: “Ja, sie dürfen das! Und wir müssen sie sogar dabei unterstützen!”

Was, ich soll gegen die Polizei sein?

Natürlich nicht!

Ich persönlich habe alle Hochachtung vor den Damen und Herren der Polizei, die für uns Dinge erledigen, die alles andere als angenehm sind, und ich bedanke mich sicher nicht zu Unrecht auch im Namen der Leser dieses Tagebuchs für die Arbeit der Polizei im Allgemeinen und bei unseren Fußballveranstaltungen im Besonderen. 

Aber das ist nicht der Punkt. Es geht darum, ob jemand seine persönliche Aversion gegen die Polizei durch ein “Scheiß-Polizei” zum Ausdruck bringen darf und ob er ein einschlägiges T-Shirt tragen darf und ob er einen Doppelhalter mit der Aufschrift “ACAB” hochhalten darf und schließlich, ob er auch eine Choreografie mit einem überdimensionalen “1312” gestalten darf. 

Und ganz unabhängig davon, was es an Gesetzen und juristischen Auslegungen gibt, sollten wir dafür sein, dass das sein darf. Es geht nicht um die Verunglimpfung eines einzelnen Polizisten, sondern um die Meinung einer Gruppe über eine andere. 

Kein Schutz für Ideen, jeder Schutz für den Einzelnen. Man kann einzelne Personen beleidigen, aber wer bitte soll konkret beleidigt sein, wenn gesagt wird “Scheiß Polizei!”? Doch wohl niemand! 

Freiheit in Krähwinkel

Leider ist unsere Gesellschaft nicht so “offen” wie sich das Sir Karl Popper idealerweise vorgestellt hat. Die katholische Kirche hat in einem bedeutenden Teil des österreichischen Schulwesens das Sagen, wer eine Religion beleidigt, kann wegen des Blasphemieparagrafen (“Herabwürdigung religiöser Lehren”) belangt werden, das politische Pendel ist dabei, die bereits ziemlich offene Tür zu einer offenen Gesellschaft wieder ein bisschen zugehen zu lassen. Und  gerade weil das so ist, muss Kritik möglich sein, auch wenn sie uns nicht unbedingt gefällt und auch wenn die Gründe für die vorgetragene Aversion gegen die Staatsgewalt immer irgendwo an den Grenzen der Legalität zu suchen sind. Aber das ist eine andere Geschichte. 

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Podiumsdiskussion: Russland und die WM 2018

Die neueste Ausgabe Nr. 132 des ballesterer hat das Thema “WM in Russland” und bietet konzentrierte Information über das Großereignis inklusive einem Reiseführer und einem tollen Spielplan im A2-Format.

Als bereits langjähriger Abonnent des ballesterer werde ich zu den Podiumsdiskussionen in der Hauptbibliothek am Urban-Loritz-Platz mit einem Newsletter eingeladen. Diese Veranstaltung wurde von ORF Sport + live übertragen und ist noch bis Dienstag in der TvThek verfügbar (siehe Links).

Georg Spitaler – ballestererfm, Politologe, Historiker diskutierte mit

  • Felix Jaitner (Politologe, Universität Wien)
  • Evgenij Milevskij (ehemaliger Fußballprofi u.a. Spartak Moskau, Austria Wien. Managing Director Russia, Ukraine & Baltic States bei Soravia Real Estate Ltd.)
  • Ingo Petz (Autor, Journalist und Russlandexperte, Fan-Projekt fankurve-ost.de, Berlin)
  • Alfred Tatar (ehemaliger Fußballspieler und –trainer, u.a. Co-Trainer bei Lokomotive Moskau und Amkar Perm, Experte bei Sky-Sport-Austria)
  • Hans Peter Trost (ORF Sportchef)

darüber, was von der Fußball-WM 2018 in Russland zu erwarten ist.

Nun, ich habe mir nicht alle Details der interessanten Diskussion gemerkt. Für einen gelegentlichen Zuschauer mag das Spiel am grünen Rasen den Eindruck erwecken, als wären die Randbedingungen für alle Teams gleich. Die Diskussion hat aber gezeigt, dass die Art, wie Fußball gespielt wird und die Chancen, die ein Team dabei hat, von den Bedingungen des jeweiligen Landes abhängig ist. Länder mit wenigen Legionären zeigen den Fußball ihres Landes mehr als Länder mit einem hohen Anteil an Spielern im Ausland. Typische Länder mit einem sehr geringen Legionärsanteil sind Russland und England. In beiden Ländern verdient man in der obersten Spielklasse sehr gut, daher gibt es eine geringe Motivation, ins Ausland zu wechseln.

Anders ist es im klassischen Fußballland Brasilien. Wer etwa erwartet, dass Brasilien typisch brasilianischen Fußball demonstrieren wird, wird enttäuscht sein, denn die wichtigsten Spieler dieses Teams wurden in Europa zu den Stars, die sie jetzt sind und haben diesen europäischen Fußball-Stil übernommen.

Der russische Fußball kann nicht verstanden werden ohne seine Vergangenheit in der Sowjetunion, nicht ohne die Zeit nach der Wende 1989, nicht ohne die Oligarchen, den Ölreichtum der Nuller-Jahre und den Rückgang der Einnahmen durch der Ölpreisverfall, aber auch nicht ohne die riesigen Räume des Landes und die klimatischen Bedingungen mitzudenken.

Fußball ist in Russland Volkssport aber erst die Nummer zwei, nach dem Eishockey. Was in allen Nachfolgestaaten der Sowjetunion und wahrscheinlich auch des Ostblocks fehlt, ist eine Gesellschaft, die Dinge wie die Organisation von Fußball (und natürlich auch vieler anderer Belange des täglichen Lebens) selbst übernimmt. Ingo Petz aus Berlin berichtete über Projekte, die russische Fußballenthusiasten nach Deutschland bringen, um dort zu lernen, wie in Westeuropa Fußball gelebt wird, sowohl auf Vereinsebene als auch auf der Ebene der Fans. Mich hat das etwas an den Film der Ultras Nürnberg Großer Bruder erinnert, der einen solchen Lernprozess auf der Ebene der Fankuven dokumentiert.

Die finanzielle Grundausstattung der höchsten Spielklasse wird durch Geldgeber sicher gestellt, allerdings gilt das nicht unbedingt für die darunter liegenden Ligen und dort gäbe es noch großen Aufholbedarf.

Was in Russland nur im Ballungsraum Moskau funktioniert, sind Fans, die mit ihrer Mannschaft mitreisen; dazu sind die Entfernungen einfach zu groß. Es bedeutet auch, dass der Osten Russlands um Wladiwostok mit mehr als 7 Stunden Flugzeit vom Ligabetrieb ausgeschlossen ist und dortige Spieler – sofern sie sich als Fußballprofis betätigen wollen – als Legionäre im eigenen Land ins europäische Russland übersiedeln müssen.

Die Besucherzahlen reichen nicht an die der großen westeuropäischen Ligen heran, und (rechts-)radikale Gruppen von Hooligans machen sich unter den Besuchern unangenehm bemerkbar. Man ist sich aber bei den Diskutanten einig, dass die Veranstaltung sicher ablaufen wird, weil die Behörden diese Gruppen von den Stadien fernhalten wird.

Etwas ins ideologische Abseits hat sich Alfred Tatar gestellt, als er die “Parteienlandschaft” in Russland als den nach seiner Meinung “fragwürdigen westlichen Demokratien” gleichwertig gegenüber gestellt hat. Was aber seine sonstigen sehr fachkundigen Kommentare zum Fußball in Russland nicht abwerten soll, war er doch selbst Trainer in Russland und hat dadurch eine andere Sichtweise auf dieses uns eher fremde und ferne Land.

Hans Peter Trost beruhigte die Fragesteller, dass die bisherigen Vorarbeiten des ORF in den Spielorten in keiner Weise durch bürokratische oder polizeiliche Tätigkeiten behindert wurde. Er erwartet daher, dass die WM reibungslos über die Bühne gehen werde.

Den Optimismus von Evgenij Milevskij, dass Russland die Gruppenphase und das Achtelfinale überstehen werde, teilten die anderen Diskussionsteilnehmer nicht, man ortet eher einen Rückstand der Russen hinsichtlich der Ausbildung.

Natürlich hatte die Diskussion auch noch viele weitere Facetten, die ich Euch bitte in der TvThek oder im Audio-Mitschnitt (siehe Link EwkiL:Bilder) nachzuhören. Die nächste Podiumsdiskussion wird im Herbst stattfinden. Der Termin wird im EwkiL:Kalender zu finden sein. Es erwartet Euch eine Fußball-Diskussion auf hohem Niveau und ein Freigetränk, gespendet von der Hauptbibliothek – und viele Gleichgesinnte.

Links

Podiumsdiskussion

Am Montag, 16.4. lud ballesterer zur Podiumsdiskussion

“Fußball und Nationalismus in Europa”

mit

  • KidPex – Journalist (KOSMO Magazin) und Rapper, u.a. Hymne für das Frauennationalteam bei der EM 2017, aktiv gegen Nationalismus
  • Dario Brentin – Wissenschaftler, forscht zu Fußball und Nationalismus
  • Bernhard Wastyn – Obmann und Vorsänger der Hurricanes – Fanklub des Österreichischen Nationalteams

Moderation: Georg Spitaler – ballesterer, Politologe, Historiker

“Das einzige, das Europa vereint, ist der Fußball”, das war ein Zitat aus den einleitenden Worten von Georg Spitaler. Und tatsächlich ist es ein ganz wesentlicher Unterschied zu den USA, dass es in Europa nicht nur einen Klubbewerb sondern auch einen Nationenwettbewerb gibt. Eine Abschaffung der Nationen hätte zur Folge, dass es ein Europa-Team aber keine einzelnen Nationalmannschaften mehr gäbe. Interessant ist daher der Umstand, dass Fußball Gegnerschaft braucht und dass aus diesem Grund die FIFA-Länderliste länger ist als jene der UNO. 

Die beiden Diskussionsteilnehmer mit Migrationshintergrund zeigten, wie rasch eigentlich eine solche Integration über die Bühne gehen kann. Praktisch kann das eine Generation bewältigen. Bemerkenswert war, dass Dario, der Forscher, bei einer Begegnung zwischen Kroatien und Österreich seinen Kroaten die Daumen hält, obwohl er mit allen anderen Aspekten des Alltags in Österreich verwurzelt ist. KidPex wieder, der als 9-jähriger nach Österreich kam, ist schon mehr Anhänger von Österreich als Anhänger seiner alten Heimat; das vor allem deshalb, weil er den Fußball als starken Integrationsfaktor sieht. Als Beispiel wurde angeführt, dass insbesondere die Spieler mit Migrationshintergrund (Arnautovic, Harnik, Alaba…) eine starke Identifikationsmöglichkeit für Migranten darstellen, jedenfalls eine stärkere als es in der Zusammensetzung von Vertretungsgremien der Fall ist. 

Bernhard, der Obmann und Vorsänger der Hurricanes beschreibt die Philosophie seiner Fangruppierung als eine klar Pro-Österreich orientierte und dass es keine Statements gäbe, die gegen den jeweiligen Gegner gerichtet sind. Obwohl man einzelne Aktionen des ÖFB kritisch betrachtet (zum Beispiel Kartenpreise), wird Aktivismus gegen den ÖFB eher vermieden. Interessant ist der Umstand, dass die Fanszene des österreichischen Nationalteams etwa 40 Gruppierungen umfasst, die sogar im internationalen Vergleich einzigartig ist. 

Wer sich mit diesem Thema näher beschäftigen möchte, der kann sich die Diskussion über den Link “EwkiL-Tonaufzeichnung” in voller Länge nachhören. (1h 54′, 52 MB).

Links

Bisherige Diskussionen im club 2×11

Wir verstehen den Zufall nicht

Der Mensch sucht auch im Sinnlosen nach Sinn. Dazu kreiert er Hypothesen, die ihm die Dinge erklären. Und auch wenn diese Erklärungen ganz falsch sind, hält er daran fest, umso mehr als es sich um tradiertes, also seit Kindertagen tief verwurzeltes, Verhalten handelt. 

Sinnsuche: “Der Mensch ist ein Wesen auf der Suche nach einem Sinn” (Viktor Frankl) Man hat Probanden beauftragt herauszufinden, wie man zwei Tasten betätigen muss, um bei einem Glücksspielautomaten maximalen Erfolg zu haben. Die Probanden kamen alle auf eine Lösung, wenn auch alle zu einer anderen. Die richtige Antwort wäre aber gewesen, dass es gar keinen Zusammenhang gibt, denn die Tasten standen in keiner Weise mit dem Glücksspiel in Verbindung.

Hypothesen: In einem eindrucksvollen Experiment mit Publikum im Wiener Stadtsaal zeigte Elisabeth Oberzaucher (Science Busters), wie leicht man auf esoterische und andere Behauptungen hereinfallen kann und es besser wäre, den Dingen auf den Grund zu gehen – oder eben zu schweigen, wenn man es nicht weiß. Ein Holzbalken wurde auf einem Tisch ausbalancierter und war in Schwebe. Die linke und rechte Saalhälfte wurde aufgefordert, mit tiefen beziehungsweise mit hohen Tönen zu summen. Nach wenigen Augenblicken neigte sich der Balkan auf die Seite der hohen Töne. Prompt gab es auch diesbezügliche Theorien des Publikums, die mit “Resonanz” und “Schalldruck” zu tun hatten; Erklärungen zwar, aber alle nicht richtig, denn im Holzbalken befand sich eine zähe Flüssigkeit, die sich nach dem Austarieren des Holzbalkens im Inneren verteilt hat und daher den Balken nach einigen Augenblicken zum Kippen brachte. 

Was hat das mit Fußball zu tun?

Alles!

Wir wollen es einfach nicht wahrhaben, dass Dinge auch einmal ohne konkrete Ursache nicht so verlaufen, wie wir uns das vorstellen. (Sinnsuche) Wenn wir dann darunter leiden, dass Spiele nicht gewonnen oder gar verloren werden, dann erfinden wir die tollsten Ursachen für die sich zufällig ergebenden Torfolgen, die zu unseren Ungunsten ausfallen. (Hypothesen)

Es ist ein schmaler Grat zwischen Sieg und Niederlage, besonders, wenn – wie im modernen Fußball – die Ausbildung der Spieler und Trainer auf einem gleichmäßig hohen Niveau erfolgt. Wie ein Spiel dann schließlich endet, entscheiden nicht die erworbenen Fähigkeiten allein, denn der Zufall spielt eine wichtige Rolle, wenn nicht die Hauptrolle.

Ich weiß, dass viele diese Meinung nicht teilen. 

Es gibt jene, die nach 2 Punkten in drei Spielen so ziemlich alle Beteiligten schuldig sprechen und es selbstverständlich immer schon gewusst haben, dass vom Präsidenten abwärts und diesen auch gleich eingeschlossen so ziemlich alle unwürdig sind, für Rapid zu arbeiten. Eine Art Kollektivschuld. Und im Grunde sind diese Anschuldigungen nichts anderes als Ausdruck von Hilflosigkeit. Es kommt mir so vor, als würde man auf See in einem Unwetter dem Kapitän und der Mannschaft die Kompetenz absprechen und meinen, man selbst wüsste, wie man das Steuerrad zu drehen habe, damit das Schiff nicht kentert. Dabei kann man aber als Landratte nicht einmal Backbord und Steuerbord unterscheiden. 

Es gibt jene, die meinen, so ein Tor zu schießen, das wäre doch keine Sache, man muss es nur wirklich wollen. 

Und dabei wäre doch alles so einfach. Hätten wir auch nur eine der Chancen gegen die Admira verwerten können, wäre nicht gegen Sturm Aluminium – wie so oft in diesem Jahr – im Weg gestanden usw., wir würden über alles andere lachen.

Aber es ist nicht so. Und niemand kann diese Zufälligkeiten erklären, weil sie eben solche sind. Man muss sie nicht weiter deuten, jedenfalls nicht als einen Ausdruck von Unfähigkeit, denn genauer als exakt an die Stange kann man einen Ball nicht platzieren und dort soll er ja auch hin. Ein solcher Schuss ist ein Zeichen von höchster Präzision, nicht von Unvermögen.

Wir neigen alle dazu, Vergangenes zu verklären. Immer wieder denke ich an Spiele mit Zoki zurück, die uns besser gefallen haben, verdrängen aber, dass wir vor zwei Jahren gleich zwei Mal zu Hause gegen die Admira kläglich gescheitert sind, dass wir im Februar 2016 alle drei laufenden Bewerbe verspielt haben und dass damals die Stimmen gegen den Trainer nicht so feindselig waren wie heute.

Nehmen wir an, Rapid und Sturm sind sportlich gleichwertige Teams. Dann ist das Ergebnis offen. Das Ergebnis ist zufällig. Wenn eines der Teams Vorteile durch die Qualität der Spieler hat (Kaderwert), dann ändert sich die Siegwahrscheinlichkeit zugunsten dieses Teams. Wenn daher Rapid gegen die Admira spielt, ist Rapid der Favorit. Aber das ändert nichts daran, dass ein Klärungsversuch in der letzten Minute auch einmal ins eigene Tor gehen kann. 

Es ist, als würde man mit einem leicht auf die 6 gezinkten Würfel spielen. Es kommen alle Zahlen, nur die 6 kommt ein bisschen häufiger. Ja, aber bei einem einzelnen Spiel weiß man das nicht, das bemerkt man erst nach 20 Spielen. Und hier liegt auch das Problem: wir haben nicht so viel Zeit, das auch wirklich zu erleben. Würden wir so lange warten, sind wir vielleicht schon abgestiegen; nicht weil wir gar so schlecht spielen, nein, weil der Zufall unerbittlich sein kann.

Es kommen zwei schwere Spiele auf uns zu; LASK und Ried. (Bei Ried plädiere ich für eine Verschiebung um 14 Tage, weil wir mit Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt rechnen müssen und der Zeitpunkt für die Cupspiele nicht so wichtig ist.) Wenn sich das Drama von vor zwei Jahren wiederholt, rutschen wir auf den 5. Platz zurück und scheiden im Cup aus. Wie sagt der Slogan: “Alles ist möglich!”

Du spielst Roulette und es kommt: rot – rot – rot – rot – rot – rot – ? Und was kommt jetzt? Es wäre Zeit – meinst Du, dass einmal schwarz kommt und Du setzt auf schwarz. Aber es kommt rot! Es ist wie verhext. Leider unterstützen Tageszeitungen die Meinung, man könne dem Zufall ein Schnippchen schlagen. Die Krone publiziert die Häufigkeit alle Lottozahlen und die Lottospieler meinen, eine Zahl, die schon lange nicht an der Reihe war, müsse nun endlich wieder einmal gezogen werden. Es wird aber keine Regel verletzt, wenn es auch in den nächsten 10 Runden nicht der Fall ist. 

Und weil das niemand versteht (sonst wäre es kein Zufall), aber niemand auf die zufällige Trendwende warten kann, müssen die Vereinsverantwortlichen irgendwann handeln, auch wenn diese Entscheidung nicht unbedingt rational ist. 

