Rapid wird erwachsen

Seit wir in unser neues Stadion eingezogen sind, wollen sich nachhaltige Erfolge nicht einstellen, und wir fragen uns alle, warum Rapid mit dem zweithöchsten Budget der Liga nicht um den Titel mitspiel; wobei, die Saison ist ja noch nicht um, da kann ja noch etwas kommen.

Gründe werden dafür viele genannt und wir kennen sie alle. Mir scheint aber, dass etwas hinter diesen Gründen liegt. Meine These: „Rapid ist in einer Art Pubertät“, und in einer solchen Entwicklungsphase kann es schon eine zeitlang dauern, bis die ersten Hoppalas mit den neuen Kräften überwunden sind.

Wir wünschen allen Lesern des Tagebuchs ein schönes Weihnachtsfest und ein erfolgreiches Rapid-Jahr 2019.
Die nächste Mitgliederversammlung findet im Februar statt. Genaueres wird an dieser Stelle bekanntgegeben.

Folgende Aspekte wirken sich besonders aus:

  • „Rekordmeister“, ein historischer Rucksack. Das durch das Rapideum erlangte Geschichtsbewusstsein erhöht den Druck auf alle Akteure.
  • Wachstum: Das Erlernen des Umgangs mit der neuen Größe ist ein schmerzhafter Prozess – vielleicht wie in der Pubertät.
  • Nivellierung: Man kann in diesen Jahren auch mit weniger Budget, eine konkurrenzfähige Truppe auf die Beine stellen.

Rekordmeister

Kein Kommentator verzichtet auf das Attribut „Rekordmeister“. Was dem Marketing ein Alleinstellungsmerkmal ist, ist für die Spieler am Platz eine Belastung. Immer wieder wird ihnen vor Augen geführt, welche Verpflichtung sie eigentlich zu erfüllen haben. Wenn die Ziele gar so unerreichbar sind wie die eines Rekordmeisters, kann es sein, dass man sie irgendwann aus den Augen verliert.

Dazu kommt unser zunehmendes Bewusstsein über den Rucksack einer großen Vergangenheit, getragen durch das Rapideum, das uns den Erfolgsverlust noch deutlicher vor Augen führt.

Dass wir heute so viel über die Rapid-Vergangenheit wissen, verdanken wir der Entwicklung des Rapideums. Es hatte mit der Seite 123.ewkil.at zu tun und dem Wunsch von Domenico Jacono, ein Buch über die Anhänger von Rapid zu schreiben und – ich sag’s nicht gern – auch damit dass vor etwa 10 Jahren die Austria ihre neue Osttribüne mit einem Museum bezogen hat. Damals, am 9.3.2010 schrieb ich einen Brief an Andy Marek. Leider habe ich diesen Brief nicht mehr, nur mehr die Beilage, die Grundlegendes zu einem Museum zusammengefasst hat. Sinngemäß stand dort Andy, Rapid braucht ein Museum. Man kann nicht immer nur davon reden, dass es da große Titel gegeben hat, die Menschen müssen das ‚begreifen'“ können. Dann auch noch einen Hinweis darauf, dass die Austria ja schon ein solches habe. Vielleicht war diese letzte Anmerkung ausschlaggebend. Das Rapideum startete schon 6 Jahre vor dem Stadionprojekt und entwickelte sich seither zu einer Visitenkarte von Rapid und zu einem Publikumsmagnet.

Wir wissen heute mehr über Rapid als alle Rapid-Generationen vor uns. Das ist ein Vorteil aber auch ein Nachteil. Der Nachteil liegt am historischen Maßstab, den wir an alles anlegen, was wir an Spielerischem erleben. Unsere – ohnehin schon große – Erwartungshaltung wird durch unser historisches Wissen noch verstärkt. Die aktuelle Rapid-Mannschaft hat es schwer, weil sie immer wieder mit ihren Vor- und Vorvorgängern verglichen wird. Kleinere und jüngere Vereine haben es da leichter. Sie erleben mit ihrer Präsenz in der Bundesliga einen Höhepunkt ihrer Geschichte und bauen Selbstvertrauen auf, während Rapid im historischen Vergleich selbiges verliert.

Rapid, ein unterdotierter Verein

Eigentlich besteht in der Rapid-Geschichte seit den 50er- und 60er-Jahren ein Entwicklungsknick, etwa seit der Zeit als Rudi Flögel Kapitän war. Rapid dürfte den Übergang vom Verein zum Wirtschaftsbetrieb schon damals nicht ausreichend geschafft haben. Rapid war ein Verein mit großen Aufgaben und mit zu geringen Einnahmen. Die Anzahl der Meistertitel zeigt das ganz deutlich. Zwischen 1912 und 1961 errang Rapid 22 Meistertitel, aber zwischen 1962 bis heute nur mehr 10.

