Liga und ‚Nati‘ III

Liga und ‚Nati‘ III

Im Beitrag „Liga und ‚Nati'“ betrachteten wir den Zusammenhang zwischen den FIFA-Punkten einer Nationalmannschaft und den UEFA-Punkten, den einer Liga. Im Beitrag „Liga und ‚Nati‘ II“ wurde der Wert von Nationalmannschaften dem Wert der Vereinsmannschaften gegenüber gestellt. Jetzt werden diese beiden Zusammenhänge verknüpft und wir versuchen, die Frage „Spielt Geld Fußball?“ zu beantworten:

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Spielt Geld Fußball?

Wir können diese Frage auch ganz ohne Zahlen beantworten; nicht durch ein konkretes Spiel, denn wie man weiß, kann im Fußball immer auch der Schwächere das Spielglück auf seiner Seite haben und gegen einen unschlagbar scheinenden Gegner erfolgreich sein. Wie sonst könnten die Erzählungen entstanden sein, die an glorreiche Fußballspiele erinnern wie zum Beispiel das Rückspiel von Rapid gegen Sporting Lissabon 1996 oder die Spiele von Rapid gegen Aston-Villa usw.

Wenn man aber die Spiele in großer Zahl betrachtet, dann wendet sich das Blatt rasch zugunsten der finanzkräftigeren Vereine. Statistisch gesehen spielt Geld natürlich Fußball. Das letzte Jahrzehnt hat uns Rapidlern schmerzlich gezeigt, dass man mit ausreichendem Kleingeld eine Liga nach Belieben dominieren kann. Die Frage ist also mehr jene, wie man dieses Spiel der Großen mit dem Fußball unterbinden kann. Das wird in einem anderen Beitrag zu besprechen sein.

FIFA-Punkte

Welcher Zusammenhang besteht zwischen dem Wert einer Mannschaft und dem Erfolg, den man der FIFA-Weltrangliste ablesen kann? Dazu stellen wir die Werte der Nationalmannschaften zu den Punktezahlen der FIFA-Weltrangliste in Relation.

Während der Wert der Nationalmannschaft zwischen 10 und 1000 Millionen € schwankt (Faktor 100), bewegen sich gleichzeitig die FIFA-Punkte im Bereich von 1150 bis 1750, das sind etwa 600 Punkte Unterschied zwischen der stärksten Nationalmannschaft (Belgien) und der (punktemäßig) schwächsten (Weißrussland). Um die Größenordnungen der Werte grafisch darstellen zu können, benötigt man eine logarithmische Skala.

Zuerst erfassen wir alle Nationalmannschaften und deren FIFA-Punkte in einer zusammenhanglosen Punktwolke. Man sieht auf den ersten Blick, dass hier ein Zusammenhang besteht zwischen dem Wert auf der X-Achse und dem Wert auf der Y-Achse: mehr Geld (X) bedeutet mehr Punkte (Y). Nun kann man durch dieses Gebilde eine Linie ziehen, die so etwas wie eine Schwerlinie und damit eine Gesetzmäßigkeit für die Punktwolke darstellt.

Natürlich sind die Mannschaften nicht alle auf der Linie; wären sie es, wäre Fußball langweilig, weil berechenbar. So aber kann im einzelnen Spiel alles passieren, wenn auch nicht alles mit derselben Wahrscheinlichkeit. Daher zeigen die Punkte nur einen Trend, der durch die Trendlinie beschrieben wird.

Ziemlich genau dem Trend folgen die Teams der Slowakei, Ukraine, von Polen, Italien Portugal und England. Mannschaften unter der Trendlinie erreichen weniger Punkte als es ihrem Marktwert entspricht; Mannschaften über der Trendlinie erreichen mit weniger Kapitaleinsatz einen höheren FIFA-Rang. Mit dem Wert der österreichischen Nationalmannschaft könnte man also einen etwas höheren FIFA-Rang erwarten.

Der Gewinner ist Belgien. Die belgische Nationalmannschaft erreicht mit einem ähnlichen Kapitaleinsatz wie das Nachbarland Niederlande um 200 FIFA-Punkte mehr und führt damit die FIFA-Weltrangliste an.