Diese geringen Erfolge – auch wenn sie tatsächlich rein zufällig wären – haben leider die fatale Konsequenz, dass sie auf die zum Erfolg verdammten Akteure zurückwirken und tatsächlich ihre Motivation untergraben können. Wenn man die ganze Woche hart an etwas arbeitet und das Tor gelingt nicht und man kassiert umgekehrt eines durch einen Eigenfehler, dann wird man zunehmend mutlos, das kann ich mir gut vorstellen. Mir passiert das nicht! Wenn mir etwas nicht gelingen will, kann ich mehr Zeit in das aktuelle Projekt investieren und Dinge so oft korrigieren, bis sie einer gewünschten Qualität entsprechen.

Genau das können Spieler nicht. Sie haben keine Zeit für weitere Versuche. Nach 90 Minuten ist Schluss. Sie haben ihre Leistung gebracht, waren aber glücklos. Die Reaktion des Sportdirektors zeigt auch eine gewisse Nervosität, unter der wir alle leiden. Dass er sich dazu hinreißen ließ, Philipp Schobesberger zu kritisieren, das kann ich nicht verstehen. Natürlich wollte Philipp dem Siebenhandl den Ball zwischen die Beine spielen aber der ist auch ein alter Hase und hat damit gerechnet. So ist das eben im Spiel mit einem ebenbürtigen Gegner. 

Glück des Tüchtigen?

Es kommt vor, dass Trainer mit ihrer Mannschaft einen Höhenflug erleben. Man freut sich und meint, das sei deshalb, weil eben die eigene Arbeit durch Siege belohnt wird. Das stärkt das Selbstvertrauen und lässt das Interesse erfolgloser Teams an den Akteuren steigen. 

Was aber, wenn Siege (oder Titel) eben einfach “passiert” sind? Dann ziehen die Verantwortlichen die falschen Schlüsse! Sie schließen vom Erfolg eines Trainers auf dessen Qualifikation. (Siehe Abwerbung von Josef Hickersberger durch den ÖFB und von Damir Canadi durch Rapid).

Und genauso müssen umgekehrt ein paar erfolglose Spiele nicht gleich bedeuten, dass die Akteure ungeeignet sind.

Fußball ist ein Spiel und kein Hundertmeterlauf

Wir können die Goldmedaillen von Marcel Hirscher nicht gut mit Meistertiteln vergleichen. Marcel ist eine außergewöhnliche Begabung, ein Lionel Messi unter den Schifahrern. Er unterliegt aber den Zufälligkeiten des Lebens ebenso. Wäre er zum Beispiel an einer Grippe erkrankt, wäre es nichts mit den Goldenen und er wäre trotzdem der Beste. 

Eine Disziplin, bei der es auf ein bestimmte Leistung ankommt, genügt es, der Schnellste zu sein, einen gegebenen Gegenstand möglichst weit zu werfen, den eigenen Körper möglichst hoch oder weit zu bewegen. Das ist im Fußball nicht der Fall. Wir können das auch daran ablesen, dass es keinen Sinn macht, Fußballer zu dopen. Das Doping hilft nämlich nichts, wenn der Ball an die Stange geht. Daher ist Doping im Fußball auch kein Thema.

Fußball misst keine Leistung. Fußball misst den zufälligen Umstand eines Torerfolgs. Damit dieser passieren kann, muss eine gewisse Leistungsfähigkeit, Technik und Begabung (Liganiveau) vorhanden sein und diese Fähigkeiten sind in den verschiedenen Mannschaften sicher ganz verschieden verteilt. Würde es immer die Summe diese Eigenschaften sein, die den Ausschlag für einen Sieg ergeben, niemand würde sich Fußballspiele anschauen. Und genau deshalb, spielt der Zufall eine ganz wesentliche Rolle, weil er stärker ist als alles, was wir an Vorbereitung in einen Saison und in ein Spiel investieren können – zumindest bei Vereinen auf Augenhöhe. 

Ein geplant herausgespieltes Tor darf – aus der Sicht des Gegners – nicht passieren. Wenn es dennoch gelingt, muss wirklich alles passen. Ein gut geplanter Angriff mit genau einstudierten Spielzügen ist herrlich anzuschauen. Aber er ist sehr selten. Wie viele erfolglose Szenen müssen wir erleiden, bis ein solches Meisterstück passiert! 

Die meisten Tore sind auch gar nicht herausgespielt. Sie passieren durch eine ungeplante Verkettung von Ereignissen. Wäre der zufällig zu Boli gelangte Ball und dessen Weitschuss beim Spiel gegen Sturm in die Wolken gegangen, wen hätte es gewundert, es hätte zu dem gepasst, was wir immer schon über unser Team gedacht haben.

Ein Fußballspiel ist wie ein Glücksspiel mit drei möglichen Ausgängen, die aber nicht gleich wahrscheinlich sind, weil alle Investitionen die Wahrscheinlichkeiten verschieben aber insgesamt nichts an dem zufälligen Charakter des Ergebnisses ändern. Wie groß diese Zufallskomponenten sind, wissen wir aus liga-übergreifenden Cupspielen, die den Underdog das eine oder andermal lachen sehen. Nicht oft, aber es kommt vor; so wie ein auf die Sechs gezinkter Würfel auch nicht immer auf die Sechs fällt.

Auch Titel sind Zufall

Titel passieren oft wie ein Stochertor, dass eben bei einem Team in einer Saison alles passt, wenige Verletzte zu beklagen sind und das Glück mitspielt. Ein dann stattfindender Erfolgslauf wirkt dann dem Zufall entgegen, indem er zusätzliche Motivatoren freisetzt, die bei durchschnittlichem Erfolg nicht gegeben sind. Meist entstehen aber Meistertitel wenn ein Team zu einer bestimmten Zeit gegenüber allen anderen aus irgendeinem Grund auszeichnet, zum Beispiel eine einmalige Konstellation begabter Spieler oder viel Geld, um solche Spieler kaufen und halten zu können.

Dass also Salzburg Serienmeister ist, widerspricht der Zufälligkeit von Titeln nicht, weil der Spielwürfel auf eine geradezu unanständige Art mit eine 100 Millionen-Budget gezinkt ist und es daher kein Wunder ist, wenn diese Truppe alle anderen hinter sich lässt.

Das Feng-Shui der Veränderungen

Wenn es im Fußball talwärts geht und die Gründe sind nicht festzumachen (ausgenommen die vielen Teamchefs, die das dennoch ganz genau zu wissen glauben), wird oft eine unsichtbare Reißleine gezogen und der Trainer ersetzt. Oft hilft das auch! Es kann aber dieselbe Wirkung sein, die sich nach einer Feng-Shui-Beratung und umgestellter Wohnungseinrichtung einstellt. Eine Veränderung, die sich auf die eigene Psyche auswirkt, und tatsächlich etwas bewirkt. Aber es war mehr die Veränderung, die gut getan hat  und weniger die vorher ungeeignete Aufstellung der Wohnungseinrichtung. 


Zum Titel

Franz Lackner, Bischof in Salzburg, meinte am 20. Jänner, “Ich verstehe Gott zuweilen nicht”. Bei “Gott” dürfte er ja Spezialist sein, im Leben dagegen weniger. Es würde genügen, sich etwas mehr mit der Welt auseinander zu setzen – und wenn es nur die des Fußballs ist – er würde rasch merken, dass nicht alles einen Grund hat und dass da niemand sonst die Finger im Spiel hat als Gott Zufall.

Gedenkjahr 2018

Dieses Jahr 2018 wird voll von Gedenken sein. Bei Rapid werden die Ultras ihr 30-jähriges Bestehen feiern, aber auch der Tagebuchautor, wird rund an Jahren; 70. In erster Linie wird der Staat dem Ende des Endes des Ersten und des Beginns des Zweiten Weltkriegs gedenken, sowie der Gründung der Republik vor 100 Jahren.

Fast wichtiger erscheinen mir aber die Gedenken an das Konzil von Konstanz vor 600 Jahren und den Beginn des 30-jährigen Kriegs vor 400 Jahren sowie der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte vor 70 Jahren. Warum? Eigentlich dachten wir – zumindest in der Städten, dass man im Sinne eines friedlicheren Zusammenlebens Religion zunehmend klein oder zumindest kleiner schreiben könnte und diese Spielart einer weltanschaulichen Interessensgemeinschaft allmählich dem Strom der Geschichte übergeben werden könnte. Doch mit den Neu-Österreichern aus den verschiedensten Weltregionen ist religiös motiviertes Handeln wieder zu einem aktuellen Thema geworden. Und daher sind Erinnerungen an das, was Religion in der Lage ist, Menschen anzutun, wichtig, um unser Zusammenleben auch von einem allgemeineren Standpunkt zu betrachten.

Am Weg zu einer Offenen Gesellschaft

Eine “geschlossene Gesellschaft” gibt die Weltanschauung vor, egal ob durch Religion oder durch einen sonstigen “starken Mann”. Viele fühlen sich in solchen Gesellschaften wohl, bieten sie doch eine gewisse Geborgenheit – aber nicht für alle, denn sie fordern auch gleichzeitig Anpassung – von allen.

Mit dem Auftreten von Jan Hus vor 600 Jahren und Martin Luther vor 400 Jahren und den Reaktionen der damals geschlossenen Gesellschaft, wurde auf dramatische Weise gezeigt, wie geschlossene Gesellschaften sind. Dass wir uns heute auf einem Weg zu einer Offenen Gesellschaft bewegen können, verdanken wir auch diesen sehr leidvollen historischen Meilensteinen. Wer sich – wie Jan Hus oder später Giordano Bruno – dem Weltanschauungsdiktat widersetzte, wurde beseitigt. Dass der Kaiser Karl V. am Reichstag in Worms Martin Luther als “vogelfrei” entließ, bereute er zeitlebens.

Was macht die Offene Gesellschaft aus?

Der Begriff der “Offenen Gesellschaft” geht auf Karl Popper*) zurück. Kurz gefasst beschreibt Sir Charles die Funktionsweise einer demokratischen Ordnung, mit dem Ziel, Regierungen auf friedliche Weise “loswerden” zu können. Die Grundlage der Offenen Gesellschaft sind die Menschenrechte, aus 1948 die im Artikel 18 die Freiheit der Weltanschauung sichern, gleichzeitig im Artikel 21, “sich friedlich zu versammeln” und Artikel 22 “sich frei zusammenzuschließen”. In einer solchen Gesellschaft darf man sich zu beliebigen Gruppen zusammenschließen. Zwischen Gruppierungen für Weltanschauung, Partei, Verein (auch Fußballverein) sollte (zumindest in einer Idealvorstellung) kein grundsätzlicher Unterschied bestehen.

Diese Freiheit bekommt man aber nicht geschenkt; ihr Preis ist die Toleranz, die von uns, die wir jeder in einer bestimmten Weltanschauung sozialisiert wurden, gegenüber allen anderen aufzubringen haben, damit ein friedliches Miteinander möglich wird. Es ist nicht immer einfach, die oft (aus der eigenen Position empfundenen) skurrilen Behauptungen anderer Ideologien zu ertragen, erinnern wir uns nur einmal an die Anhänger der Austria Wien:-) Allein die gleichzeitige Existenz vieler Weltanschauungen ist Kritik an jeder einzelnen von ihnen und daher muss jede von ihnen Kritik zulassen und darf nicht erwarten, dass der Staat besondere Rücksicht auf sie nimmt.

Dass wir heute einer zunehmend “Offenen Gesellschaft” (gemeint ist nicht die Rechtsform OG sondern die Weltanschauung)  angehören, ist einerseits ein Feature, anderseits verlangt es uns ab, dass wir diese Gesellschaftsform in unseren Handlungen und Reaktionen immer wieder bestätigen und uns in Erinnerung rufen, warum diese Gesellschaftsform gerade für ein Land mit starker Migration so wichtig ist, und was die Grundlage dafür ist, dass so verschiedene Gruppen friedlich nebeneinander existieren können.

Nach den Idealvorstellungen einer Offenen Gesellschaft haben Gruppierungen keine zusätzlichen Privilegien. Wir wissen zwar, dass das – gerade in Österreich – nicht gegeben ist, denken wir nur etwa an die Konkordate, muslimische Schulen und andere Sonderstellungen, aber wir sind ja auch erst auf dem Weg zu einer Offenen Gesellschaft.

Was also eine Gruppierung und ihr Weltbild nicht hat, ist ein besonderer Schutz gegenüber Kritik. Ideen dürfen – zumindest nach den Vorstellungen dieses Gesellschaftsmodells – beliebig kritisiert werden dürfen. Es geht dabei nicht um einzelne Personen, da würden Persönlichkeitsrechte verletzt werden. Wenn aber der Rapid-Block einen seiner Sprüche aus den unteren Schubladen skandiert, mag das zwar nicht unseren Geschmack treffen aber es darf gesagt werden, weil es eine Idee kritisiert aber nicht eine Person.

Toleranz und Kritik

Einerseits wird von jedem Einzelnen von uns Toleranz gegenüber den Ideen anderer abverlangt. Wir teilen die Meinung der meisten anderen Ideologien in keiner Weise und es ist geradezu anstrengend, deren Existenzrecht zu tolerieren. Aber es muss sein, damit ein friedliches Miteinander möglich wird. Die Ideen anderer zu tolerieren, bedeutet ja nicht, dass man sie billigen muss – und das soll man auch nicht. Im Gegenteil, wir haben aufgrund des Artikels 19  der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte mit der Meinungsfreiheit das Recht und – wie mir scheint – sogar die Pflicht, uns unpassend erscheinende Ideen durch geeignete Argumentation zu kritisieren, weil eine Duldung fast einer Art Bankrotterklärung dieses Ansatzes zu einer Offenen Gesellschaft wäre.

Man kann daraus ableiten, dass wir eine solche funktionierende Gesellschaft vieler gleichrangiger Ideen nicht geschenkt bekommen, sondern sie immer wieder ausverhandeln müssen, vielleicht auch in der Hoffnung, dass jene Ideen überbleiben, die dieses Gesellschaftsmodell stützen, die also als Präambel zu ihren Satzungen eine Formel verwenden wie: “Es gibt viele Götter und wir müssen sie alle tolerieren.”

Fußballerische Kurzformel: Es darf beliebig viele Fußballvereine geben, jede Form verbaler Kritik von allen Seiten ist erlaubt und muss von allen Seiten ertragen werden – sofern es sich auf die Idee der Gruppe und nicht auf die Person bezieht.

Der Preis für diese “Freiheit der Gruppenbildung” ist der Umstand, dass Ideen keinen “Ideenschutz” beim Staat einfordern können und daher im Sinne der freien Meinungsäußerung kritikfähig sein müssen. Das Recht zur Kritik in Form der Meinungsfreiheit ist das Gegengewicht zur “Last” der Toleranz.

Wie “offen” ist unsere Gesellschaft?

Beim Fußball können wir das Gruppenverhalten sehr gut beobachten, weil die Anhänger der jeweiligen “Weltanschauung” der Einfachheit halber mit einer Farbkennzeichnung versehen sind. Vielleicht ist das Verhalten der Fußballfans sogar ein geeigneter Gradmesser für die Offenheit einer Gesellschaft.

Bei unserer Auswärtsfahrt nach Leverkusen bestaunten wir das tolle Stadion (jetzt haben wir selber ein noch schöneres; wer hätte das damals gedacht) und nutzten die Gelegenheit zu einem Rundgang. Dabei gerieten wir ungewollt in  den Fansektor der Heimmannschaft. Ein Ordner wurde auf unsere Rapid-Schals aufmerksam und beeilte sich, uns aus der Gefahrenzone wieder zurück zu unseren Plätzen zu dirigieren, etwas, was zum Beispiel in Hütteldorf gar nicht möglich ist. Besucher der Ost-Tribüne können gar nicht in den Rapid-Fansektor gelangen, ein “Raubtiergitter” trennt die Bereiche. Eine tolerante und gleichzeitig kritikfähige Gesellschaft braucht solche Gitter nicht. Man ist in Leverkusen offenbar schon etwas weiter am Weg, eine Offene Gesellschaft zu leben als das in Hütteldorf der Fall ist. Allerdings wissen wir auch von Regelungen, die es gar nicht erlauben, dass Besucher mit den Farben der Gastmannschaft den allgemeinen Sektor betreten dürfen.

Stolpersteine

Der Weg zur Offenen Gesellschaft enthält viele Stolpersteine. Die Akzeptanz der Menschenrechte ist durchaus nicht weltweit gegeben. Was in unseren Breiten fast schon als selbstverständlich angenommen wird, gilt in weiten Teilen der Welt nicht. Die Kairoer Erklärung der Menschenrechte im Islam verwendet zwar im Titel das Wort “Menschenrechte”, allerdings handelt es sich hier um die Etablierung der Scharia als Rechtsgrundlage.

Aus der Formel, “Kritik als Gegengewicht zur Toleranz” ergibt sich zwangsweise, dass es so etwas wie einen Blasphemie-Paragrafen nicht geben sollte. Wie eine Art “juristischer Blinddarm” existieren aber Blasphemieparagrafen immer noch. Während in England und in den nordischen Ländern solche Gesetze abgeschafft wurden, gibt es sie noch in Deutschland, der Schweiz und in Österreich; hierzulande als §188 “Herabwürdigung religiöser Lehren” und $189 “Störung einer Religionsübung”. Vielleicht warten wir nur auf einen geeigneten Anlass, um sie endgültig zu streichen, wie etwa gerade gestern der Paragraf der “Majestätsbeleidigung” in Deutschland.

Wie wenig weltanschaulich gefestigt unsere Politiker sein können, zeigt das Beispiel der Verhüllung antiker Nackstatuen bei einem Besuch des iranischen Präsidenten in Italien oder die Diskussion über die Mohammed-Karikaturen. Voreilender Gehorsam gegenüber Regeln anderer Weltanschauungen schwächt den Selbstwert einer Offenen Gesellschaft.

Zum Jahreswechsel werden wir aber ausreichend durch verschiedene Berichte daran erinnert, welche Werte wir hier in Österreich und Europa aktiv vertreten müssen, wenn wir nicht wieder in ein Zeitalter der Geschlossenheit oder wenigstens eines mit einem “starken Mann” abgleiten wollen.

Am 30.12. berichtete der Spiegel (und viele andere Medien), dass in Ägypten etwa 900 Nichtgläubige zur Gefahr fürs Land erklärt worden sind. Als Grund wurde von den Regierungsstellen angegeben, dass durch die Ungläubigen die abrahamitischen Religionen beleidigt werden; Blasphemie also. Ägypten ist ein Beispiel für eine Nicht-Offene Gesellschaft. Aber Ägypten sei weit weg, könnte man meinen, das betreffe uns nicht. Leider stimmt das nicht, denn durch Zuwanderung aus diesen Ländern begegnen wir solchen Standpunkte vermehrt auch hierzulande.