Es könnte sein, dass sogar die Konzeption des Weststadions durch Gerhard Hanappi ein Grund für das sportliche Nachhinken der letzten 50 Jahre war, weil eben für die Aufgaben des großen Vereins Rapid aus der Stadion-Infrastruktur zu wenig Geld erwirtschaftet werden konnte, und das seit den Anfangsjahren des Stadions. Auf Seite 176 des Buchs „Gerhard Hanappi – Fußballer, Architekt“ beschreibt Christoph Lechner, dass der spätere Ehrenpräsident Holzbach schon damals einen VIP-Bereich eingeplant haben wollte und sich Gerhard Hanappi diesem Wunsch aus weltanschaulichen Gründen widersetzte. Der VIP-Bereich wurde nicht gebaut und Gerhard Hanappi hat sich schließlich aus allen Ämtern bei Rapid zurückgezogen und sogar seinen Sohn Michael in der Austria-Jugend trainieren lassen. Die Langzeitfolge war wahrscheinlich eine chronische Unterfinanzierung in Zeiten der zunehmenden Kommerzialisierung des Fußballs, die sich bis zur Präsidentschaft von Rudolf Edlinger hinzog.

In den 50 Jahren zwischen 1960 und 2010 errang Rapid 11, die Austria aber 17 Meistertitel. Das ist ein deutlicher Unterschied, der darauf hindeutet, dass der Stadtrivale die Zeichen der Zeit besser gedeutet hat. Erfolge der letzen 50 Jahre (->Ausblick)

Auch das zuerst „Weststadion“ genannte Hanappi-Stadion war nicht gleich der große Bringer. Bis zum ersten Meistertitel, den man 1981/82 feiern konnte dauerte es immerhin fünf Jahre.

Gerhard Niederhuber erzählte beim 120-Jahre-Gedenkabend, dass der Rapid-Kassier kein Geld zur Auszahlung der Gehälter hatte und der „Klub der Freunde“ in dieser Notlage eingesprungen ist und sein Guthaben für diesen Zweck verwendet hat. (Siehe Tagebucheintrag „Geburtstagsabend„)

Eine Szene aus einer Mitgliederversammlung unter Präsident Anton Benya illustriert die schlechte Finanzlage des Rekordmeisters.
http://klubderfreunde.at/2017/02/anton-und-franz-football-old-style/ Bei eine Mitgliederversammlung wurde der damalige Präsident Anton Benya gefragt, warum die Mitgliedskarten noch nicht versendet worden seien. Anton Benya wusste das nicht so genau und ging auf die Frage zunächst nicht ein. Währenddessen schrieb der neben ihm sitzende Franz Binder jun. ein paar Worte und schob den Zettel Anton Benya zu. Dieser las einfach vor, dass „man die Rechnung für die Mitgliedskarten des Vorjahres noch nicht bezahlt habe und daher die Druckerei den neuen Auftrag noch nicht bearbeitet hat“. (Siehe Tagebucheintrag „Anton und Franz, Football oldstyle„)

Die finanziell angespannte Lage fand mit den Ereignissen rund um die Rapid-Aktie ihren Höhepunkt und erst allmählich allmählich erholte sich Rapid aus der Finanzdauerkrise, vor allem Dank des Sponsoring der Bank Austria/Zentralsparkasse.

Ich erlebte Rapid seit der Präsidentschaft von Rudolf Edlinger, dessen Beiname „Sparefroh“ uns noch in guter Erinnerung ist. Auch in dieser Phase litt Rapid unter chronischer Unterfinanzierung. Trotz des großen St. Hanappi-Stadions erschien der Verein eher wie ein Container-Klub. so bescheiden wirkte die Infrastruktur für die fast an einer Hand abzählbaren Mitarbeiter des Vereins.

Eine Szene ist mir besonders in Erinnerung. Es war beim ersten Qualifikationsspiel gegen Aston Villa als ich beim Süd-Ost-Eingang einen aufgebrachten Aston-Villa-Fan nach dem „Manager“ schreien hörte. Weil er gar so auffällig war, habe ich die Szene im Bild festgehalten. Man hatte ihn mehrmals in die falsche Richtung gelotst und die Damen und Herrn der Securitas waren tatsächlich nicht ausreichend eingeweiht, wohin die exotischen Gäste zu dirigieren wären. Der Personalstand von Rapid war damals überschaubar, und der einzige, den man als „Manager“ hätte bezeichnen können, war Andy Marek und der stand am Spielfeldrand mit dem Mikrofon. Der Gast war die Organisation englischer Vereine gewöhnt und wunderte sich über „den Balkan“.