Wie viele FIFA-Punkte kann eine Mannschaft mit gegebenem Wert erzielen?

Das beantwortet die Formel der Trendlinie:

FIFA = 101*ln(WERT) + 976

Beispiel Österreich

Die österreichische Nationalmannschaft hat einen Wert von 321 Mio. € und müsste daher „wenn Geld Fußball spielt“ 101*ln(321)+976 = 1.559 FIFA-Punkte haben. Tatsächlich hat Österreich etwas weniger, 1.523 Punkte. Passt!

Welche Wertsteigerung braucht ein Land, um 100 FIFA-Punkte aufzuholen?

Wenn also Österreich 100 FIFA-Punkte aufholen soll, muss der Wert der Nationalmannschaft steigen:

FIFA = 101*ln(WERT) + 976       (-)
FIFA+100 = 101*ln(WERT1) + 976 (+)
------------------------------
100 = 101 (ln(WERT1)-ln(WERT))
ln(WERT1)-ln(WERT1) = 100/101
ln(WERT1) = 100/101 + ln(WERT)
WERT1 = exp(100/101 + ln(WERT))

WERT... derzeitiger Wert der Nationalmannschaft
WERT1...Erforderlicher Wert für 100 zusätzliche FIFA-Punkte
WERT1 = exp(100/101 + ln(321)) = 864 Millionen € 

Österreichs Liga müsste also mehr Spieler des Typs „Alaba & Co“ in den großen Ligen platzieren und dabei sind die Vereine, vor allem aber auch der ÖFB und die Bundesliga gefordert. Mehr und bessere Ausbildung, mehr und bessere Infrastruktur, für einen höheren Stellenwert von Fußball sorgen, um den Werbewert zu steigern.

Underdogs

Natürlich gibt es sie, die Underdogs, die mit vergleichsweise geringerem Einsatz einen hohen FIFA-Rang erreichen als es ihrem Mannschaftswert entspricht. Das sind etwa Belgien, Nordirland, Island, Serbien, Frankreich oder Dänemark.

Umgekehrt gibt es auch Mannschaften mit einem hohen Mannschaftswert und einem gleichzeitig unterdurchschnittlichen FIFA-Rang. Dazu zählen Kosovo, Kazachstan, Slowenien, Schottland aber auch Deutschland.

Aber nach der Euro schaut vieles wieder anders aus und diese Zeilen und Zahlen werden neu zu schreiben sein.

UEFA-Punkte

So, wie das bei der FIFA-Weltrangliste für die Nationalmannschaften errechnet wurde, kann man das auch für das UEFA-Landesranking anwenden. Hier muss man aber entscheiden, ob man als Wertmaß den durchschnittlichen Mannschaftswert einer Liga oder den gesamten Wert einer Liga verwendet. Im Diagramm wird der Gesamtwert der Liga verwendet, weil eine einzelne Mannschaft nicht an dem UEFA-Ranking teilnehmen kann. Bei der Berechnung der Punkte eines Landes spielt die Anzahl der teilnehmenden Mannschaften eine wichtige Rolle.

Wegen des großen Wertebereichs der UEFA-Punkte wurde auch für die y-Achse eine logarithmische Skalierung gewählt.

Das Diagramm zeigt in ziemlich entmutigender Weise die extreme Dominanz der Ligen mit dem größten (Fremd-)Kapitaleinsatz England und Spanien und auch den uneinholbaren Abstand zwischen den Top-Ligen und dem großen Rest.

Wie viele UEFA-Punkte kann ein Land mit gegebenem Wert der Liga erzielen?

Das beantwortet die Formel der Trendlinie:

UEFA = 12*ln(WERT) - 36

Beispiel Österreich

Die österreichische Bundesliga hat einen Wert von 358 Mio. € und müsste daher „wenn Geld Fußball spielt“ 12*ln(358)-36 = 34,6 UEFA-Punkte haben. Tatsächlich hat Österreich 35,8 Punkte, liegt also sehr genau auf dem zu erwartenden Wert der Trendlinie.

Welche Wertsteigerung braucht eine Liga, um 10 UEFA-Punkte aufzuholen?