Am 27.12. berichten die Medien über einen Vorfall in Bosnien, bei dem unser Jungstar Dejan Ljubicic mit einem befreundeten Spieler Bierflaschen gegen die Wand einer Mosche geworfen hat. Das wurde vom Spieler auch zugegeben. Bei den Berichten ist nicht ganz klar, wofür die zu erwartenden “strengen Strafen” gelten; für den entstandenen Sachschaden oder dafür, dass der beschädigte Gegenstand eine Moschee war. Was wäre gewesen, wenn es sich um ein anderes Gebäude gehandelt hätte? Also um Dein oder mein Haus oder um die Geschäftsstelle eines (nicht gerade befreundeten) Fußballklubs oder um ein Geschäft? Wäre das dann auch in den Zeitungen gestanden, oder betrifft die Aufregung den Umstand, dass es sich um eine Moschee gehandelt hat? So ganz klar positioniert sich keiner der Berichte. Fredy Bickel sagt, man müsse die Tat “aufs Schärfste” verurteilen.

Der erste Bericht zeigt, wie Religionen in einem Staat zur Norm werden können, der sich alle zu unterwerfen haben. Ein Blick in unsere Geschichte wie in unserem Gedenkjahr 2018 ist also genau so gut mit einem Blick nach Ägypten zu vergleichen. Der zweite Bericht zeigt, dass Religionen auch in unseren Breiten eine besondere Stellung genießen und Kritik an ihnen in unerlaubter Weise dramatisiert wird.

Aufs Schärfste verurteilen

Unsere Fußballstars stehen auf einem Podest, auf das wir sie gehoben haben und wir alle erwarten uns Vorbildwirkung für alle ohne Podestplatz, allen voran der Verein.

In der Interpretation, wann ein Elfmeter zu pfeifen ist und wann nicht, gibt es einerseits “die Absicht” und dann die “unnatürliche Handbewegung” oder “Hand zum Ball”. Wie soll man bloß feststellen, ob etwas absichtlich gemacht wurde. Die Entscheidung folgt daher heute eher der Interpretation der Bewegung als der noch subjektiveren Beurteilung der Absicht. (Außer bei Rapid, dort ist es egal, bei Rapid wird jedes Handspiel als Elfer gepfiffen:-)

Wie will man also feststellen, ob jemand religiös motiviert Flaschen auf ein Gebetshaus wirft oder ob das betroffene Gebäude zufällig ein Gebetshaus war? Man kann das nicht, außer der Flaschenwerfer erklärt uns das. Er erklärt es uns indirekt, indem er meint, er würde dem dortigen Muslimverein Geld spenden. Hätte er dem REWE-Konzern gespendet, wenn er die Flaschen auf eine Billa-Filiale geworfen hätte?

Gewalt in der Gesellschaft ist abzulehnen. Das Werfen von Gegenständen, egal wohin, ist nicht zu tolerieren. Aber es ist darüber hinaus ohne weitere Bedeutung, ob die Gegenstände in meinen Garten, in einen gegnerischen Fansektor oder auf ein Gebetshaus fallen. Aus dem jeweiligen “Zielgebiet” erwächst keine größere Strafe als für das “Werfen von Gegenständen und der Gefährdung von Menschen”; egal ob es eine Kirche, eine Moschee oder ein Supermarkt ist, weil eben Weltanschauungen Kritik aushalten müssen.

Gruppenverhalten – individuelle Schuld

Hätte Dejan die Flaschen geworfen, wenn er allein gewesen wäre? Ich meine, dass er das ziemlich sicher nicht getan hätte. Das war auch schon beim letzten Platzsturm der Fall und bei sonstigen Anlässen, bei denen Einzelne unter dem Einfluss der Gruppe handeln. Dejan war mit einem Freund unterwegs und bereits in so kleinen Gruppen entwickeln sich Haltungen, die nur durch die Existenz der Gruppe zu erklären sind und daher ist Dejans Aussage “Ich weiß nicht, was in mich gefahren ist”, durchaus nachvollziehbar. Der Täter ist immer auch die Gruppe, auch wenn sie nur sehr selten zur Rechenschaft gezogen werden kann. Glücklicherweise gibt es aber die juristische Neuschöpfung des Landfriedensbruch-Paragrafen.

Das Ereignis zeigt uns auch, wie wichtig Religion für junge Leute sein kann und dass man daher auch verstehen kann, dass die FIFA keine große Freude mit einem religiösen Outing am Spielfeld hat.

Die Täter sind immer die Eltern

Junge Menschen, die kaum der elterlichen Obhut entschlüpft sind, zeigen in ihrem unabgeschliffenen Verhalten noch sehr deutlich, welche Werte in ihren Familien zählen. “Jesus liebt mich”, meint David Alaba. Aber der Satz “Es gibt keine religiösen Kinder sondern nur Kinder religiöser Eltern” ist sehr schwerwiegend und zeigt, wie wichtig es für Eltern wäre religiöse Erziehung in Offenen Gesellschaften etwas weniger wichtig zu nehmen, denn Kinder nehmen die Botschaften der Eltern sehr ernst – wie wir sehen.

Was wäre also das Wichtigste, das wir unseren Kindern für ein gedeihlichen Nebeneinander von Ideen mit auf den Lebensweg geben können? Es ist nicht die Vermittlung der eigenen Weltanschauung sondern die Einsicht, andere Weltanschauungem tolerieren zu müssen; nicht sie zu akzeptieren, denn die Kritik am Boden der Meinungsfreiheit muss möglich sein. Vor dieser Aufgabe stehen alle in irgendeiner Form Erziehungsbeauftragten, beginnend beim Kindergarten.

Auch am Fußballplatz ist das so. Die wichtigste Regel ist die, dass Gewalt gegen Anhänger und Spieler der jeweils gegnerischen Mannschaft außerhalb des eigenen Handlungsspielraums stehen müssen. Dass wir noch nicht so weit sind, das zu verinnerlichen, sehen wir am Unterschied zwischen der Bauweise der Stadien in Leverkusen und Hütteldorf. Aber wir sind auf einem guten Weg, vielleicht schaffen wir das auch noch.

Auf ein friedvolles Zusammenleben 2018 auf der Grundlage einer Offenen Gesellschaft!

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Motivforschung

Zu ergründen, warum Menschen Fußballspiele besuchen, ist die Sache von Soziologen. Aus Anlass dieses letzten Spiels gegen Altach und der Kommentare danach, war es mir ein Anliegen, als Nicht-Soziologe (und daher gut zum dritten Motiv passend) drei Motive zu nennen.

  • Liebe und Hass für dieselbe Sache
  • Wichtigkeit des Kleinen Mannes
  • Gewicht von Urteilen

Liebe und Hass

Es ist eigenartig, dass Menschen, die jedes Spiel von Rapid besuchen, sehr oft wild über Spieler und Trainer herfallen. Der Rat, man möge doch zu einem anderen Verein wechseln, kommt nicht gut an. Dieses Nörgeln (positiv ausgedrückt) ist offenbar Teil des Wiener Fußballherzens. Aber woher kommt das?

Die Protagonisten des Fußballs versuchen sich als Motivforscher und publizieren “111 Gründe, den SK Rapid zu lieben”, wo dann zum Beispiel zu lesen steht “Weil mit Richard Kuthan die Goalgetter-Tradition Rapids begonnen hat “.

Liebe also dafür, weil es bei Rapid Goalgetter gibt! Das ist es also!

Und was hat diese Liebe in einem konkreten Fall wie dem Spiel gegen Altach für eine fatale Wirkung?

Kaum ist einmal kein “Kuthan” am Spielfeld, kippt die Liebe vor dem Spiel in Hass nach dem Spiel; in Hass auf die Trainer, den Vorstand und die Spieler. Die wenig hilfreichen Tiraden als Frustabbau kennt jeder, meist ist man ja selbst davon betroffen. Liebe und Hass dürften zwei Seiten derselben Sache sein.

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Wenn aber jemand nun diesen anlassbezogenen Hass nicht empfindet, liebt er dann seinen Verein nicht genug?

Kleiner Mann, ganz groß

Der Ärger über nicht geschossene Tore ist vereint uns alle, denen Rapid am Herzen liegt. Aber die Urteile darüber fallen sehr verschieden aus.

Die Frage, wie das Gebotene zu bewerten ist, erregt die Gemüter; sowohl in der Kunst, als auch am Fußballplatz. Im ersten Zorn über ein verlorenes Spiel arten die Kommentare aus. Es scheint, als würde Fußball das Innerste der Menschen ans Tageslicht befördern, wie es Thomas von Kempen (14.Jhdt) auf den Punkt bringt: “Wie jeder in seinem Inneren ist, so ist sein Urteil über äußere Dinge.

Ob man eine Vernissage, ein Konzert, ein Theater oder ein Fußballspiel besucht: man spricht darüber. Und der Zuschauer schlüpft dabei in eine interessante Rolle. Er ist zwar in allen diesen Aufführungen nicht “vom Fach”, auch dann nicht, wenn er sich – so wie wir Fußballzuschauer – in die Sache vertieft. Dennoch hat er immer auch in Urteil “bei der Hand”.

Wie diese Urteile ausfallen, das wissen wir. Ein sehr auffälliges Beispiel sind Meinungen über Schüttbilder von Hermann Nitsch, im Bild auf einem Parkhaus im 2. Bezirk, nahe dem Happel-Stadion.

Von MaclemoEigenes Werk, CC BY-SA 3.0, Link

Ein Fußballspiel macht den Zuschauer zum Richter über Wahr und Falsch; er wird zum wichtigsten Juror über das Geschehen – wenigstens für die 90 Minuten des Spiels.

Der Kleine Mann neigt – mangels tieferer Einsichten – zur Marginalisierung des Gebotenen – egal ob in der Kunst oder im Fußball. Diese Abwertung der Maler zu “Schmierfinken” und der Spieler zu “unfähigen Ostbahnkickern” erhöht den Kleinen Mann zum eigentlichen Chef, der er ansonsten nicht ist.

Erst wenn Spieler und Trainer vor und nach dem Spiel unabhängig vom jeweiligen Ergebnis gesehen werden, hat man eine Chance, den Gründen für Sieg oder Niederlage auf den Grund zu gehen – und erst dann zu urteilen, wenn es unbedingt sein müsste.

Fredy Bickel hat bei der Generalversammlung die Kündigung von Damir Canadi als einen sehr bitteren Moment geschildert und letztlich ohne eigentlich zu urteilen. Weil für die letztlich Verantwortlichen ein Urteil im Sinne von “guter Trainer”, “schlechter Trainer” nicht hilfreich ist, wenn es um das Überleben des Vereins geht. Und dass Canadi Qualitäten hat, das hat er vor Rapid und nach Rapid bewiesen.

Welches Urteil hat Gewicht?

Urteilen dürfen und sollen natürlich alle, dazu sind öffentliche Aufführungen aller Art schließlich da, wichtig ist aber das Gewicht, das ein solches Urteil hat, das es zum richtigen Urteil macht. Marc Aurel meint dazu:“Man muss erst so manches gelernt haben, ehe man über die Handlungsweise eines anderen richtig urteilen kann.” Man sieht am Zeitalter der Zitate, dass es sich um ewige Themen der Menschheit handelt.

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Ob daher ein Schüttbild Kunst ist oder eine Mannschaft Bundesliganiveau hat, das können in letzter Konsequenz nur jene richtig bewerten, die eben “vom Fach” sind: studierte Künstler, ausgebildete Trainer und Fußballer. Regelkunde allein, wie sie etwa bei einem Fernseh-Moderator durchaus gegeben ist, reicht nicht aus, und daher werden Gespräche immer auch mit einem wirklichen Fachmann, einem Analytiker geführt, auch wenn dessen Diktion oft nicht ahnen lässt, dass er wirklich “der Fachmann” ist. Zufällig ist auch der gerade Geehrte, Ernst Happel, so ein kontroversieller Typ. Dass seine Sprache an den Kaffeehaustisch gepasst hat, weniger aber ins Studio, darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass er den Fußball verinnerlicht hat wie kein Zweiter. Auch Toni Polster, der statt der 40 GB aus dem Geschenkkarton steigt, passt in dieses gestrige Schema. Dagegen ist Helge Payer einer der jüngeren Generation,  der beide Bühnen perfekt beherrscht, die der Medien und die des grünen Rasens.

Ein Fußballtag

So ein Rapid-Heimspiel ist eine Ganztagsbeschäftigung. Hier ein Gedächtnisprotokoll des Tagesablaufs beim Admira-Heimspiel:

Vormittag

09:00 Der Vormittag gehört Aufräumungsarbeiten. Beispielsweise wird die letzte Ausgabe der Rapidviertelstunde archiviert. Seit ein paar Folgen hat sich das interne Format geändert und ich schreibe einen Fehlerbericht an Gunther, den Projektleiter der Sendung, damit seine Techniker einen kleinen Fehler auf der Webseite beheben können. Weiters werden Termine und neue Meldungen der Rapid-Homepage in der Datenbank aufgenommen.

10:00 Ein Werbezettel für den “Klub der Freunde” wird entworfen und 200 A5-Blätter ausgedruckt und zugeschnitten.

Mittagessen

11:00 Heute ist Nudeltag und ich bin der “Koch”; besser gesagt, ich lasse kochen – beim China-Kiosk und beim Anker am Hauptbahnhof.

Fahrt zum Spiel

13:00 Ich habe für den Klub der Freunde die Aufgabe übernommen, ein Transparent zu befestigen und muss daher bereits bei der Stadionöffnung im Stadion sein. Später wird es schwieriger, weil sich das Transparent hinter der letzten Sitzreihe befindet und dann die Sitze schon belegt sind. Außerdem verteile ich vor jedem Spiel Informationen über den Klub der Freunde auf den Stehtischen auf Ost und Nord.

Wenn man sich an die stündlichen Abfahrtszeiten des S80 hält, kommt man zu vollen Stunde in Hütteldorf an. Ich fahre um 13:34 ab, Florian kommt eine Stunde später nach.

Am Hauptbahnhof treffe ich Mario, einen sehr engagierten jungen Mann, der nicht nur selbst viele Spiele besucht, sondern einen enormen Freundeskreis hat. Alle diese Freundinnen und Freunde motiviert er, auch zu Rapid zu kommen. Mario will mir ein Cola schenken, aber ich muss das Cola ablehnen, weil ich es nicht ins Stadion mitnehmen kann. Beim Einsteigen in die S80 schenkt er es “Marcel Wien”. Ich kenne Marcel aus Facebook. Johann, Marios Vater, ist heute auch beim Spiel, kommt aber ebenfalls eine Stunde später. Gesehen haben wir uns daher nicht, aber eine Facebook-Botschaft ist sich ausgegangen. Johann hat meine Freundschaftsanfrage in Facebook bestätigt.

Aber Mario hat auch zwei Bekannte dabei: Michaela und ihre Tochter (?). So genau weiß ich das nicht. Ich gebe Michaela meine Werbeblätter für den “Klub der Freunde” und lade sie für unsere Mitgliederversammlung am Montag, 13. November ein. Es stellt sich heraus, dass Michaela den Klub schon kennt und mit unserem Cafetier Peter Novotny befreundet ist.

In der Schnellbahn begrüßen wir auch einen prominenten VIP-Gast: Roland Nickles mit Frau und Sohn. Ich kenne sie von gemeinsamen Auslandsfahren mit Rapid. Roland ist erfolgreicher Geschäftsmann in der Donaustadt und in dieser Funktion auch Sponsor bei Stadlau. Er erzählt über organisatorische Schwierigkeiten beim nächsten Gegner von Rapid II am Sonntag. Wir Zuschauer sehen nur die Tabelle, und dass Stadlau den vorletzten Platz einnimmt, etwas, was es in den vergangenen Jahren nicht gegeben hat. Ohne die Details zu kennen, merkt man also, dass sich Probleme der Vereinsführung auch auf das Spielgeschehen auswirken.

Vor dem Spiel

14:00 Am Bahnhof Hütteldorf trennen sich unsere Wege und ich gehe ins Stags Head, um Peter und Janine zu begrüßen, die mit ziemlicher Sicherheit am ersten Nichtrauchertisch ihr Mittagessen verzehren. Auch hier verteile ich meine Werbemittel für den Klub der Freunde. Wir besprechen einen geänderten Spieltermin. Peter hat eine Karte für das Sturm-Spiel gekauft und auf der Karte steht als Beginnzeit 18:30. Doch das Spiel findet schon um 16:00 statt. Wenn man bereits einen Zugsitzplatz gebucht hat, sind solche Verschiebungen weniger lustig. Es wird Zeit, wieder einmal einen Brief an die Bundesliga zu schreiben. Die Bundesliga glaubt nämlich, mit der jetzigen Art der Terminfestsetzung kundenfreundlich zu sein. Eigentlich sollte die Bundesliga als Vertreter des Stadionpublikums auftreten. Stattdessen lässt sie sich die Spieltermine von den Fernsehsendern diktieren und noch dazu ziemlich kurzfristig. Für Leute, die wie Peter ihre Fahrten rechtzeitig planen, um bei der Bahn einen günstigen Tarif zu bekommen, ist die Terminfestsetzung einfach zu knapp. Ich verabschiede mich von Peter und Janine und beeile mich, rechtzeitig zur Stadioneröffnung um 14:30 zu kommen.

14:30 Mein Transparent wird durchgewunken. Gleich nach dem Eingang begrüßt mich Stefan Kjaer. Stefan steht hinter der tollen Homepage von Rapid, und wenn ich mich recht erinnere ist er auch der Ideengeber zur Mitgliedschaft “Mein leben lang”. Bei unserer letzten Begegnung – ich glaube es war beim Doppelpass  – erwähnte ich, dass die Rapid-Seite sehr professionell gemacht wäre, dass aber einige Elemente, zum Beispiel ein RSS-Feed, fehlen würden. Stefan hat sich diese Anmerkungen in einem unsichtbaren Notizheft aufgeschrieben und hat sich sofort daran erinnert und mich darauf angesprochen. Er sagte, dass es den RSS-Feed zwar noch nicht gibt, dass ich aber erst am 12. November Geburtstag hätte. Stefan hat sich doch tatsächlich aus der Mitgliederdatenbank herausgesucht, wer ihn da kontaktiert hat. Er kennt also meinen Namen und mein Geburtsdatum, weiß, was wir damals gesprochen haben und hat das auch an seine Techniker weitergeleitet. Ich war ziemlich sprachlos und werde an dieser Stelle darüber berichten, was es mit diesen “RSS-Feeds” auf sich hat. Danke jedenfalls jetzt schon dafür!

Mein Job ist es, das Transparent vom “Klub der Freunde” anzubringen und weil sich das Transparent vor den Sitzen in der letzten Reihe befindet, bemühe ich mich, als Erster dort oben zu sein. Die Montage dauert etwa 20 Minuten. Dann gehe ich daran, etwa 200 Ankündigungen für die Mitgliederversammlung des “Klub der Freunde” auf den Stehtischen auf der Nord- und Ost-Tribüne aufzulegen. Dabei treffe ich – wie schon seit vielen Jahren – den Security-Beauftragten – Josef Kloiber. Josef wohnt auf der Nachbarstiege in unserem Haus. Er ist als pensionierter Krankenpfleger sehr gesundheitsbewusst. Josef arbeitet immer noch geringfügig für Securitas. Ich gebe ihm auch einen unserer Flugblätter des “Klub der Freunde”, allerdings wird das nicht viel helfen, denn Josef ist Austrianer und derzeit nicht “gut drauf”. Kein Wunder! Dann folgt eine kleine Verschnaufpause.