Rapid war damals so, wie man heute gerne „Dorfklubs“ bezeichnet, im städtischen Umfeld vielleicht „Containerclub“.

Woher kommen die letzten Titel?

Die drei letzten MeistertItel, die Rapid erringen konnte, waren ein Produkt des Zufalls und nur nicht irgendeiner genialen Planung, eines genialen Sportdirektors oder Trainers. Michael Konsel schilderte bei der 120-Jahr-Feier wie leicht es hätte passieren können, dass man bereits in der ersten Runde (gegen Petrolul Ploiesti hätte ausscheiden können). Sowohl Josef Hickersberger als auch Peter Pacult profitierten jeweils von einem Spielerduo, das für die ausreichende Punktezahl sorgte. 2004/05 waren es Steffen Hofmann und Andreas Ivanschitz, 2007/08 waren es Jimmy Hoffer und Stefan Maierhofer.

Wie sehr Meistertrainer von der Qualität einzelner Akteure abhängig sind, zeigt der Wechsel von Josef Hickersberger zur Nationalmannschaft. Er hat – bei einem Interview mit Andy Marek – darüber berichtet, dass er das Pech hatte, dass gerade in der Phase der EURO 2008 sich der Top-Torjäger Marc Janko verletzt hat. In der Finanzsituation bis 2016 konnte Rapid also nur zufällig Meister werden.

Rapid in der Pubertät

Was wir in den letzten drei Jahren miterleben durften, ist – auch gemessen an anderen historischen Meilensteinen von Rapid – einmalig. Hier ein Vergleich einiger Zahlen vor und nach der Präsidentschaft Krammer:

20132019
5.20016.540Mitglieder inklusive Greenies
ca. 20ca. 80Vollzeitmitarbeiter
9 Millionen79 MillionenAktiva/Passiva
-1,5 Millionen15 MillionenVereinskapital
23,6 Millionen46,2 MillionenErträge aus nationalem und internationalen Bewerb

Rapid ist von einem „Containerclub“ zu einem – für österreichische Verhältnisse ziemlich großen Unternehmen gewachsen. Die Wirtschaftskammer nennt 0,4% aller Unternehmen mit mehr als 250 Beschäftigten als „Großunternehmen“ und 2,1% mit 50-249 Beschäftigten als „mittlere Unternehmen“ . Rapid ist also – gemessen an der Beschäftigtenzahl – am Sprung zum Großunternehmen. An Matchtagen steigt die Anzahl der Beschäftigten in diese Bereiche.

So wie man es bei pubertierenden Jugendlichen beobachten kann, erging es auch Rapid. Der Umgang mit den neu gewonnenen finanziellen Möglichkeiten will erst erlernt werden und prompt unterschätzte man die Wichtigkeit der Kontinuität im Fußballbetrieb und meinte, mit Veränderungen rasch zu einem Titel kommen zu können. Und es war eine schmerzhafte Phase, die wir durchleben mussten, bis wieder so etwas wie ein ruhiges Fahrwasser angesteuert werden konnte.

Die letzten drei Saisonen waren für das zukünftige Präsidium ein Lehrbeispiel dafür, was Veränderungen anstellen können.

Wer kennt ihn nicht, den stets Kaugummi kauenden Ex-Trainer von Manchester United, Sir Alex Ferguson. Er war zwischen 1986 und 2013 Trainer und wurde 13 Mal Meister mit Manchester United. Aber Achtung: es dauerte 7 Jahre (von 1986 bis 1993!) bis er tatsächlich den ersten Meistertitel errang. Man stelle sich das bei Rapid vor, dass wir jetzt eine solche Zeitspanne auf den ersten großen Erfolg von Didi warten sollten. Diese Karriere zeigt uns aber, wie wichtig es ist, einen eingeschlagenen Weg nicht zu verlassen und – so wie beim Börsengeschäft – nicht bei den ersten Niederlagen gleich die Nerven zu verlieren.