UEFA = 12*ln(WERT)-36      (-)
UEFA+10 = 12*ln(WERT1)-36 (+)
-------------------------
10 = 12 (ln(WERT1)-ln(WERT))
ln(WERT1)-ln(WERT) = 10/12
ln(WERT1) = 10/12 + ln(WERT)
WERT1 = exp(10/12 + ln(WERT))

WERT... derzeitiger Wert der Liga
WERT1...Erforderlicher Wert für 10 zusätzliche UEFA-Punkte

Nehmen wir also an, dass Österreich 10 UEFA-Punkte aufholen will. Die gewünschte Punktezahl ist 35+10 = 45.

Dann müsste der Wert aller Mannschaften der Liga auf

WERT1 = exp(10/12 + ln(358)) = 824 Millionen € 

steigen.

Um das zu erreichen, gibt es mehrere Möglichkeiten: Anwerbung von Investoren, die für die Differenz von 466 Millionen € aufkommen, also etwa drei weitere „Mateschitz“, mit allen unerwünschten Nebenwirkungen. Das wäre der englische Weg.

Als zweite Möglichkeit fällt mir ein, die Betriebsbedingungen für Fußballvereine (viel) stärker zu reglementieren; und das nicht nur in Österreich, sondern europa- und weltweit. (Das ist so erfolgversprechend wie weltweite Steuergerechtigkeit.)

Es gibt dazu Ansätze wie das „Financial Fair Play“, doch was nützt es, wenn man dann einen als „unfair“ entlarvten Verein wie Machester City über irgendeine Hintertür doch wieder an den Bewerben teilnehmen lässt. In unseren Breiten wird die Eigentumspflicht der Vereine mit der Formel 50%+1 beschrieben. Gleichzeitig wird eine Konstruktion wie die von Red Bull als „Verein“ in der Gemeinschaft von Fußballvereinen zugelassen. Wie soll man das verstehen?

Noch eine dritte Möglichkeit ist nicht ganz utopisch, insbesondere, wenn der Klimawandel uns alle zu ungewöhnlichen Aktivitäten zwingen wird. Unsere Fußballwelt widerspiegelt in ihrer Art lediglich das umgebende Wirtschaftssystem, ähnlich wie die Spiele im antiken Kolosseum die römische Welt abstrahiert haben. In unserem Wirtschaftssystem, ist ein kleiner Teil der Menschen für einen großen Teil der CO2-Belastung verantwortlich, ähnlich ungleich wie auch die Vermögen ungleich verteilt sind. Möglicherweise werden wir uns diese Freizügigkeit nicht ewig leisten können. Und wenn sich das Wirtschaftssystem ändern wird, wird sich auch die Welt des Fußballs verändern – hoffentlich zum Besseren.

Seien wir ehrlich: wenn wir es mit dem Klimawandel ernst meinen, müssen wir alles hinterfragen, was unseren Alltag ausmacht. Es wird an neuen Steuermodellen gebastelt, die uns in dieser Richtung motivieren sollen.

Bei der kommenden Europameisterschaft ist der UEFA ein Negativ-Bespiel der Extraklasse gelungen, wenn man die Veranstaltung aus der Sicht des Klimaschutzes betrachtet. Wenn tatsächlich Fans mit ihrer Mannschaft mitreisen wollen, dann sind sehr viele Flugkilometer angesagt. Österreich spielt seine Gruppenspiele in Bukarest, Amsterdam und dann wieder in Bukarest. Bei den anderen Mannschaften wird es nicht besser sein. Und es fliegt ja nicht nur die Mannschaft, es fliegen auch Tausende Fans von Spiel zu Spiel. Vielleicht ist ja der Punkt nicht mehr so weit, dass übergeordnete Klimaschutz-Gesetze den internationalen Fußball in unserer heutigen Form verunmöglichen. Beispiel: Keine Auswärtsfans bei internationalen Spielen. Weiters ist auch denkbar, dass jeder Person nur ein bestimmtes Kontingent für Flugreisen zur Verfügung steht; alles, was darüber hinaus geht, wird (wie ein Luxusgut) besteuert.

Das alles kann eventuell zukünftig Änderungen in der Wirtschaft und damit auch im Fußball herbeiführen.

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