15:00 Im Auftrag von Christoph, der wegen einer privaten Verpflichtung erst später kommen kann, soll ich noch zwei Ausgaben des Block-West-Echo besorgen. Das ist nicht ganz einfach, weil die Behörde veranlasst hat, dass man das Raubtiergitter zwischen dem Block-West und dem Rest des Stadions schließen muss. Was das bei einem Spiel gegen die Admira für einen Sinn haben soll, kann uns niemand erklären. Ich musste einen Ordner bemühen, der wieder den Verkäufer im Block West motivieren musste, sich an das Raubtiergitter zu begeben, bis ich schließlich die Ausgabe – fast wie einen Kassiber  – aus dem Block-West  herausschmuggeln konnte.

Dieser kleine Ausflug hat sich gelohnt, denn Christopher Dibon kam gerade in Begleitung von Robert Racic und signierte mir sowohl die beiden Ausgaben des Block West Echo als auch eine Autogrammkarte. Ein sehr seltenes Erlebnis, hier im Block-Ost. Danke Robert!.

Nachdem nun die “Pflicht” erledigt ist, kann ich an die Terrasse der Osttribüne gehen, um den Einlauf der Mannschaft mitzuerleben. Dabei begrüße ich Familie Schrabauer aus Wieselburg, Arnold aus Simmering, Andi mit seinen beiden Söhnen sowie Karl Deix. Karl testet meine Rapid-Affinität und fragt “Woast bei den Derbys?”. Nein ich war nicht, ich war in der Rekordmeisterbar, habe ich gestanden. So viele Levels kann man in einem Computerspiel gar nicht zurück fallen, als ich in diesem Moment in der Einschätzung von Karl abgestiegen bin.

15:30 Da sehe ich aber schon schon Florian, der bei Joe und seinem Sohn Patrick steht. Joe und mich verbinden schon sehr viele Jahre beruflicher Weiterbildung. Schon vor 20 Jahren beteiligte sich Joe an Seminaren, die ich – damals noch im TGM – geleitet habe. Heute ist Joe immer noch Mitglied bei unserem Computer-Club. Sein Sohn Patrick ist aktiver Fußballer in der Region Marchfeld und ich habe die beiden zu diesem Spiel gegen die Admira eingeladen. Joe kritisiert Vorkommnisse bei den Prater-Derbys, aber so ganz einfach, wie das die Außenstehenden wahrnehmen, ist die Sache insgesamt nicht. Jedenfalls habe ich mir vorgenommen, dass wir dieses Thema einmal bei einem Bier besprechen. Den beiden hat das Spiel und die Stimmung gut gefallen, vielleicht werden wir sie bald wieder im Stadion sehen.

Wir treffen Gregor, mit dem wir schon einige sehr gemütliche Fahrten unternommen haben und mit dem wir auch wieder nach Pasching fahren werden. Gregor haben wir bei unserem ersten  Fanklubtreffen als “EwkiL:Rapid” im Sektor E des Happel-Stadions kennen gelernt. Der Zufall wollte es, dass wir einem Tisch gewählt haben, an dem auch Christoph und Gregor, die Obmänner von “Grün-Weiß Distel” gesessen sind, und seither ist es für uns ein großes Vergnügen, mit den beiden zu plaudern und gemeinsame Auswärtsfahrten zu unternehmen.

Ein Zuschauer nagt an einem Riesenkuchen, und wir holen uns ebenfalls eine solche Ration beim Snack-Eck und essen sie bei einem der Stehtische. Im Besucherstrom erkennen wir Franz Herynek. Franz kennen wir schon seit vielen Jahren noch aus den Zeiten des Hanappi-Stadions. Aber dieses neue Stadion hat die früheren Gemeinschaften zerrissen und man muss erst das frühere Selbstverständnis wieder herstellen und an die Zeit von “damals” anknüpfen. Wir nehmen uns vor, dass wir uns wieder einmal – wie früher – vor dem Spiel zu einem Plausch treffen.

Am Weg zu unseren Sitzplätzen treffen wir Jasmin-Louise vom Klub der Freunde und sie berichtet uns voll Begeisterung von ihren Derby-Erlebnissen. Jasmin, ebenfalls vom Klub der Freunde, können wir nur aus der Ferne zuwinken.

15:50 Auf den Sitzplätzen eingelangt, begrüßen wir unsere Sitznachbarn Andreas Schieder mit seinem Sohn Max. Sie sind sehr freundlich und ich versuche ihnen zu vermitteln, was es mit diesem “Klub der Freunde” auf sich hat und gebe ihnen auch einen Einladung zu unserer Mitgliederversammlung. Ich zeige ihnen noch ein sehr schönes Bild, das Ilona bei letzten Heimspiel von der Nordtribüne gemacht hat. Unsere “Gärtner” Josef und Peter sind nicht auf ihren Plätzen, sie sind wohl auf ihren VIP-Plätzen in der Röhre. Julian, ein ganz treuer Rapid-Fan, bringt mir die Stadion-Zeitung vom Auswärts-Derby. Ich werde es am Abend einscannen und zu unserer digitalen Sammlung geben. Und noch ein alter Bekannter kommt uns besuchen, der “Grüne Franz” aus Purgstall. Er berichtet, dass er an diesem Tag bereits das Spiel seines Heimatvereins Purgstall besucht hat. Wie immer vor einem Spiel kommt Margit vom Klub der Freunde und begrüßt uns. Wir vereinbaren, dass wir versuchen werden, gemeinsam ein Mailversandproblem bei ihrem Tablet zu beheben.

Das Spiel

16:00 Das Spiel beginnt und man interpretiert das Geschehen, ärgert sich und freut sich, je nach Spielsituation. “Hinein” geht vorbei und grüßt uns aus alter Gewohnheit. Seine lauten “Hinein”-Rufe  vor Freistößen und Cornern sind legendär. Abgenommen hat er! Er holt Nachschub für die Kehle.

Nach dem Spiel

18:00 Das Spiel ist aus, wir harren aus, bis alle Zuschauer die Tribüne verlassen haben, darunter Michael und Michaela. Wir begeben uns dann in die letzte Reihe und bauen das Transparent ab. Danach nutzen wir die Gelegenheit, im Stadion bei einer Leberkässemmel die Pressekonferenz zu verfolgen. Dass man dort wegen schlecht eingestellter Lautsprecher praktisch nichts verstehen kann, wäre Stoff für einen weiteren Artikel.

Fahrt nach Hause

19:25 Jetzt aber nichts wie nach Hause! Unsere S80 fährt um 19:37, das schaffen wir. Wir sind nicht allein. Thomas vom Klub der Freunde, ebenfalls ein Favoritner, setzt sich zu uns und wir freuen uns gemeinsam über den quasi perfekten Monat Oktober. Die S80 ist eine perfekte Verbindung zum Hauptbahnhof und dann sind es nur noch ein paar Schritte nach Hause “zum Rapport”, um zu berichten, was denn alles los war, beim Spiel und rund um das Spiel.

Jetzt ruft Christian an und beschwert sich, warum wir nicht im Stags Head eingekehrt sind. Es stimmt, aber man muss das natürlich vorher vereinbaren. Nächstes Mal.

Heimweg

20:00 Wir – Florian und Franz – diskutieren in der Fußgängerzone über das Spiel, über unser Stürmer und mitten in der Favoritner Nacht tönt eine Stimme: “Seavas Franz”.

Wir wohnen zwar in Favoriten, dass uns aber jemand auf der nächtlichen Favoritenstraße grüßt, das ist schon eine Überraschung. Dazu muss ich ausholen: nach irgendeinem Spiel im Vorjahr fuhren wir am Hauptbahnhof mit der Rolltreppe als uns jemand gefragt hat, ob wir die “Fialas” wären. Ja, das wären wir! Christian mit seiner Frau und ihrem Sohn Pascal kannten uns von unserem Newsletter.  Sie wären Mitglieder beim Stehtisch Grün-Weiß. Sie luden uns auf ein Bier im Columbusbräu ein und seit dieser Zeit fühlten wir uns fast ein bisschen als assoziierte Mitglieder beim Stehtisch Grün-Weiß. Thomas, der Obmann, ist Kellner im Gasthaus “Engelhart”. Wenn Du einmal Sehnsucht nach Wiener Küche hast, besuche dieses Gasthaus in der Karolinengasse in Wien 4., etwa in der Mitte zwischen den Stationen U1-Taubstummengasse und U1-Hauptbahnhof. Das ist auch der offizielle Treffpunkt des “Stehtisch”. Wir waren schon einige Male bei ihm.

“Seavas Franz” ist OK – wenn es im Stadion ist, aber in Favoriten? Christian hat seinem früheren Stammlokal, dem Columbsbräu den Rücken gekehrt und gastiert derzeit im “Bernado”, einer kleinen Bar am Rande vom Columbus-Platz. Und dort zahlt er die erste Runde. Wir folgen seinem Beispiel und schließen uns mit einer Runde Nuss an. Wie viele Achterln es schließlich insgesamt waren, kann ich nicht mehr genau sagen. Es war jedenfalls eine lustige Runde von Rapidlern, die manchmal auch durch anpassungsfähige Austrianer verstärkt wird.

Besonders interessant für Rapid-Amateur-Soziologen war Christians Sohn Matthias aus Rostock (ja, moderne Patchwork-Familien können kompliziert sein). Matthias lebt schon seit zehn Jahren in Österreich. Trotz seiner unüberhörbaren deutschen Herkunft ist er mit dem Wiener Fußball als Rapid-Fan verbunden und erinnert an die Migrantenfamilie aus den Buch/Bühnenstück “Cordoba, das Rückspiel” von Florian Scheuba, erwähnt im Beitrag “Integration am Fußballplatz”.

Wieder daheim

22:00 Stadionzeitung einscannen, Daten vom Spiel in die Datenbank eintragen, Rapid-Berichte rund um das Spiel in die Meldungsdatenbank aufnehmen, Bilder auf die Festplatte kopieren, nachbearbeiten und auf OneDrive publizieren. Bericht über das Spiel beginnen aber es ist schon 01:00, daher schnell noch die Pressemeldungen des Tages erfassen und als Newsletter versenden. Der restliche Bericht und der Versand des Newsletters wird am Sonntag erledigt.


Man muss vorausschicken, dass in der Zeit, als wir begannen, Spiele von Rapid zu besuchen, wir viele Jahre niemanden im Stadion gekannt haben. Damals hatte ich berufsbedingt ohnehin sehr viele Begegnungen an einem Tag, aber mit der Pensionierung war das mit einem Mal Geschichte.

In diesem Bericht über einen Spieltag kommen ca. 30 Personen vor, die wir durch das konsequente Besuchen der Spiele von Rapid im Laufe der Jahre kennen lernten durften. Hier werden die wichtigsten abgebildet:

Katalysator Fußball

Wer von Euch einen Hund hat, wird den Umstand kennen, dass Hundebesitzer allein durch die Anwesenheit des Hundes viele Gleichgesinnte kennen lernen. Funktioniert natürlich auch mit Kleinkindern oder auch mit einem speziellen Interessengebiet, etwa wie Fußball. Aber beim Fußball ist die Vielfalt der Kontakte ziemlich einmalig.

Fußball schlägt Brücken zu Menschen, denen man im Alltag nie begegnen würde. Manchmal habe ich den Eindruck, als wäre Fußball überhaupt nur deswegen so populär. Ein Fußballspiel bringt Menschen zusammen, die ohne dieses Element “Fußball” nie zusammen kommen würden. Das Spiel ist ein Katalysator der Brücken zwischen Welten schafft.

Einladung zur Podiumsdiskussion

Der Club 2×11, gemeinsam mit Büchereien Wien, ballesterer, fairplay Initiative und tipp3 laden zur Podiumsdiskussion

Kommerz und Kapital: Kapituliert der Fußball?

Mittwoch, 8. November 2017 19:30, freier Eintritt
Hauptbücherei, Urban-Loritz-Platz, 3. Stock

Im Sommer 2017 brachen alle Transferrekorde im Fußball, von Marko Arnautovic bis Neymar. In den großen Ligen sprudelt globales Kapital, der Besitz europäischer Klubs ist ein Prestigeprojekt für die reichsten Männer der Welt. Mit der boomenden chinesischen Liga gibt es einen neuen Mitbieter für Stars. Auch der Fernsehmarkt ist durch Streaming, Mobildienste und das Ende des analogen Zeitalters im Umbruch, und TV-Rechte werden zu Höchstpreisen gehandelt.

Was bedeuten diese Entwicklungen für den österreichischen Markt? Wie reagieren Vereine, Liga und TV-Anbieter? Wer profitiert von der neuen Fußballwelt – und wer sind die Verlierer?

Podiumsdiskussion mit

Markus Kraetschmer, Vorstand FK Austria Wien, Bundesliga-Vizepräsident
Oliver Prudlo, Vereinigung der Fußballer & Ex-Bundesligaprofi
Hans Peter Trost, ORF-Sportchef
Michael Wulzinger, Journalist (Der Spiegel) und Autor (Football Leaks)

MODERATION: Mona Müller (W24)


Ein Diskussion in Wien über ein Fußballthema ohne einen Vertreter von Rapid, das ist weniger als eine halbe Sache. Nicht, dass Rapid in einer so allgemeinen Frage eine völlig andere Position als Vereinsvertreter haben würde. Aber die Fronten zwischen Kommerz und Tradition scheint ja nirgendwo so angespannt zu sein wie bei Rapid. Für mich als Rapid-Anhänger wäre es interessant gewesen zu hören, ob es Unterschiede in den Standpunkten der beiden Großvereine gibt. Jede dieser Veranstaltung hätte mehr Gewicht und mehr Akzeptanz, wenn sie “proporz”mäßig immer auch von Vertretern der Großklubs beschickt werden würde. So werden wir uns mit den Ausführungen des Vorstands der Austria begnügen müssen.


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Gerechtigkeit im Fußball

Im Bild Schiedsrichter Robert Schörgenhofer mit seinen Assistenten beim Aufwärmen vor dem Spiel gegen die Admira in der Südstadt.

Gleich mehrmals kam nach dem Spiel gegen die Admira das Thema “Schörgenhofer” zur Sprache und wer Rapid-Anhänger ist, der weiß, man spielt nicht nur gegen den Gegner sondern auch gegen einen Schiedsrichter, bei dem man meist den Eindruck hat, als wäre er mit dem Gegner im Bunde. Diesen Eindruck kann man leider an Zahlen nicht so gut ablesen, wie wir gleich sehen werden. Aber man kann sehr gut vergleichen, welchen Erfolg wir bei welchem Schiedsrichter haben. (Übrigens sollte fairerweise gesagt werden, dass natürlich die jeweils gegnerische Mannschaft denselben Eindruck hat, und auch, dass es sich mit diesem Eindruck besser leben lässt, wenn man gewinnt.)

Die folgenden Schlüsse basieren auf einer ewigen Schiedsrichter-Statistik, die die zuletzt aktiven Schiedsrichter in einem Vergleich darstellt. Interaktive Schiedsrichter-Vergleichstabelle. Grün: Sieg, Gelb: Unentschieden, Rot: Niederlage

Hier ist dieselbe Tabelle in Punkte umgerechnet:

Schiedsrichter Spiele Punkte Spiele*Pkte
Drachta Oliver Mag. 33 2,1 68,0
Eisner Rene 31 1,5 47,1
Grobelnik Gerhard Ing. 8 1,5 12,0
Hameter Markus 11 1,6 18,0
Harkam Alexander 35 1,5 53,9
Heiß Andreas 4 3,0 12,0
Jäger Christopher 8 2,4 19,0
Kolleger Andreas 7 2,3 16,0
Lechner Harald, Mag. 9 1,6 14,0
Muckenhammer Dieter 14 1,5 21,0
Ouschan Dominik 20 1,8 36,0
Schörgenhofer Robert 47 1,7 80,8
Schüttengruber Manuel 19 1,6 30,0
Weinberger Julian 1 3,0 3,0
1,9
gewichtete Punkte 247 1,7 431,0

Die durchschnittliche Punktezahl, die wir erreichen, gemittelt über alle Schiedsrichter ist 1,9. Wir müssen aber bedenken, dass manche Schiedsrichter nur wenige und manche sehr viele Spiele leiten. Daher muss man die durchschnittliche Punktezahl des Schiedsrichters mit der Anzahl der Spiele gewichten. (Spalten “Spiele”, “Summe”). Dann ergibt sich eine durchschnittliche Punktezahl von 1,7. Bezüglich dieser Zahl können wir nun die einzelnen Schiedsrichter “bewerten”.

“Böse” Schiedsrichter sind also rot, “gute” sind grün hinterlegt. Schiedsrichter Schörgenhofer belegt die goldene Mitte, weil seine Spiele exakt dem Mittelwert entsprechen. Das ist auch nicht weiter verwunderlich, weil er die meisten Spiele, nämlich 47 geleitet hat und daher das gewichtete Mittel diesem Wert sehr nahe ist.

Solltet Ihr also bei einem Spiel die Möglichkeit haben, den Schiedsrichter selbst bestimmen zu können, wählt Drachta, Heiß, Jäger, Kollegger, Ouschan oder Weinberger.

Leider ist aber das Leben kein Wunschkonzert und beim nächsten Spiel gegen Sturm wird Manuel Schüttengruber an der Pfeife sein, der uns mit 1,6 noch weniger Punkte beschert als der zuletzt kritisierte Robert Schörgenhofer mit 1,7.

Bitte aber diese Zahlen nicht allzu ernst zu nehmen.

  • Je weniger Spiele ein Schiedsrichter geleitet hat, desto mehr können diese mittleren Punktezahlen nach oben oder unten abweichen. Julian Weinberger hat überhaupt erst ein Spiel geleitet. Sein Punktemittel von 3,0 schaut daher ziemlich ideal aus, aber wie gesagt, es war nur ein Spiel. Je weniger Spiele ein Schiedsrichter geleitet hat, desto weniger kann etwas man über eine “Tendenz” sagen.
  • Weiters müsste man noch berücksichtigen, ob nicht bei Cup- oder Risikospielen jeweils andere Schiedsrichter zum Einsatz kommen und sich dadurch ihre Statistik verbessert (Cup-Spiele) oder verschlechtert (Liga-Spiele).
  • Beispielsweise pfeift Gerhard Grobelnik nur das Wiener Derby und daher ist das keine Mischung verschieden anspruchsvoller Gegner sondern es sind durchwegs schwierige Spiele, die im Schnitt weniger Punkte bescheren als andere. Daher erreicht Rapid auch bei Grobelnik nur 1,5 Punkte pro Spiel. Daraus darf aber nicht auf irgendwelche “Tendenzen” geschlossen werden, weil seine Spiele eben “schwierige” Spiele sind und daher eben aus diesem Grund weniger Punkte einbringen.