Der richtige Einsatz von Kapital im Fußball will auch gelernt sein. Auch Salzburg wurde nicht gleich von Beginn an Serienmeister. Hier eine Darstellung (fett: Salzburg ist Meister): 2006 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014 2015 2016 2017 2018 2019

Nivellierungen – aber nicht bei RB

In der Bundesliga gibt es eine Tendenz zur Nivellierung, die Größenunterschiede zwischen Vereinen ausgleicht. Finanziell schwächere Vereine werden gestärkt, um einen möglichst interessanten und nicht einseitigen Wettbewerb zu gewährleisten. Davon sind alle größeren Vereine betroffen – mit Ausnahme von RedBull, weil die Salzburger nicht auf die Einnahmen aus dem Ligabetrieb angewiesen sind.

Rapid war immer schon ein ziemlich eigenständiger Verein, getragen vom Zuspruch seiner Anhänger. Diese Eigenständigkeit bedeutet, dass der Verein viele Projekte aus eigener Kraft finanziert, die anderswo von Gemeinde oder Land oder vom Eigentümer zur Verfügung gestellt werden. Dazu kommt, dass die Aufgaben des Sportklubs Rapid über den Fußballbetrieb weit hinaus gehen und dadurch das Budget für den Spielbetrieb schmälern. Ein Vergleich der Vereine an Hand der Budgets ist also nicht so einfach. Diese Eigenständigkeit hat seinen Preis, denn es nicht soviel „im Körberl“ wie es die Budgetzahlen versprechen.

Trotz kompetitiver Regeln, die die Vereinsgröße berücksichtigen, begünstigt die Ausschüttung der Fernsehgelder kleinere Vereine. Man kann das gut an der Attacke des LASK gegenüber Rapid ablesen, bei der – wieder einmal – Rapid nachgegeben hat und ursprünglich vereinbarte Verteilungsschlüssel zugunsten der kleineren Vereine geändert wurden. Rapid verdient das Geld, ausgeben tun es andere.

Einen interessanten nivellierenden Aspekt haben wir in Form der heute praktizierten Videoanalyse kennengelernt. Die Grundlage der Planung für eine kommende Begegnung beruht auf Vorarbeiten des Video-Analysten. Das zugrunde liegende Video-Material wird aber für alle Kontrahenten von der Bundesliga zur Verfügung gestellt. Rapid beschäftigt mit Dr. Stefan Oesen einen Video-Analysten. Jeder andere Bundesliga-Verein ebenfalls. Alle haben dieselben Zahlen.

Es ist – nach meiner Ansicht – kein Zufall, dass Rapid im eigenen Stadion nur halb so viele Punkte erreicht wie auswärts. Es soll nicht behauptet werden, dass es in der Zunft der Schiedsrichter eine „Lex-Rapid“ gebe, die das absichtlich herbeiführt. Aber der starke Heimsupport im neuen Stadion hat in der heimischen Liga eine Sonderstellung. Sich nicht von außen beeinflussen zu lassen, ist wahrscheinlich eine Grundtugend eines jeden Schiedsrichters und in dieser Spannungssituation fallen Entscheidungen – unbewusst natürlich – zuungunsten der Heimmannschaft, womit der Schiedsrichter seiner Rolle des „Unparteiischen“ glaubt, besonders zu entsprechen.

RedBull zementiert seine Dominanz durch verschiedenste Methoden ein. Mit RedBull hat die Restliga keinen Verein als Konkurrenten, sondern einen Fußballkonzern. RB kann Spieler durch hohe Gehälter länger binden und kann den Spielern auch zusätzliche Perspektiven bietet (Leipzig, New York). RB stärkt Rapids Konkurrenz durch strategisches Verleihen von Spielern an die weniger konkurrenzfähigen Bundesliga-Vereine. Das sind Spieler mit einem Ausbildungsniveau, die sich diese niemals leisten könnten. Und wenn es passt, kauft man dem direkten Konkurrenten einen Spieler ab, ob man ihn später einsetzt oder nicht. Da das Geld für den Fußballbetrieb nicht aus dem Fußballgeschäft erwirtschaftet wird, muss man sich mit gemeinsamen Ligaregeln wie zum Beispiel der Ausländerquote nicht auseinandersetzen.

Ausblick

Es ist ein Schock für uns alle, dass der mit dem Einzug ins neue Stadion erlangte Zaubertrank „Geld“ nicht gleich gewirkt hat und man ihn in den ersten Jahren eher verschüttet hat als ordentlich genutzt. Wenn wir aber aus den Fehlern der ersten Jahre mit positivem Vereinskapital lernen, können wir doch zuversichtlich in die Zukunft blicken, aber nur, wenn wir die Fehler nicht wiederholen.

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