Wegen dieser “Seiteneffekte” darf man aus diesen Zahlen also keine voreiligen Schlüsse ziehen. Sie zeigen eher, dass zwischen den Schiedsrichtern gar nicht so große Unterschiede bestehen. Dennoch habe ich Lieblingsschiedsrichter: Es sind Oliver Drachta (2,0) und Dominik Ouschan (1,8) und beide haben schon sehr viele, nämlich zusammen 53 Spiele geleitet, was schon eine gewisse Sicherheit in der Aussage bietet.

Was daher bleibt, ist die Art wie gewisse Details in einem Spiel entschieden werden, die man auch hätte anders entscheiden können. Etwa die Spielunterbrechung  beim Admira-Spiel, die von den Spielern beider Mannschaften abgelehnt wurde. Die Unterbrechung allein wäre ja kein großes Malheur, allerdings wird am kommenden Montag dieselbe Causa noch einmal von dem Strafsenat verhandelt und dann wird es um eine wiederholte  Spielunterbrechnung gehen, die für Rapid sehr schwerwiegend sein kann. Und das hat Schiedsrichter Schörgenhofer gewusst, und da er dem Wunsch der Spieler nicht entsprochen hat, hat er diesen Nachteil für Rapid geradezu absichtlich herbeigeführt.

Gerechtigkeit gibt es nur im Film*)

Eine weitere, immer wieder angemerkte Beobachtung ist die, dass der Rapid-Anhang ungleich fordernder ist als der von Admira oder Mattersburg. Das spürt natürlich auch der Schiedsrichter. Und in dieser Drucksituation muss er den Eindruck des “Unparteiischen” vermitteln und ist sich gleichzeitig in vielen Situationen viel weniger sicher als es sein Pfiff (oder Nicht-Pfiff) vermittelt.

Diesem Druck unterliegen alle Schiedsrichter gleichermaßen.

Seien wir ehrlich: auch wenn das Abseits gegen den Rapid-Stürmer korrekt gesehen und angezeigt wurde: dem Publikum ist das herzlich egal, es pfeift; gegen die Entscheidung. Und das tut das Rapid-Publikum in praktisch jeder strittigen Situation, und reklamiert die Entscheidung zum eigenen Vorteil.

Glaubt ihr nicht, dass ein Schiedsrichter in seinem ohnehin grundsätzlichen Zweifel sich tendenziell gegen diese “öffentliche Meinung” stellt, ja geradezu stellen muss, um eben nicht parteiisch zu erscheinen? Ich habe den Eindruck, dass mit stärker werdendem Druck des Publikums ein Schiedsrichter tendenziell gegen die lautstark unterstütze Mannschaft pfeift. Hinweise dazu finden sich im Buch “Der Fußball – Die Wahrheit” im Abschnitt “Das Publikum zeigt Gelb”. (In einem Experiment wurde gezeigt, dass Schiedsrichter eher auf “Gelb” entscheiden, wenn gleichzeitig ein hoher Geräuschpegel vorliegt, weil sie mit der Lautstärke die Schwere des Fouls verbinden; unbewusst, natürlich!)

Und die Leistung des Schiedsrichters wird nicht durch das Publikum oder durch die Medien bewertet sondern durch unpublizierte Bewertungstabellen, deren Bewertungsmaßstäbe uns nicht zugänglich sind. Wenn uns als Rapid-Anhänger die Spielunterbrechung beim Admira-Spiel stört, bedeutet sie vielleicht für den Schiedsrichter eine lobende Erwähnung, wer weiß?

*) Titel eines (lesenswerten) Buchs von Robert Taschner.

Karriereplanung, gibts die?

Hätte jemand am 5. Juni 2016 gefragt, wer ein Jahr später Rapid-Trainer sein würde, niemand hätte es erraten. Damals, am 5. Juni war noch nicht einmal bekannt, dass es Zoki definitiv nicht sein würde.

Aber auch noch mehrere Monate später, sogar noch in der Winterpause hätte niemand voraussagen können, dass der frühere Trainer de ASK Ebreichsdorf diesen Platz einnehmen würde.

Welche dieser letzten vier Trainer-Karrieren war im Sinne einer systematischen Planung voraussagbar? Eine, die von Damir; aber genau diese war ein selten gutes Beispiel wie wenig der Erfolg eines Einzelnen mit dem Erfolg eines Unternehmens zu tun hat.

Erfolgsmenschen im Interview

Neulich war der Tormann von RedBull, Alex Wahlke im Interview, und die Frage war – wie könnte es anders sein – warum RedBull so erfolgreich ist. Und seine Antwort – wie könnte es anders sein – weil man eben besonders fleißig wäre und Extraschichten beim Training eingelegt hätte. Implizit besagt die Antwort, dass eben die Mitbewerber etwas weniger fleißig sind und weniger hart trainieren.

Ohne das wirklich zu wissen – aber die Spieler der Mannschaften weiter unten in der Tabelle strengen sich wahrscheinlich viel mehr an.

Dieses Interview war nur ein Beispiel aus den letzten Tagen zu “Erfolgs-Interviews”. Zum Beispiel liefern die Sendung “Frühstück bei mir” von Claudia Stöckl oder die Sendung “Seitenblicke” beliebig viele Beispiele in dieser Richtung. Alle wollen wissen, wie es die Erfolgreichen geschafft haben, dorthin zu kommen, wo sie jetzt stehen.

Erfolg des Teams oder Erfolg des Einzelnen?

Der Erfolg des Teams färbt auf jeden Einzelnen ab und der Einzelne kann leicht auf die Idee kommen, seine eigene Anstrengung wäre die Ursache für den Erfolg.

Das glaubt auch unser Teamchef Marcel Koller, der unbeirrt daran festhält, dass Stefan Stangl (der in der abgelaufenen Saison in sechs (!) Bundesliga-Spielen aufgelaufen ist), im Teamkader zu stehen hat. Und Stefan Stangl ist da kein Einzelfall, es gibt noch viele andere Beispiele seiner gleich gelagerten Einschätzungen.

Der Markt sieht das ein bisschen anders, denn schauen wir einmal auf den Marktwertverlauf von Stefan Stangl (Grafik entnommen aus der Seite Transfermarkt):

Man sieht, wer hier den Marktwert steigert: das ist die Talenteplattform des SK Rapid. Danach geht es bergab. Nicht immer aber sehr oft. Man kann diesen Marktwertverlauf leider auch bei Florian Kainz verfolgen.

Aber das war nur eine Randbemerkung. Was gezeigt werden sollte, dass wir uns über die Leistung eines Einzelnen durch den Erfolg des Teams, dem er angehört täuschen lassen.

Aber es geht auch umgekehrt: Man muss nur das gestrige Spiel gegen St. Pölten und die dazugehörigen Kommentare im Publikum über die Leistung einzelner Rapid-Spieler Revue passieren lassen. Würden diese Kommentare auf die Leistung des Teams zutreffen, könnten wir überhaupt nie gewinnen. Aber das Leistungsmaß des Teams ist nicht das des Einzelnen. Ein gutes Kollektiv verkraftet durchaus einzelne Ausrutscher.

Karriereplanung

Man braucht nur das Wort “Karrierplanung” in Google eingeben und bekommt jede Menge kostenloser und kostenpflichtiger Tipps, wie man die eigene Karriere richtig plant. Allen diesen Tipps ist gemeinsam, dass suggeriert wird, man könne Karriere planen. Wenn man dieses oder jedes Rezept befolgt, würde der Erfolg nicht ausbleiben.

Ich glaube das nicht!

Es geht bei diesen erstrebenswerten Jobs nicht um Deinen oder meinen. Die meisten von uns sind eingebettet in einen Massenjob der uns oft ein Leben lang begleitet. Es geht hier um besondere Jobs, wie zum Beispiel um den Trainerposten bei Rapid.

Wir haben mit den letzen vier Trainern Zoki, Mike, Damir und Gogo gleich vier verschiedene “Erfolgsmodelle” kennengelernt, die den Karriereplanungs-Tipps alle widersprechen.

Zoki war ein Aufsteiger aus dem eigenen Haus; eine praktische Lösung solange der Verein kein Geld hatte aber kaum konnte man sich etwas “rühren”, hatte ein solcher Trainer ohne Titel keinen guten Stand – wie wir gesehen haben.

Zokis Qualitäten beim Umgang mit der Mannschaft wurden nicht verstanden. Sein Abgang hat den Beigeschmack von Undankbarkeit. Aber man soll nicht sagen, der Verein wäre nicht lernfähig. Ein Jahr später besann man sich dieser Fehler und entschied sich ganz anders als ein Jahr vorher.

Mike bekam einen Job, weil er jemanden gekannt hat, der ihm den Job vermittelt hat. (Die späteren Lösungen Damir, oder die Lösung Gogo oder auch jede andere zeigen, dass die Aussage “alternativlos” ziemlich sonderbar war.) Dieser Vorgang war ein in Österreich nicht seltener Karrieresprung – durch Bekanntschaft. Mike hätte sich durchaus behaupten können, war aber so wenig mit der österreichischen Seele im Allgemeinen und mit der grün-weißen im Besonderen vertraut, dass es nicht weiter verwunderlich ist, dass er gescheitert ist.

Damir war der Karrierist wie sich ihn Karriereplaner vorstellen. Er hat beim Hearing überzeugt, es bewährte sich vor einem Gremium, das die Management-Ausdrucksformen kennt und sie in Damirs Präsentation wiedererkannt hat. Aber auch Damir – und wir mit ihm – tappte in die Falle wie auch Marcel Koller, denn er verwechselte seinen persönlichen momentanen Erfolg mit Altach, der durchaus durch Zufälligkeiten oder auch durch Leistungen der anderen Teammitglieder zustande gekommen sein kann, mit der eigenen Leistung. Für diese Interpretation spricht das ziemlich unflexible Festhalten an einem vermeintlich sieg-bringenden System.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass Damir aus persönlicher Sicht die Rezepturen der Karriereplanung richtig angewendet hat und damit einen tollen Posten erreicht hat. Aber uns, als Rapid, geht es natürlich nicht um persönliche Erfolge sondern immer nur um den Erfolg der Mannschaft.

Gogo hingegen ist einer von uns; einer aus der großen Masse jener Menschen, die – genau so wie Alex Wahlke von sich gesagt hat – durchaus auch fleißig sind und die – wenn nötig – die eine oder andere Nachtschicht einlegen; Menschen aber – ebenso wie Gogo – im Normalfall nicht für einen Trainerposten bei Rapid angedacht werden.

Es gibt eine interessante Anekdote über Herbert Grönemeyer, die eine wichtige Eigenschaft des nicht planbaren Erfolgs zeigt. Es gibt für alle möglichen Gesangswettbewerbe Vorausscheidungen, in denen “Fachleute” eine Vorselektion vornehmen. Eine(r) dieser Juroren hat die Schwierigkeit solcher Hearings aufgezeigt. Er meinte, hätte Herbert Grönemeyer versucht, über eine solche Vorentscheidung in das Finale “Deutschland sucht den Superstar” zu kommen, er wäre mit großer Sicherheit nicht nominiert worden, weil er so ziemlich keines der Kriterien erfüllt, nach denen eine solche Fachjury wertet.

Auch ein Gremium wie das Präsidium eines Fußballvereins, bewertet bei der Trainerauswahl Dinge, die möglicherweise im Tagesgeschäft einer Trainers viel weniger Rolle spielen als man das überhaupt ahnt.

Hätte es damals im Mai 2016 so etwas wie eine Trainerausscheidung gegeben und hätte sich dazu auch Gogo beworben: Hätte er damals eine Chance gehabt? Sicher nicht! Und wir haben es dem außergewöhnlichen Fingerspitzengefühl unseres neuen Sportdirektors Fredy Bickel zu verdanken, dass er sich nicht dazu hat hinreißen lassen, “Geld in die Hand zu nehmen”. Man misst leider einen Sportdirektor daran, welche Geldmengen er in fußballerische Qualität verwandelt. Diesem Handlungsdruck ist seinerzeit Andy Müller unterlegen und daran ist er schließlich gescheitert. Und vielleicht haben wir es sogar einem Zustand der leeren Kassen zu verdanken, dass man nicht so wie im Vorjahr agieren kann.

Wenn Gogo in der kommenden Saison auch nur einigermaßen erfolgreich ist – was wir uns natürlich alle für ihn und für uns wünschen – und wird er einmal gefragt werden, was er zu seinem Erfolg beigetragen hat, wird er vielleicht – ähnlich wie Alex Wahlke – sagen, dass er ein gewissenhafter Arbeiter sei, dass er sich mit den Spielern gut versteht und hart arbeitet. Alles das stimmt aber das trifft wohl für die meisten guten Trainer zu. Aber dort hin zu gelangen, wo es eine gute Bezahlung gibt, Anerkennung für sein Tun und auch Erfolg fürs Ganze, das ist reiner Zufall und nicht Kalkül – wie wir aus den Ereignissen des letzten Jahres gelernt haben sollten. Und was wir allein hoffen können, dass es der Zufall ausnahmsweise gut mit uns gemeint hat und dass Gogo die berühmte Ausnahme von der folgenden Regel ist:

“In Österreich wird jeder das, was er nicht ist.” (Gustav Mahler)

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Tag des Autorenfußballs

Der 18. Mai ist der Tag des Autorenfußballs: Fußballgala und Buchpräsentation in Wien

Am 18. Mai 2006 spielte das Österreichische Autorenfußballteam sein erstes internationales Match. Zum elfjährigen Jubiläum am 18. Mai 2017 erscheint die Anthologie Gegen den Ball. Wenn Autoren kicken mit Beiträgen der österreichischen Autorenfußballer und ihrer Gegner. Und zahlreiche Autoren aus Österreich und elf weiteren Ländern kicken und lesen gemeinsam.

Internationale Fuballgala

  • 18. Mai 2017, 15 Uhr
  • Sportplatz Eibesbrunnergasse, 1100 Wien
  • Spiel 1: Wien gegen den Rest der Welt
  • Spiel 2: Vers gegen Prosa
  • Spiel 3: Jung gegen Alt

Buchpräsentation

  • 18. Mai 2017, 19 Uhr
  • Hauptbücherei am Gürtel, Urban-Loritz-Platz 2a, 1070 Wien
  • Club 2×11– die Fußballdiskussion, präsentiert von Büchereien Wien, ballesterer, fairplay Initiative und tipp3
  • Neuerscheinung: Gegen den Ball. Wenn Autoren kicken – Literarische Einblicke in den Fußball.
  • Cover
  • Es lesen: Gerhard Altmann, Clemens Berger, Georg Bydlinski, Christian Futscher, Egyd Gstättner, Wolfgang Ilkerl, Andreas Leikauf, Bernd Leutgeb, Kurt Leutgeb, Rudi Lindorfer, Benedikt Narodoslawsky, Paul Pechmann, Thomas Pöltl, Reinhard Prenn, Gerhard Ruiss, Thomas Schafferer, Ferdinand Schmatz, Stefan Soder (AUT), Daniel Tatarsky (ENG), Falko Hennig (GER), Endre Kukorelly, Péter Zilahy (HUN), Dovi Keich, Amichai Shalev (ISR), Francesco Trento (ITA), Wolfgang Bortlik (SUI), Michal Habaj (SVK), Matjaž Pikalo, Andrej Predin (SVN), Magnus Sjöholm (SWE), Doğu Yücel (TUR).
  • Einleitung: Klaus Zeyringer. Moderation: Elisabeth Auer.
  • Rückfragen, weitere Informationen: thomas.poeltl@wien.gv.at, gr@literaturhaus.at (Gerhard Ruiss), kurt.leutgeb@gmail.com

Buchhinweis

  • Kurt Leutgeb, Thomas Pöltl, Gerhard Ruiss (Hrsg.)
    Gegen den Ball
    Wenn Autoren kicken
  • Broschur, 16 x 24 cm
  • Erscheint am 18. Mai 2017
  • 29,60 €
  • 566 Seiten
  • ISBN: 978-3-903125-13-1
  • Wenn Autoren kicken 

… schreiben sie auch darüber.

„Das Zeitalter der literarischen Manifeste und Autorenkollektive ging vor einem halben Jahrhundert zu Ende. Der Schriftsteller der Gegenwart ist Individualist, Einzelkämpfer. Dennoch fand sich am 18. Mai 2006 eine Mannschaft österreichischer Literaturleute zusammen und kickte gegen ihr Pendant aus Ungarn. Das vorliegende Buch vereinigt Texte, die seither im Umfeld des Österreichischen Autorenfußballteams entstanden sind.

Hymnus, Elegie, Spruch, Gebet, Sonett, verschiedenste weitere Gedichtformen, Brief und E-Mail, Briefwechsel und E-Mailwechsel, SMS, Kurzdrama, Kurzgeschichte, Romanauszug, Reisebericht, Glosse, Kolumne, Interview, Kindergedicht und Kindergeschichte, Essay, Reportage, Rede – kaum ein Genre fehlt. Auch der Cartoon und die Aufstellung, jene archetypische fußballerische Ausprägung der ursprünglichen Literaturform des Katalogs, sind vertreten. Wir legen ein multilinguales, multiperspektivisches, polyphones und polythematisches Lesebuch vor und vielleicht sogar ein Manifest der Vielfalt.“ (Aus dem Vorwort der Herausgeber)

In der Anthologie sind österreichische Schriftsteller in doppelter Fußballmannschaftsstärke vertreten und eben so viele aus elf weiteren Ländern. Die nichtdeutschsprachigen Beiträge sind jeweils im Original und in deutscher Übersetzung abgedruckt.

Die Beiträge stammen …

  • Aus Österreich: Gerhard Altmann, Martin Amanshauser, Austrofred, Silvia Bartl, Clemens Berger, Georg Bydlinski, Helmut Emersberger, Franzobel, Christian Futscher, Egyd Gstättner, Petra Hartlieb, Wolfgang Ilkerl, Heinz Janisch, Willy Kaipel, Christian Kössler, Wolfgang Kühn, Andreas Leikauf, Kurt Leutgeb, Rudi Lindorfer, Jürgen Marschal, Christoph Mauz, Benedikt Narodoslawsky, Paul Pechmann, Thomas Pöltl, Reinhard Prenn, Gerhard Ruiss, Thomas Schafferer, Ferdinand Schmatz, Stefan Soder, Daniel Suckert, Christoph Szalay;
  • Aus Deutschland: Falko Hennig, Michael Kröchert, Eric Niemann, Moritz Rinke, Frank Willmann;
  • Aus England: Daniel Tatarsky;
  • Aus Israel: Dovi Keich, Amichai Shalev;
  • Aus Italien: Carlo D’Amicis, Carlo Grande, Giampaolo Simi, Francesco Trento;
  • Aus Schottland: Doug Johnstone, William Letford;
  • Aus Schweden: Magnus Sjöholm;
  • Aus der Schweiz: Wolfgang Bortlik, Sandra Hughes, Lorenz Langenegger, Bruno Schlatter, Patrick Tschan;
  • Aus der Slowakei: Michal Habaj;
  • Aus Slowenien: Primož Čučnik, Ana Pepelnik, Matjaž Pikalo, Andrej Predin, David Šalamun;
  • Aus der Türkei: Doğu Yücel;
  • Aus Ungarn: László Darvasi, Endre Kukorelly, Péter Zilahy.

Was, wenn alles nur ein Zufall ist?

Sieben sieglose Spiele in Serie sollen Zufall sein? Das steckt sicher mehr dahinter, vielleicht sogar eine Verschwörung, oder?

Betrachtet man das folgende Bild, vermisst man jede Regelmäßigkeit. Kritzeleien oder Brown’sche Molekularbewegung? Chaos pur! Was ist es?

Bevor wir ins Detail gehen, hier zwei sehr grundlegende Experimente aus der Psychologie:

Menschen verstehen Zufall nicht

Wenn man jemanden die Aufgabe gibt, 100 zufällige Zahlen in einem bestimmten Bereich, etwa von 1..10 oder auch nur 100 Ergebnisse eines Münzwurfs 0..1 zu notieren, dann ist das vordergründig eine einfache Sache und das Problem scheinbar in wenigen Minuten gelöst.

Lässt man aber dasselbe durch einen wirklichen Zufallsprozess erledigen, ist man verblüfft, dass dessen Zahlen ganz anders ausschauen als die von der menschlichen Versuchsperson.

Zum Beispiel scheut sich der Mensch anzunehmen, dass es zufällig wäre, wenn mehrmals hintereinander derselbe Zahlenwert oder beim Münzwurf mehrfach hintereinander “Kopf” kommt. Der Mensch vermutet hinter Zufall immer etwas wie Abwechslung. Des Menschen Problem ist sein Gedächtnis. Mensch meint, dass die zufällige Wahl der Zahl sechs zur Folge hat, dass diese Zahl beim nächsten Versuch nicht mehr infrage kommt und er nennt danach (zum Beispiel) 9, aber nicht 7 (weil es zu nah an 6 ist) oder 3 (weil 3 die Hälfte von 6 ist und daher zu “verwandt”).

Zufall kennt solche Vorurteile nicht. Ein (echter) Zufallsprozess kennt keinen Zusammenhang zwischen aufeinanderfolgenden Münzwürfen oder zwei aufeinanderfolgenden Ziehungen im Lotto.

Kurz: Mensch weiß nicht intuitiv, was Zufall ist.

Das hat übrigens auch Konsequenzen bei der Auswahl der Pin-Nummer beim Bankomaten. Erinnere Dich an Deine Nummer und eventuell auch an Deine früheren Nummern. Es war sicher keine 3333 oder etwa ähnlich Regelmäßiges dabei. Für einen Zufallsprozess ist aber die Zahl 3333 genau so “schön” wie 1438. Banken vermeiden Pin-Nummer mit sich wiederholenden Zahlen und bieten sie uns gleich gar nicht an.

Für die Zahl ist das ziemlich ungerecht.

Aber beim Ausprobieren von Pinnummer beginnt ein Angreifer mit der Vermutung, dass man ein dieser “schönen” Kombinationen gewählt hätte, die man sich einfach merken kann. Der Angreifer nimmt also intuitiv an, dass Menschen dazu neigen, regelmäßige Pinnummern oder Passwörter zu verwenden.

Mensch vermutet immer Zusammenhänge

…auch wo keine sind.

Das zugehörige Experiment könnte man an jedem einarmigen Banditen nachstellen. Auf einem Bildschirm erscheinen Zahlen. Der Proband bekommt zwei Taster und er soll durch Betätigung der Taster herausfinden, was er machen muss, dass die Zahlen am Bildschirm einen möglichst hohen Wert haben. Das Ergebnis: alle Testpersonen ermitteln einen Algorithmus, also etwa zwei Mal links und ein Mal rechts klicken; oder linke Taste gedrückt halten und dazu zwei Mal rechts klicken usw.

Das Verblüffende: Es gibt keinerlei Verbindung zwischen den Tastern und dem Bildschirm. Aber dennoch meinen die Testpersonen, einen Zusammenhang gefunden zu haben.

Nun, man hat die Testpersonen mit dem klaren Auftrag in die Irre geleitet aber ist es dennoch nicht sonderbar? Man könnte einwenden, dass es eben an diesem kleinen Schwindel gelegen habe, dass es dazu kommt.

Das ist aber nicht so, denn das Experiment funktioniert auch mit Tauben und zwar ganz ohne besondere Anweisung. Es gibt eine Futteranordnung bestehend aus einem zufällig Futter ausstreuendem Automaten und einigen belanglosen Utensilien, sagen wir ein Glöckchen oder einen Spiegel. Vor dieses Szenario setzt man die Taube und deckt die Versuchsanordnung ab, damit man nicht auf die Idee kommt, der Mensch mische sich ein.

Wenn man nach einiger Zeit das Tuch wegnimmt, sieht man eine Taube, die ganz regelmäßig irgendwelche Handlungen immer und immer wieder ausführt. Jede Taube vollführt andere Kunststücke und meint damit herausgefunden zu haben, wann der Automat Futter ausspuckt.

Aber wie schon vorher beim Menschen, gibt es keinen Zusammenhang. Die Taube hat ein Ritual “erfunden” mit dem sie meint, den Automaten zur Herausgabe von Futter zu bewegen.

Was bedeutet das für den Fußball?

Denken wir uns einmal weg, dass wir alle diese letzten sieben Spiele mit eigenen Augen gesehen haben und schauen wir nur auf das Ergebnis. Es ist kein Sieg dabei aber vier Niederlagen und drei Unentschieden. Aus der Sicht eines zufälligen Münzwurfs mit einer dreiseitigen Münze ist das überhaupt keine Besonderheit. Das kann schon einmal passieren.

Aber Rapid ist doch eine so tolle Mannschaft und investiert so viel!

Ja, aber mit all diesen Dingen erhöhen wir nur Wahrscheinlichkeiten, bekommen aber keine Sicherheit.

Fragt einmal die immer schon viel besser gewesenen Legenden, wie das damals war, damals vor 60 Jahren. Sie erzählten übereinstimmend, dass man damals alles gewonnen hätte, dann ergänzen sie “fast”. Es ist so, als würden die Großeltern “von der guten alten Zeit” erzählen. Auf die naive Frage, warum man denn dann nicht jedes Jahr Meister geworden ist, wissen sie dann auch keine Antwort. Der Grund sind eben diese verdammten Wahrscheinlichkeiten, die Gegner und der Umstand, dass es eben doch menschlich ist, dass es nicht jahrein jahraus immer gleich gut läuft, auch in der guten alten Zeit nicht. Aber der verklärte Blick zurück und die Erwartungshaltung der Zuschauer erheben die Vergangenheit auf ein nie dagewesenes Podest.

Dass also Rapid sieben Mal hintereinander nicht gewonnen hat (und es kann durchaus noch mehr werden, der Zufall hätte nichts dagegen), das gab’s schon einmal in den 1970er Jahren und danach gab’s sieben Siege in Folge. Wahrscheinlich hat man sich damals dieselben Fragen gestellt aber gekündigt hat man den Trainer damals nicht. Gekündigt hat man Peter Schöttel, ob es richtig war, weiß niemand.

Der Mensch weigert sich, den Zufall anzuerkennen

Wenn wir ein Fußballspiel verfolgen, können wir jede Szene ganz genau beschreiben und wissen ganz genau, warum etwas passiert ist oder nicht passiert ist. Wir weisen Spielern Schuld zu, dass sie diesen oder jenen Fehlpass gegeben hätte, dem Trainer, warum er diesen oder jenen Spieler nicht getauscht hätte.

Trainer und Spieler arbeiten zwischen den Spielen hart und daher ist es wenig verwunderlich, wenn sowohl Damir Canadi als auch Fredy Bickel bei verschiedenen Interviews geneigt sind, Zufälligkeiten nicht gelten zu lassen. Zu sehr sind sie mit ihrem Handwerk verwachsen, als dass sie akzeptieren könnten, dass es nicht sie sind, die über Sieg und Niederlage entscheiden. Sie können immer nur Wahrscheinlichkeiten erhöhen aber niemand kann verhindern, dass das Tor manchmal doch zu wenig breit und zu wenig hoch ist.

Kleine Ursachen, große Wirkungen

Doch, bei einem – sehr weisen – Interview bat Fredy Bickel die Zuhörer doch nur theoretisch anzunehmen, was passiert wäre, wenn die Nachspielzeit beim ersten Spiel im heutigen Jahr, dem Derby, nur vier statt fünf Minuten gewesen wäre. Nicht, dass jemand von uns weiß, wie sich die Saison danach im Einzelfall entwickelt hätte, aber die Anwesenden beim Stammtisch waren sich ziemlich einig, dass alles ganz anders gelaufen wäre und wir heute mit ganz anderem Selbstvertrauen in die Spiele gegen St.Pölten gehen könnten.

Wir sind damit schon wieder einmal bei der Chaostheorie angelangt. “Kleine Ursachen, große Wirkungen”.

Fußball ist nicht ergodisch

Ergodizität bedeutet die Gleichheit von Zeit- und Scharmittelwert.

Jede Fußball-Saison wird in einer zeitlichen Folge gespielt. Es liegt in der Natur der Sache, dass wir die 36 Spiele einer Saison nicht gleichzeitig spielen können. Das hat wieder zu Folge, dass alle Randbedingungen jedes Spiels andere sind und es ist nicht immer Rapid, wenn auch “Rapid” draufsteht. Dazu kommt, dass aufeinanderfolgende Spiele nie ganz unabhängig sind, was aber beim realen Zufall nicht so ist. Für den reinen Zufall gibt es das vorige Spiel nicht und jedes Spiel wäre von allen anderen unabhängig.

Nehmen wir an,…

…wir könnten eine Mannschaft klonen und hätten dann zwei völlig identische Teams. Jetzt ließen wir diese gleich starken Teams gegeneinander spielen. Was meint ihr, was das Ergebnis sein wird? Ein Unentschieden? Vielleicht zufällig, ja aber es wird sich von den sonstigen Spielergebnissen praktisch gar nicht unterscheiden lassen. Einer gewinnt, der andere verliert; manchmal gibts es ein Unentschieden.

Könnten wir eine Mannschaft neun Mal klonen und würden wir mit diesen identischen Mannschaften eine Meisterschaft spielen, dann hätten wir am Saisonende einen Meister und einen Absteiger und das, obwohl wir die Spieler geklont haben.

Mehr noch. Wenn wir zehn (nicht geklonte) Mannschaften nach ihrer Stärke reihen und dann eine Meisterschaft spielen lassen. Glaubt nicht, dass die stärkste Mannschaft in jeder Saison Meister wird. Das liegt am Zufall und der gleichzeitig geringen Anzahl von 36 Spielen, die jede Mannschaft absolviert, die natürlich nicht – wie wir schmerzhaft in den letzten Wochen erfahren mussten – immer so ausgehen, dass der Stärkere gewinnt.

Dass sich unser Trainer so gegen de Zufall stellt, ehrt ihn. Denn er sagt, dass es nur an seiner Arbeit läge, ob das Team gewinnt. Er kommt damit aber allmählich in einen Erklärungsnotstand und diese Zeilen sollen ihn unterstützen – ein bisschen wenigstens.

Ein Spiel dauert 90 Minuten, eine Saison 36 Runden.

Das genau sind die Gründe, warum wir es nicht zulassen können, dass sich der Zufall so richtig entfalten kann.

Hätten wir beliebig lange Zeit für ein Spiel oder für eine Saison, könnte uns eine zufällige Krise ganz egal sein, so, wie uns egal sein könnte, dass wir nach 90 Minuten hinten liegen oder dass Schiedsrichterentscheidungen zu unseren Ungunsten gefallen sind. Hätten wir länger Zeit, wir müssten uns keine Sorgen darüber machen, wer schließlich gewinnt. Rapid natürlich!

Die zeitlichen Beschränkungen des Spiels und der Saison bedeutet, dass wir nicht genug Zeit haben, um die Wirkung ambitionierter Konzepte abwarten zu können. Die Leistungskurve zeigt dramatisch nach unten und nur der Zufall kann Damir retten, so wie er ihn und uns da hineinmanövriert hat. Denn es kann durchaus sein, dass im Prinzip alles richtig gemacht wurde, es aber dennoch nicht zum unmittelbaren Erfolg kommt. Zufall kennt keine Gründe, denn sonst wäre es keiner.

Der Zufall im Detail

Beobachtet einmal, Mikroszenen in einem Fußballspiel. Wie es da oft durch Unvorhersagbares dazu kommt, dass sich eine Situation zum Vorteil des gegnerischen Teams entwickelt, obwohl die eigene Absicht eine ganz andere war. Niemand kann diese Dinge in einem Training vorwegnehmen, sie passieren einfach. Auch Berisha kann seinen Freistoß nur in einem kleinen Teil von Schussversuchen in dieser Präzision wiederholen.

Wir zufällig ist das Ergebnis eines Fußballspiels?

Sehr! Und das kommt daher, dass nur wenige Tore fallen. Gerade dieser Umstand stärkt die Möglichkeit, dass auch einmal das offensichtlich schwächere Team siegen kann. Würde man die Torquote (etwa durch eine Regeländerung) erhöhen, dann würden Fußballspiele weniger attraktiv werden. Zwar würden wir uns zunächst über mehr Tore freuen aber das erkaufen wir durch die höhere Vorhersagbarkeit und dadurch sinkt das Interesse am Spiel.

Wie kann das Ergebnis zufällig sein, wo doch so viel trainiert wird?

Man kann viele Manöver absolvieren und auch bei den Manövern gibt es “Tote”. Aber wir alle wissen, dass ein Manöver kein Krieg ist. So ist das auch beim Fußball. Man kann alles üben aber das tut der Gegner auch. Wie sich dann die Dinge im “Krieg des Fußballspiels” entwickeln, kann nicht trainiert werden. Es kommt zu einem unglücklichen Elfer – wie in Graz – und wegen der geringen Torquote kann eine Mannschaft das nicht so ohne Weiteres wegstecken. Und schon siegt – wieder einmal – das eigentlich schwächere Team.

Wann fallen Tore?

Tore fallen zwischen dem Anpfiff und dem Schlusspfiff des Schiedsrichters. All zu viel mehr kann man dazu nicht sagen. Eine Kleinigkeit vielleicht doch: die Torhäufigkeit nimmt mit zunehmender Spielzeit stetig zu und ist tatsächlich am Ende des Spiel, also in der Rapid-Viertelstunde, am größten. Das haben die Zuschauer schon sehr früh instinktiv erkannt. Zum Leidwesen der treuen Rapidler muss man aber ergänzen, dass das natürlich nicht nur für Rapid gilt sondern für alle Fußballmannschaften. Nur hat Rapid in der Frühzeit der Fußballs einige Male in den Schlussminuten spektakulär gewonnen, dass man diese Eigenschaft von Fußballspielen mit Rapid in Verbindung gebracht hat.

Aus statistischer Sicht verhalten sich die Torzeitpunkte wie radioaktiver Zerfall; sie folgen einer Poisson-Verteilung. Das sagt uns überhaupt nichts über ein einzelnes Tor. Niemand kann das voraussagen, Und weil man es eben nicht kann – schließlich muss es ja gar nicht fallen – fällt man sich nach einem solchen fußballerischen Elementarereignis um den Hals, weil man instinktiv das Glück spürt, das uns allen in diesem Moment widerfahren ist. Und Spieler, die sich für dieses Ziel körperlich extrem einsetzen, zeigen uns das in den Freudenknäuel am Spielfeldrand, dass es genau so ist: es ist ein Glück.

Glück auf hohem Niveau

Wenn es also nur Glück ist, warum trainieren die Spieler?

Es ist nicht Glück im Sinne eines Münzwurfs für dessen Ausführung man keinerlei Qualifikation braucht. Um in einer Mannschaft stehen zu dürfen, bedarf es der Anstrengung ganzer Familien, einem Kind eine Fußballerausbildung zu ermöglichen, den bedingungslosen Einsatz, die Fitness und Cleverness und natürlich den sehr bedeutenden Umstand, vom Trainer aufgestellt zu werden. Erst dann darf man am Roulette-Tisch des Fußballs Platz nehmen und sein Glück in einem Torschuss versuchen. Und wie wir alle wissen, besteht ein Spiel in erster Linie aus Fehlern; aus zahllosen Versuchen, einen solchen Torschuss abzugeben. Und alle diese Versuche scheitern am Gegner, der man manchmal auch selbst ist. Und die Seltenheit, das Glück dieses fußballerischen Elementarereignisses ist das Wesen des Fußballs.

Tore, die man nicht schießt, kriegt man!

Wie wahr! Und warum ist das so? Das liegt an den Parametern der Poissonverteilung. Der Unterschied zweier Mannschaften liegt in ihrer Fähigkeit Tore zu schießen und anderseits Gegentore zu verhindern. Diese beiden Eigenschaften kann man als Wahrscheinlichkeiten aus dem Verlauf einer Saison ableiten. Nehmen wir an, dass eine Mannschaft eine Torquote von 2.0 hat und der Gegner nur die Hälfte, also 1.0. Das aufgrund dieser Zahlen erwartbare Ergebnis wäre ein 2:1 für das stärkere Team. Leider bedeuten diese Zahlen aber keine Sicherheiten sondern nur Wahrscheinlichkeiten und es heißt nicht, dass man in jedem Spiel zwei Tore schießt. Diese Zahl 2.0 ergibt sich nur aus der Beobachtung eines langen Zeitraums. Wenn eine durchaus starke Mannschaft mit der Torquote 2.0 eine Torflaute hat und eben während der aktuellen Spielzeit zufällig kein Tor erzielt, muss das ja für die andere Mannschaft nicht zutreffen und sie geht mit einem Sieg nach Hause.

Schießt man also selbst kein Tor, ändert das nichts daran, dass auch ein schwächerer Gegner seine Chancen vorfindet. Richtigerweise müsste der Spruch lauten: Jede Mannschaft hat Chancen, ein Tor zu erzielen; aber nur Chancen.

Warum sind Tore, Siege und Titel zufällig?

Die allereinfachste Antwort darauf ist: “weil man darauf wetten kann!”. Und wetten kann man nur auf Ereignisse, deren Ausgang unbekannt ist und Zufälligkeiten unterliegt, die nicht vorhersagbar sind.

Tore, Siege und Titel  sind nicht zufällig wie Spiele am Roulette, weil man einen enormen Aufwand betreiben muss, um überhaupt ein solches Spiel betreiben zu können. Das Niveau ist also hoch; extrem hoch sogar. Aber dort, auf diesem Nievau ist die Entscheidung zwischen Sieg und Niederlage extrem zufallsgesteuert.

Starke Mannschaften haben eine hohe Torquote als schwächere. Aber das gibt keine Gewissheit für den Sieger aus einer solchen Begegnung.

Verdientes Tor? Verdienter Sieg? Verdienter Titel?

Beobachten wir uns doch einmal selbst. Ist es nicht sonderbar, dass sich die ganze Welt gegen uns verschworen haben sollte und alle anderen davon profitieren? Ich will nicht bestreiten, dass es solche Effekte gibt, dass zum Beispiel Schiedsrichter aus vielleicht sogar unbewussten Gründen den jeweiligen Platzhirsch bevorzugen (Bayern Dusel). Aber als Sieger muss man auch das verkraftet haben. Und dass eine Mannschaft trotz dieser (vielleicht vermeintlichen) Benachteiligungen Meister wird, schließt nicht aus, dass der Zufall kräftig mitgemischt hat und man ein durchaus “unverdienter” Meister ist. Aber wie uns das egal wäre, oder nicht?

An diesem Umstand bemerkt man sehr schön, dass man kein Problem damit hat, eine Benachteiligung anderer zu akzeptieren, die man selbst vorher für sich noch vehement abgelehnt hat.

Fußball, nichts als Zufall?

Natürlich gibt es beim Fußball zahllose trainierte, reproduzierbare Elemente, vom Doppelpass bis zu Standardsituationen. Und solange eine Mannschaft wenig Eigenfehler macht (Beispiel Bayern München), schaut das Spiel reproduzierbar aus, weil sich die ballsichere Mannschaft spielerisch vom Gegner fern halten kann.

Aber diese Ballsicherheit hat in der Nähe des gegnerischen Strafraums ihre Grenzen, weil sich dort die Räume verengen. Dann beginnt das Unvorhersagbare sein Werk.

Spielt nun Rapid gegen Untersiebenbrunn, dann ist der Leistungsunterschied so groß, dass es eine einseitige Angelegenheit sein wird. Wenig Zufall im Spiel, das Ergebnis ist in höchstem Maß voraussagbar. Das ist auch der Grund, warum zu einem Spiel Rapid-Untersiebenbrunn nicht viele Zuschauer kommen, denn man weiß, wie das Spiel endet; mit einem Sieg von Rapid. Nur die Anzahl der Tore ist eine kleine Unbekannte.

Bei etwa gleich starken Gegnern schaut die Sacher aber ganz anders aus. Beide sind bestens trainiert, haben einen Kader aus talentierten Spielern, wurden vom Trainerteam gut vorbereitet, das Stadion ist daher voll. Hier entfaltet der Zufall all seine Pracht. Hier spielt es eine wesentliche Rolle, wie der Schiedsrichter pfeift, jeder kleine Fehler kann zur Katastrophe führen, weil wir wissen, dass nur wenig Tore fallen.

Auf dem Niveau ähnlich starker Mannschaften herrscht also Zufall pur. Wenn wir die Austria als einen gleichrangigen Gegner akzeptieren, dann müssen wir nur mehrere Spiele aufeinander folgen lassen (das geht zwar real nicht, aber stellen wir uns das vor). Nur ganz selten wird sich ein Spiel im Ergebnis wiederholen. Jedes dieser aufeinanderfolgenden Spiele wird einen anderen Charakter haben und eine andere ganz eigene Dramatik. Und weil das eben so ist, herrscht hier der Zufall in allerhöchstem Maß, trotz allergrößter Professionalität.

Schuld im Fußball

Beobachtet die Bewertung von Spielern in den Zeitungen. Spitzenspiele enden oft nicht 4:0. Meist hat der Sieger mit nur einem Tor Vorsprung die Nase vorn. Aber er ist der Sieger. Das bewirkt in den Köpfen der Redakteure, das man diesen Sieg in ihrer Bewertung sehen muss und gleich haben alle Spieler bessere Noten. Wäre dieses eine Tor nicht gefallen aber das Spiel ansonsten völlig gleich, ergibt sich ein anderswie subjektives Bild; jedenfalls sind die Bewertungen gleich um einen Grad schlechter.

Dasselbe gilt für Meistermannschaften oder gar Weltmeister. Diese kollektive Leistung wird auf jeden einzelnen Spieler übertragen. “In dieser Mannschaft spielen vier Weltmeister!”, hörte man Kommentatoren sagen, als ob der Titel hier, in diesem konkreten Spiel irgendeine Auswirkung haben würde. Aber er färbt ab und er steigert des Wert der Spieler.

Fußball ist ein Fehlerspiel

In einem konkreten Spiel passieren eigentlich laufend Fehler. Fußball ist ein Fehlerspiel. Die unangenehmsten Fehler führen zu einem Gegentor, alle anderen dazu, dass das Publikum je nach Vorliebe für den einen oder anderen Spieler Schuldzuweisungen ausspricht.

Wird verloren, dann beginnt die Selbstzerfleischung, die alsbald vom Spieler auf den Trainer überspringt und danach nicht selten in der Führungsetage endet.

Wird gewonnen, wird jede Schuld vergessen und die Helden werden gefeiert. Aber die Fehler sind dieselben, sie habe nur nicht zu einer Niederlage geführt.

Fazit

Ja, es kann sein, dass alles, was wir erleben (besser erleiden) nichts als Zufall ist. Und es gilt dieses Fußballbonmot, das Sepp Herberger zugeschrieben wird:

“Warum geht man auf den Fußballplatz?”, “Weil man nicht weiß, wie es ausgeht!”

Die Teilnahme am fußballerischen Alltag lässt uns in die Zufallsfalle tappen.

  • dass wir Zufall einerseits als Grund nicht zulassen wollen, weil eine Serie eben einen Grund haben muss – meinen wir;
  • daraus ergibt sich die Diskussion über mögliche Ursachen und Maßnahmen, wo gar keine solchen vorhanden sind und nur der Zufall regiert.

Wir neigen zum Überinterpretieren von Beobachtungen. Wir vermuten, dass diese oder jene Handlung (der Spieler des Trainers) für eine Niederlage verantwortlich war und dass man das hätte mit besserem “Material” abwenden können. Menschen können nicht akzeptieren, dass auch eine Negativserie zufällig sein kann.

Den Trainer-Effekt kann es geben. Wenn aber von vielen beobachteten Trainerwechseln einige diesen Effekt zeigen und einige nicht, dann bedeutet das noch lange nicht, dass man im Negativ-Fall den falschen Trainer geholt hat. Trainer sind auch nur Nutznießer eines zufälligen Siegs, so wie sie oft zu unrecht in einer Krise gekündigt werden.

Dass heißt nun nicht, dass man nichts tun muss, wenn eine fußballerische Krise am Nervenkostüm rüttelt, denn im Gegensatz zum Zufall haben wir nicht unendlich lang Zeit um auf die langfristige Gerechtigkeit zufälliger Erfolge zu warten.

Fußball ist wie das Leben; die Zeit zum Experimentieren ist endlich.

Schließlich sollten wir den Titel etwas ändern und sagen: “Tore, Siege und Titel sind Zufallsprozesse; aber auch hohem Niveau”,

Das Bild

Das Bild am Anfang stellt die Ballbewegung innerhalb von sechs Minuten nach dem Anstoß nach einem Tor und dem nächsten erfolgreichen Torschuss dar.Europameisterschaft 1996, England-Niederlande, entnommen aus dem Buch von John Wesson.

Die Feldherrn am Trainerhügel wollen System und Reproduzierbarkeit. Durch die Anwesenheit des Gegners regiert aber das Chaos.

Lektüre

  • Florian Aigner; Der Zufall, das Universum und Du; Brandstätter; 2016
  • Metin Tolan; Manchmal gewinnt der Bessere; Piper; 2011
  • John Wesson; Fußball, Wissenschaft mit Kick; Elsevier; 2006

 

Fußball im Nationalsozialismus

Unter der Patronanz von

  • buechereien wien
  • tipp 3
  • fairplay
  • ballesterer

diskutierten (vlnr)

  • Walter Iber (Steiermark)
  • Johann Skocek (DerStandard)
  • Georg Spitaler (ballesterer, Moderator)
  • Berhard Hachleitner (Sportklub)
  • Dietrich Schulze-Marmeling (Deutschland)
  • Laurin Rosenberg (Rapid, Kurator Rapideum)
  • d15a3097

zuerst am Podium und dann mit den mehr als 60 Gästen in der Hauptbibliothek über Fußball im Nationalsozialismus.

Es ging um die Haltung der Vereinsführungen in den 1920er Jahren, wo von Vereinen berichtet wurde, die einen expliziten Arierparagrafen in ihren Statuten aufgenommen hatten und auch von solchen, die das zwar nicht hatten aber dennoch keine Juden in ihren Reihen duldeten (Beispiel Sportklub).

Berichtet wurde über eine Austria, deren Vorstand sich überwiegend aus Juden zusammengesetzt hat und die allesamt entweder geflohen sind oder vernichtet wurde. Über die kurzfristige Umbenennung der Austria in “Ostmark” und über die Verklärung von Matthias Sindelar durch Friedrich Torberg in dessen Gedicht.

Es wurde beschrieben, dass Hakenkreuzfahnen und Hitlergruß zum festen Ritual von Sportveranstaltungen gehört haben und dass man sich – berufend auf die Doktrin der Opferrolle – von dieser Symbolik nach dem Krieg distanziert hat. Erst die Aufarbeitung durch eine Historikerkommission hat es ermöglicht, dass heutzutage auch das Foto mit Hitlergruß der Rapid-Meistermannschaft 1941 neben dem neutralen Foto gezeigt wird.

Man hat beschrieben, dass in den Vereinen des Nachkriegsösterreich sich auch die als Nazis bekannten Sportfunktionäre wieder an der Sportorganisation beteiligt wurden.

Und selbstverständlich wurde auch über Erfahrungen über die aktuelle Lage in den Stadien berichtet. Darüber dass die Austria mit den extremistischen Randgruppen trotz ausgesprochener Stadionverbote nicht zurecht kommt und auch, dass bei Rapid durch die stillschweigende Übereinkunft, dass Politik nichts im Stadion zu suchen hätte, die extremen Gruppen nicht denselben Einfluss haben.

Meine Interpretation ist, dass die Capos von Rapid als Ziel immer einen großen, mächtigen Block vor Augen hatten, was sich aber mit extremen Kerngruppen nicht bewerkstelligen lässt, weil deren Ideologie neue Gruppen eher abschreckt.

Schon die Vereinigung der Gruppen in der der Bezeichnung “Block-West” ist ein integrativer Schritt, der überhaupt erst durch die bewusste Ausblendung der Politik möglich war und der Block auch für die restlichen Stadiongäste mehr Magnet wurde denn Gegner.

Auch die aufopfernde Tätigkeit des Fanbetreuers Andy Marek, der stets die Integration wessen auch immer vor eine Trennung gestellt hat, erzeugte eine sehr hohes Zusammengehörigkeitsgefühl bei Rapid.

Diese Situation bei Rapid ist aber das Ergebnis intensiver Fanarbeit seiten des Vereins und seitens der Fans selbst. 2005 wäre zum Beispiel die Choreografie “Deutscher Meister 1941” mit der klaren Distanzierung vom Naziterror nicht möglich gewesen, wie Laurin Rosenberg erklärt hat.

Dass sich die Blöcke der Austria und von Rapid mit “Rapid Verrecke” und “Schwuler FAK” begrüßen, zeigt – was die Rapid-Seite betrifft, dass sich das Leitbild noch nicht bis zu den Fußballliteraten durchgesprochen hat. Beide Sprüche zeigen, dass weder die Vergangenheit aufgearbeitet wurde, noch die Errungenschaften der Toleranz, die ja im Leitbild von Rapid so klar erfasst ist, bei den Fans angekommen ist. Möglicherweise ist es aber so, dass die Fans während eines solchen Derbys auf ihre Kinderstube vergessen, um in einen längst vergessenen Modus umzuschalten, den sie nach dem Spiel – hoffentlich –  wieder vergessen.

Eine tolle Veranstaltung des ballesterer! Diese Veranstaltungen sind kostenlos. Man bekommt ein Freigetränk, gespendet vom Hausherrn.

Links

 

 

 

 

 

Der Höhenflug von CR7

Kaum jemand polarisiert so stark wie unsere Fußballstars es tun, allen voran Cristiano, Lionel oder – für uns Österreicher – Marco. Mansche mögen sie, andere hassen sie. Wie sie wirklich sind, wissen wir eigentlich nicht, wir kennen nur das Bild, das die Medien von ihnen zeichnen.

Stell Dir vor, Dein Name stünde auf einmal in allen Zeitungen und alle rund um Dich bewundern etwas an Dir und Du kannst Dich praktisch nicht mehr frei bewegen, ohne dass jemand um ein Foto oder Autogramm fragt. Dein Konto ist chronisch im Plus und Du brauchst professionelle Hilfe, um die Geldflüsse zu regeln – vor allem die Einnahmen. Wie kann man in einem solchen Szenario derselbe bleiben?

Jeder verarbeitet das anders. Lionel kapselt sich ab, wirkt bescheiden – und hinterzieht gleichzeitig mit Hilfe seiner Familie Millionen. Ronaldo verwandelt sich in die Kunstfigur CR7 und richtet alle seine Handlungen danach aus, der Öffentlichkeit diese Figur vorzuspielen und deren Wert zu steigern. Mich erinnert CR7 an Falco, den jeder kennt, aber nur Wenige kennen den Hans Hölzl dahinter. Aber es geht auch anders, oder, wie Marco es auszudrücken pflegt: “i kaun Dei Lebn kaufn”. Da hat es doch jemanden ganz nach oben in den Geldadel katapultiert ohne dass auch gleichzeitig seine Sozialisierung diesem atemberaubenden Aufstieg hätte folgen können.

Ronaldos Ruhm und Reichtum sollen Anlass sein, zu überlegen, woher das alles kommt.

2007

Florian und ich verfolgen den Werdegang dieses CR7 seit seinen Anfängen bei Manchester. Wir unternahmen 2007 eine Osterreise in die Midlands und buchten bereits im Jänner ein Ligaspiel in Old Trafford am Osterdienstag (probier’ das einmal in Österreich). Wie es dem Zufall gefällt, wurde dieses Ligaspiel auf später verschoben und stattdessen musste Manu an diesem Dienstag im Viertelfinale der Champions-League gegen AS Roma antreten. Wir konnten die Karten vom Ligaspiel auf diesen Kracher mit einer Aufzahlung umbuchen und erlebten eine durchschnittliche Hospitality-Bewirtung (wer mehr will, muss mehr zahlen) in der RedBar, gemeinsam mit vielen Roma-Fans, die keine anderen Karten mehr bekommen haben. Die Ausgangslage war, dass AS Roma das Spiel in Rom mit 3:1 gewonnen hatte und sich berechtigte Hoffnungen auf einen Aufstieg gemacht hat. Aber es kam anders. Manu gewann 7:1 mit zwei Ronaldo-Toren. Dieses Schlüsselspiel wird auch in der Ronaldo-Biografie in der Wikipedia erwähnt. Ronaldo wurde danach als erster Portugiese zum Fußballer des Jahres in England gewählt und sein Aufstieg zum Weltstar begann. Und wir waren dabei. Kein Wunder, dass wir diesen Fußballer mehr als andere medial verfolgen.

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Bild vom 10.4.2007 CR7 beim Aufwärmen vor dem Spiel Manchester United-AS Roma CL-Viertelfinale. 7:1 für Manu, 2 Ronaldo-Tore. Aufnahmeabstand ca. 80 Meter.

2016

Heuer wollte es das Los, dass Österreich mit Portugal in eine Gruppe gelost wurde. Ein weiterer Zufall war, dass das Spiel Österreich-Portugal gerade auf Florians Geburtstag fiel und wir eine gemeinsame Fußballfahrt zu diesem Spiel unternommen haben und Florian die Gelegenheit hatte, sein Idol wieder einmal live zu sehen.

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Bild vom 18.6.2016. CR7 beim Aufwärmen vor dem Spiel Portugal-Österreich 0:0. (X = Ronaldo)

Die Achtung vor unseren österreichischen Kickern ist in diesem Spiel gestiegen, weil es dem späteren Europameister Portugal inklusive Ronaldo nicht gelungen ist, Österreich zu besiegen. Sogar einen Elfer hat der Meister verschossen.

So müssen sich Altacher fühlen, wenn sie Rapid ohne Sieg nach Hause schicken.

Von Cristiano zu CR7

In diesen Jahren ist unsere Beziehung zum Superstar etwas abgekühlt. Wegen seiner theatralischen Auftritte ist unsere frühere Verehrung einer eher nüchternen und fast schon distanzierten Betrachtung gewichen. Als Fußballer ist er top, aber die Vermarktung der Marke CR7 gefällt uns weniger.

Der öffentliche Ronaldo ist dieser CR7, das Bild, das er von sich zeichnet, der private ist weitgehend unbekannt, auch wenn er sich hin und wieder mit seiner “ganz normalen” Familie darstellt. Nichts in diesen Dimensionen ist “normal”.

Spendenfreudig

Viele werden einwenden, dass ja dieser CR7 viele Sozialprojekte fördert, wie zum Beispiel im folgenden Facebook-Eintrag (unmittelbar nach der EURO) gezeigt wird:

cr7spendet

Ja, ist schön von ihm! Aber nicht schöner als eine 200-Euro-Spende von einem von uns.
 
Bitte mitrechnen und vergleichen.
Was braucht der Mensch zum Leben? Das Minimum in Österreich liegt irgendwo bei 15.000,- Euro pro Jahr, gegeben durch die Mindestsicherung. Ich selbst verfüge über etwa 30.000,- Euro und davon bleibt nichts übrig. Ein Urlaub ist da nicht dabei aber einige Auswärtsfahrten mit Rapid als Urlaubsersatz.
CR7 hat einen geschätzten Jahresverdienst von 42 Millionen Euro (->Links). Ronaldo bleibt nach Abzug durchschnittlicher Lebenshaltungskosten praktisch genau so viel am Konto, nämlich 42 Millionen. (Seine 21 Automobile zähle ich nicht zu Lebenshaltungskosten.)
Wenn Ronaldo 275.000 Euro spendet, dann sind das etwa 0,6 Prozent seines Jahresverdiensts. 
 
0,6 Prozent meines Jahreseinkommens wären 180 Euro. Viele von uns spenden daher durchschnittlich eben so viel wie Ronaldo, viele auch mehrin Relation natürlich. Ich spende 120,- Euro an die Caritas und ebenso viel an die Wikipedia und natürlich an Ján unseren grün-weißen Augustin-Verkäufer.
Wo liegt der Unterschied? 
Der Unterschied ist, dass 180 Euro für jeden von uns ein nicht zu vernachlässigender Betrag sind. Es ist etwa so viel wie ein Abo für Mitglieder auf der Südtribüne im neuen Stadion. Es ist ein wesentlicher Faktor in unserer Beziehung zu Rapid. Weil unsere Spende das Einkommen schmälert, das wir zum Leben brauchen und wir es anderswo einsparen müssen, aber reiche Menschen wie Ronaldo nicht.
Daher leistet jeder von uns, der 0,6 Prozent seines Jahreseinkommens spendet viel mehr als Ronaldo.

Ronaldo wird durch die Spende sogar reicher!

Wie das? Das funktioniert so: der “Gehalt” von Ronaldo als Fußballspieler ist etwa 12 Millionen Euro pro Jahr. Der Rest sind Einnahmen aus Werbeverträgen. Die Höhe eines Werbevertrags hängt aber von der Popularität des Protagonisten Ronaldo ab. Mit jeder Pose am Fußballfeld, mit jedem Tor, mit jedem Titel und mit jedem (inszenierten) Auftritt steigt der Wert der Marke CR7. Wenn nun Ronaldo 0,6 Prozent seines Jahreseinkommens spendet, dann tut er das nicht so wie Du und ich anonym, per Zahlschein; nein, er macht das mit großem Bahnhof in Form eines Auftritts an einem publikumswirksamen Augenblick, zum Beispiel am Ende der EURO. Das bringt ihm Hunderttausende “Gefällt mir” in Facebook ein und die Bezeichnung “Ehrenmann”. Und ganz nebenbei steigt der Werbewert der Marke CR7. Beim nächsten Werbevertrag kann er die durch diese Spende gestiegene Popularität so viel mehr verlangen, dass diese Spende eine gewinnbringende Investition ist.
Die eigentliche Bedeutung dieser publikumswirksamen Spendenaktionen liegt also in der Stärkung der Marke “Ronaldo”. Daher wird die Spende auch medial kommuniziert.
Wenn Ronaldo 0,6 Prozent seines Jahreseinkommens spendet, applaudiert der Fan; wenn das einer von uns tut, dann ist das zwar eine vergleichbare Leistung aber es ist egal. Übrigens erbringen 1.400 Personen, die ebenso 0,6 Prozent ihres Jahreseinkommens spenden, dieselbe Spendenleistung wie Ronaldo.
Ronaldo kann für all das nichts. Es ist eine Eigenschaft der Wirtschaft, dass öffentliche Bekanntheit einen Werbewert nach sich zieht. Auch wenn Ronaldo exakt dieselbe Absicht beim Spenden hat wie Du und ich, wirkt sich das bei ihm anders aus.

Ronaldo als Rapid-Fan?

Schauen wir, was Ronaldo in Relation aufwenden müsste, um einen ähnlich hohen Einsatz aufzubieten wir ein engagierter Fan bei Rapid das tut.
Rapid ist ein gemeinnütziger Verein. Jeder Anhänger, der sich zum “harten Kern” der Anhänger zählt, und “alles mit Rapid mitmacht”, leistet für seinen Verein eine ganze Menge. Leider kommen die größten Beträge für die Reisen nur zu einem kleinen Teil dem Verein zugute. Ein Beispiel mit autobiografischen Zügen:
  100,- Euro Mitgliedschaft
  400,- Euro Abo
  200,- Euro weitere Heimspiele
2.000,- Euro Auswärtsfahrten international
2.000,- Euro Auswärtsfahrten inland
  200,- Euro Fanartikelkauf
------------
4.900,- Euro
Das ist natürlich nur eine Überschlagsrechnung. Vermutlich geben manche Fans auch noch mehr aus. Dieser Betrag sind etwa 17 Prozent des ursprünglich erwähnten Jahreseinkommens von 30.000,- Euro. In der heurigen Saison kommt auch noch die Konsumation im Stadion dazu, denn die floss in den letzten Jahren in die lokale Gastronomie.
Was müsste ein CR7 tun, um dieselbe Leistung zu erbringen wie es ein Hardcore-Fan gegenüber Rapid erbringt?
Damit ein CR7 in diese Dimensionen vordringt, müsste er immerhin 7 Millionen pro Jahr aufwenden. Er investiert natürlich schon solche Summen, etwa in sein Hotelprojekt oder in seinen Fahrzeugpark. Aber wie gesagt, nicht in ein ideelles Projekt wir das ein Rapid-Fan tut.
Bei allen diesen Vergleich müssen wir bedenken, dass die 30.000,- Euro eines Durchschnittsverdieners am Jahresende praktisch weg sind und daher die 20 Prozent Ausgaben für Rapid einen wesentlichen Anteil am Haushalt haben und daher andere Aktivitäten wie eben einen Urlaub verunmöglichen, während es bei Ronaldo ziemlich egal ist, wie viel er wem spendet. Das hat überhaupt keinen Einfluss auf sein Leben. Und wie wir gesehen haben, investiert er diese wesentlichen Vermögensanteile nicht – wie ein Fan – in ein gemeinnütziges Projekt sondern ausschließlich in persönliche Projekte.

Was ist der Wert eines Fußballers?

Wer über die Superstars spricht, kommt nicht um die Frage herum, ob die denn ihr Geld wert sind und warum sie so viel kosten. Oft hört man, man solle diese Transfersummen beschränken. Aber wer soll das tun? Und mit welchem Recht?

Kann ein Fußballer 12 Millionen pro Jahr Wert sein? Oder spielt dieser Fußballer doppelt so gut als ein anderer, der 6 Millionen verdient?

Für einen Fußballfan gibt es nur eine Ideologie: ein Titel muss her, koste es was es wolle. Und wenn das mit einem Spieler um 12 Millionen möglich wird, dann war er uns das wert. Wenn nicht, wars ein Reinfall. Und genau dieses “koste es was es wolle” ist es, das die Kosten für gute Spieler so explodieren lassen.

Du kannst einen beliebigen bürgerlichen Beruf haben. Immer wird es jemanden geben, der das, was Du machst besser macht, schneller macht und eventuell auch etwas mehr verdient als Du selbst. Aber keiner in diesen Niederungen wird so reich werden wie Ronaldo es ist. Warum? Weil uns niemand bei der Arbeit zuschaut und damit Werbewert generiert. Aber viele träumen davon, reich zu sein – und spielen Lotto.

Unsere Gesellschaft (zumindest die große Masse) ist ziemlich ausgeglichen aber es gibt so etwas wie die Liga der Superreichen. Wir alle können dort nicht hingelangen – jedenfalls nicht durch Arbeit und Fleiß – aber wir investieren in Fußball, in ein Spiel, das es ermöglicht, indirekt dort oben zu stehen. Nicht wir, sondern der von uns favorisierte Verein ist es, der mit unserer Hilfe einmal ganz oben stehen soll – und wir mit ihm.

Und weil wir so viele sind, die das wollen und weil wir alle die Spiele besuchen, die Fernsehübertragungen anschauen, Fanbekleidung kaufen, weil durch unsere große Zahl das Interesse der Werbewirtschaft steigt, sind die Vereine reich.

Aber eigentlich sind ja bei jedem Verein nur etwa 25 Spieler und der Trainerstab zu finanzieren. Und es findet ein Wettbewerb um die besten Spieler statt, wie in einer Auktion im Dorotheum. Man kann Glück haben und eine Rarität günstig bekommen, nur weil zufällig kein anderer Interessent mitbietet. Man kann aber auch ganz daneben liegen und viel zu viel bezahlen. Und je mehr Geld verfügbar ist, desto länger kann ein bietender Verein an der Spielerbörse mit anderen mithalten.

Der Wert eines Spielers ist der, den jemand bereits ist, für ihn zu bezahlen. Nicht mehr und nicht weniger. Und diese Begehrlichkeit wächst mit mit der Zahl der Anhänger und mit dieser Zahl das Budget. Je größer das Budget eines Vereins ist, desto mehr Wert hat auch dessen Team. Warum? Weil alles Geld in dieses Team investiert wird. Ob das Team auch gleichzeitig eine höhere Klasse hat, ist eine andere Frage. Das kann sein, wenn der Sportdirektor und die Spielerbeobachter die Spieler richtig einschätzen. Aber man kann sich irren.

Und wer den Ronaldo will, muss bis zum Schluss mitbieten, dann wenn alle anderen schon ihren Abnehmer gefunden haben und nur mehr die Reichsten der Reichen am Bietertisch sitzen.  Und wie viel der Gewinner der Auktion aufbieten muss, bestimmt derjenige, der ebenfalls fast bis zum Schluss mitgeboten hat. Der Sieger der Auktion bekommt mit diesem 100 Millionen einen der besten Spieler der Welt. Würden aber nur halb so viele Fans Fußballspiele besuchen, dann wäre es derselbe Ronaldo aber man würde ihn um 50 Millionen bekommen, einfach weil nicht mehr Geld da ist.

Schließlich könnte auch sein, dass auf einer Wiese im Marchfeld ein außergewöhnlich begabter Spieler kickt aber niemand entdeckt ihn. Interessant war das Interview mit David Alaba als er erzählte, wie es bei ihm war als er durch einen Motorschaden fast das entscheidende Probetraining zum Einstieg in die Akademie verpasst hätte. Es ist sich gerade noch ausgegangen und er hat Karriere gemacht.

Wer bestimmt den Marktwert?

Wenn wir es als Rapid mit einer unbekannten Mannschaft zu tun bekommen, dann ist das Erste ein Vergleich der Marktwerte auf Transfermarkt. Bei TORPEDO-BELAZ ZHODINO sind es 4 Millionen und bei Rapid 25 Millionen. Man könnte meinen, Rapid wäre 6mal so “gut”. Hier ist große Vorsicht geboten, denn diese Zahl hängt davon ab, in welchem “Auktionshaus” man das Personal einkauft.

Unter der Annahme, dass das eher isolierte Weißrussland hauptsächlich im Inland auf der Suche nach Spielern ist, schlage ich vor, diese Zahlen durch eine zweite Zahl, nämlich das BIP pro Kopf zu relativieren. Daraus ergibt sich:

  • 8:50 BLR:AUT BIP
    4:25 BLR:AUT Marktwert

Es ist also kein Wunder, wenn in Weißrussland weniger Geld in die Vereinskasse fließt, weil man dort weniger reich ist. Die Relation der Kaderwerte entspricht ganz genau der Relation der Bruttoinlandsprodukte pro Kopf. In Weißrussland kauft man auf einem anderen Spielermarkt ein, auf dem Spieler billiger sind. Sie müssen auch nicht in einem Hochpreisland wie Österreich leben. Beide Vereine sind also wertberichtigt durchaus auf Augenhöhe trotz des großen Unterschiedes der absoluten Zahlen.

Fußballvereine investieren in Erfolg

Ganz im Gegensatz zu unserem eigenen Leben ist jenes eines Fußballers ein Leben ohne Netz. Es ist geradezu ein perfektes Abbild einer Gesellschaft ohne soziale Absicherung. Es gibt ein paar, die ganz oben stehen, es gibt viele lokale Größen und ein Heer von Verlierern, die sich in den unteren Ligen tummeln. Sie alle haben es versucht, in dieser Disziplin ganz nach oben zu kommen und sind eigentlich alle gescheitert. Schlecht ausgebildet und schlecht vorbereitet auf den Übergang zu einem Zivilberuf.

Was ist Dein Beruf? Bist Du Büroangestellter, Redakteur, Mistkübler, Verkäufer, Kellner oder Koch? Egal, es wir immer bessere in Deinem Beruf geben. Aber honoriert wird das in der Regel nicht. Der Vorteil der Einheitsbezahlung: ein Unternehmen wird viel leichter berechenbar, weil man die Personalkosten kennt. Du bekommst Sicherheit, das Unternehmen Planbarkeit. Mit einem solchen festen Beruf verzichten wir auf die theoretische Möglichkeit des Reichtums zugunsten einer langfristigen Sicherheit.

Stell Dir vor, Deine Firma hätte einige Millionen Gewinn pro Jahr und würde dieses Geld unter den Angestellten verteilen. Toll nicht? (Achtung, gilt auch bei ebenso großen Verlusten!) Aber das passiert nicht. Das Geld wird in in der Regel zum Teil durch die Aktionäre/Eigentümer abgeschöpft und zum anderen Teil investiert.

Ein Fußballverein hingegen, investiert den kompletten Überschuss in diese etwa 30 Personen, Fußballer und Trainer. Es bleibt nichts über. Gewinne gibt es nicht, nur sportliche Erfolge; wenn Tore fallen, Spiele und Titel gewonnen werden.

[An dieser Stelle könnte man sich ein Beteiligungsmodell zwischen Anhängern und Verein vorstellen. Der Verein erwirtschaftet ein jährliches Vermögen, das entweder in Spieler investiert oder an die Mitglieder ausgezahlt wird. Wenn – wie im Falle von Real – der Verein auf die Idee kommt, 100 Millionen für einen Spieler zu investieren, könnten die beteiligten Mitglieder mitbestimmen, ob man das auch machen soll oder nicht etwa die Hälfte an die Mitglieder ausschüttet. Durch ein solches Modell könnte man diesem derzeit nahezu ungebremsten Preisanstieg mit einem entgegengerichteten Interesse begegnen. Beide, Verein und Mitglieder entscheiden, wo es lang geht. Aus diesem Beteiligungsmodell können vielleicht auch gleichzeitig mehr Mitglieder gewonnen werden, weil ihr Einsatz in den Verein – je nach sportlichem Erfolg aus zurückfließen kann. Insbesondere könnten Mitglieder von Retortenklubs durch ein Beteiligungsmodell anderer Vereine bewogen werden, die Fahnen zu wechseln, was das Interesse der Superreichen an Fußballklubs schwächen könnte, denn wer will schon zu einem Fußballspiel, bei dem niemand zuschaut, außer vielleicht die Gästefans.]

Von Zwergen und Riesen

Zwischen den Zwergen in der Bundesliga wie Altach und Mattersburg und den Top-Klubs RB, Rapid und Austria klaffen finanzielle Welten. (Link) Beim Umsatz ein Faktor 15 zwischen Altach und RB.

Und der Unterschied ist, dass eben RB in einem anderen “Geschäft für Fußballer und Trainer” einkauft als das Altach tun kann. Altach kauft bei “Hofer” und RB beim “Meinl am Graben”. Aber die Anzahl der Kalorien pro Leberkässemmel ist dieselbe. Sicher, die Waren am Graben sind besonders ausgewählt, manche Sachen schmecken vielleicht ein bisschen besser aber sonst gibt es keinen Unterschied.

Auch im Fußball hilft es nicht viel, “Rapid” zu sein, wenn man dann nicht einmal gegen Altach gewinnen kann. Weil eben die Kicker nicht so viel mehr können als sie mehr kosten.

Ronaldo rechnet sich

Es scheint irrwitzig zu sein, für einen Spieler 100 Millionen Euro auszugeben wie seinerzeit Real Madrid für Ronaldo. Wenn man aber die jährlichen Erlöse aus den Merchandising-Produkten betrachtet, dann ist das möglicherweise für Real sogar ein einträgliches Geschäft. Link

Wert kontra Können

Geradezu skurril mutete das Gespräch zwischen den Experten des ORF bei einem der Spiele der EURO an, bei dem sinngemäß gesagt wurde, dass die 40 Millionen, die ein Spieler mehr Wert wäre als ein anderer, durch die dargebotene Leistung auch gerechtfertigt wäre. Allen Ernstes wurde das dort so gesagt. Die Unterschiede im Kaufpreis deuten nur auf eine unterschiedlich hohe Begehrlichkeit hin, nicht auf einen bedeutenden Klassenunterschied.

Es wird schon so sein, dass der um 40 Millionen teurere Spieler gewisse Qualitäten hat, die ihn in einer Qualitätsreihung vor andere Spieler stellt. Aber die sich dann aus dieser ziemlich subjektiven Einschätzung ergebenden gigantischen Kaufpreise ergeben sich aus der geringen Anzahl von Spielern in dieser Leistungsklasse und der gegenüberstehenden großen Nachfrage potenter Vereine mit gefüllter “Kriegskasse”, eine Kasse, die wir Jahr für Jahr auffüllen.

Wenn man einen Spieler begehrt, der ein bisschen besser spielt, muss man nicht ein bisschen mehr zahlen. Man muss aberwitzig mehr bezahlen, weil man nicht der einzige Käufer ist, das Angebot beschränkt und der Erwartungsdruck groß sind.

Und Gott ist Mensch geworden

Wir wissen nicht, was alles hätte sein können, wenn Ronaldo mitgespielt hätte, in diesem Finale gegen Frankreich. Bei seiner Verletzung hat niemand mehr auf Portugal gesetzt, speziell angesichts der großen Überlegenheit der Franzosen. Es kann aber sein, dass allein dieser Qualitätsverlust bei den Portugiesen ein “jetzt erst recht”-Gefühl erzeugt hat oder ein “wir machen das für Dich, Ronaldo”-Gefühl. Auffällig ist, dass die erste Spielphase den Franzosen gehört hat aber mit längerer Spieldauer die Portugiesen immer sicherer wurden. Das hängt wahrscheinlich damit zusammen, dass Frankreich kein Tor gelungen ist und dadurch die schwächere Mannschaft mehr Selbstvertrauen getankt hat und wer es bis zur 70. Minute ohne Gegentor schafft, der kann es auch bis zur 90. Minute ohne Gegentor schaffen.

Mich erinnert der Ausfall von Ronaldo an die Ausfälle unseres Kapitäns Steffen Hofmann bei Rapid. Allein seine Anwesenheit am Feld gibt der Mannschaft Sicherheit, die dann plötzlich fehlt. Auch heuer ist das gleich zu Saisonbeginn wieder der Fall aber wir wollen doch hoffen, dass unser Team schon so gefestigt ist, dass uns das nichts mehr ausmacht. (Es war schon einem in einem Spiel gegen Ried als der schon sehnsüchtig erwartete Steffen in seinem damals ersten Spiel nach der München-Pause unter Zellhofer für Rapid aufgelaufen und prompt wurde das Spiel 1:2 verloren.)

Jeder will Europameister werden aber keiner hat es vor dem Bewerb so deutlich ausgesprochen wie Ronaldo. Dann liegt er da, verletzt und unfähig weiter zu spielen. Die Tränen sind echt. Weg ist der Nimbus des Torjägers und er ist nicht mehr in der Lage, höher als alle anderen zu springen, um Tore zu schießen. Heruntergestoßen vom Olymp des Fußballstars. Er ist nicht mehr dieser kraftvolle CR7, nein es ist nur mehr Cristiano himself.

Eigentlich hat man bei seiner Verletzung die Felle für Portugal schon davon schwimmen sehen. Doch anders als andere Spieler, die nach einer Auswechslung mehr oder weniger gelangweilt auf der Ersatzbank sitzen, bekommt Portugal in der zweiten Hälfte mit Ronaldo einen zweiten Coach, der die Mannschaft allein durch seine Anwesenheit an der Linie vorwärts treibt.

Ich hatte den Eindruck, als erlebten wir hier Ronaldo selbst und nicht diese Kunstfigur der heldenhaften Posen, die wir sonst von seinen Auftritten gewohnt sind.

Durch diese unglückliche Verletzung ist Ronaldo für mich zum Held des Spieles geworden, obwohl er im Spiel nur wenige Ballkontakte hatte. Er ist in dieser Tragik Mensch geworden, einer von uns, und von seinem Star-Olymp abgestiegen. Man konnte mit ihm mitfühlen, was in allen anderen Situationen eher nicht der Fall war.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass Ronaldo nicht als Fußballer des Jahres gekrönt wird, auch wenn er im Finale der EURO nicht mehr mitgewirkt hat.

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Bild von Ruben Ortega – Wikimedia Commons, CC-BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=48550566


Abschließend fällt mir dazu eine Szene aus “My Fair Lady” ein, in der Eliza sagt, dass eine Prinzessin nicht jemand ist, der sich so bezeichnet, sondern der, den man so behandelt.

Links

Der ursprüngliche Link zur Information über Ronaldos Vermögen existiert leider nicht mehr (http://www.vermoegen.org/cristiano-ronaldo-vermoegen/) aber Patrick aus Linz hat uns dazu eine aktuelle Quelle genannt:

Danke, Patrick!