„Grün-weiß unterm Hakenkreuz“ mit Laurin Rosenberg

Am 15.10.2019 lud die VHS-Penzing im Rahmen eines Schwerpunkts „Profi-Fußball abseits der Kameras“ zu einem Vortrag von Laurin Rosenberg ein.  Wir Rapidler kennen natürlich schon die wichtigsten Meilensteine der Rapid-NS-Geschichte, aber ich habe bisher noch keine so umfassende 90-minütige Schilderung gehört.

Laurin begann die Erzählung mit dem Finale der Deutschen Meisterschaft 1941 und spannte danach einen Bogen von den Anfängen von Rapid bis in die Gegenwart.

Nächste Mitgliederversammlung 2.Dezember. Eingeladen wurden Zoran Barisic und Christoph Peschek. Auskunft 0677-1899 5070 (Franz)
Laurin am Beginn des Vortrags, im Hintergrund die Viktoria un der Spielball von 1941

Das symbolträchtige Finale der Deutschen Meisterschaft 1941 ist voll von Mythen, die sich aber alle bei genaueren Betrachtung als unhaltbar erweisen. Eigentlich hätte das Finale wegen des Überfalls von Nazideutschland auf Russland an eben diesem 22. Juni 1941 abgesagt werden sollen, doch ließ man das Spiel schließlich doch austragen, um dem Volk Normalität vorzugaukeln. An dieses Spiel erinnert einerseits eine Kopie der Viktoria im Besitz des Rapideums (Original im deutschen Fußballmuseum in Dortmund) und der originale und inzwischen restaurierte Spielball, den der Dreifachtorschütze Franz Binder als Souvenir mitgenommen hatte und der von seinem Sohn, der viele Jahre als Manager bei Rapid tätig war, dem Rapideum gechenkt wurde.

Rapids Anfänge lagen in der Arbeiterschaft, mit Migranten aus Tschechien, dem Arbeiterbezirk im Westen und auch dem etwa 10%igen Anteil an Juden, die praktisch in jedem Fußballverein vertreten waren. In der Zeit nach 1938 beschrieb Laurin vier Typen: die Mitläufer, die Täter, die Opfer und die Oppositionellen.

Niemand in den Sportvereinen konnte sich den Forderungen der neuen Machthaber entziehen. Die Abschaffung des in Österreich praktizierten Profifußballs gehörte ebenso zu den Begleiterscheinungen der damaligen Zeit wie eine Vereinheitlichung der Satzungen und ein mindestens 50%igen Anteil von Parteigängern im Vereinsvorstand. Ohne diese Präsenz der Partei im Vorstand wäre der Sportbetrieb nicht möglich gewesen.

Das Gros bei Rapid und wohl auch in der Bevölkerung waren die Mitläufer, die Opportunisten, die ihre Haltung nach der Zeit ausrichteten. Dazu zählte wohl auch Karl Kochmann, der Besitzer der gleichnamigen Restauration, in der Rapid seine Vorstandssitzungen abhielt und Leopold Nitsch, dem damaligen Trainer und Schwager von Kochmann. Beide sind durch Vermittlung 1938 der NSDAP (als „Illegale“, obwohl sie das nie waren) beigetreten und beide versuchten bei Kriegsende diese Mitgliedschaft so zu begründen, dass sie diese für den Sportbetrieb benötigt hätten.

In der Mannschaft von 1945 fand sich mit Fritz Durlach auch ein Täter der letzten Kriegsjahre, er wurde auch verurteilt und zu einem Jahr schweren Kerkers verurteilt.

Zu den betrüblichen Verbeugungen vor den Nazi-Herrschern zählte neben dem obligatorischen Hitlergruß vor jedem Spiel auch die Abgabe einer großen Zahl von Pokalen, die dann zu Führers Geburtstag 1942 eingeschmolzen wurden. Der Chronik des FC Bayern kann man entnehmen, dass dort eine mutige Frau die Pokale des FC Bayern vor der Beschlagnahme an sich genommen hat und zuerst in ihrer Wohnung, später am Land versteckt hielt, sodass die Bayern ihre historischen Pokale – im Gegensatz zu Rapid – noch besitzen.

Praktisch alle Fußballvereine hatten einen der Zusammensetzung der Bevölkerung folgenden Anteil von Juden sowohl bei den Spielern als auch bei den Funktionären. Die Ausnahme war der Sportclub, denn dort wurden keine Juden aufgenommen, eine Haltung, die der heutige Sportklub längst abgeschüttelt hat.

Interessant ist auch die Haltung des „Mr. Rapid“, Dionys Schönecker, der 1938 in Zeitungsartikeln für die neuen Machthaber durchaus wohlwollende Worte fand. Schönecker verstarb im September 1938, eine Nagelprobe blieb ihm somit erspart. Sein Bruder Eduard, ein Architekt, ist aber der NSDAP beigetreten, nicht zuletzt, weil er als Unternehmer auf Regierungsaufträge angewiesen war. Man kann vermuten, dass wohl auch sein Bruder Dionys sich diesem Schritt nicht hätte verschließen können, wollte er seinen Verein, des S.C. Rapid weiterführen.

Der Namensgeber von Rapid, Wilhelm Goldschmid, fiel 1942 der Vernichtungsmaschinerie der Nazis zum Opfer. Seine Familie überlebte in Südamerika.

Opposition in den Kriegsjahren konnte fatal sein. Sie äußerte sich daher auch ziemlich subtil. Ein Beispiel dafür war der zeitlebens wenig angepasste Ernst Happel. Um als Jugendlicher bei einem Verein spielen zu können, musste man damals Mitglied der HJ sein und musste bei den dortigen Vereinsabenden gute Miene zum bösen Spiel machen. Die „Schlurfs“, wie man die aufmümpfigen Jugendlichen nannte, die nichts von den Naziparolen hielten und zu denen man den jungen Happel zählen konnte, bekamen die begehrte Mitgliedschaft zunächst nicht, und erst nach Interventionen des „Dietwares“ (eine Art Blockwart für Sportvereine) wurde die Mitgliedschaft an Happel erteilt.

Laurin führte uns auch weiter in die Gegenwart und verwies auf die Präsenz von Neonazis rund um Gottfried Küssel auf der Westtribüne in den 1980er-Jahren. Damals versuchte er dort Sympathisanten zu rekrutieren. Allerdings ist das nicht gelungen, vielmehr entwickelte der Block einen Kodex der politikfreien Kurve und stellt sich seither allen Versuchen der politischen Agitation klar in den Weg, eine Art Selbstreinigungsprozess.

Als Beispiel für einen solchen Lernprozess in der Kurve zeigte uns Laurin ein mit Nazisymbolik beschriftetes Heft eines Fans, das in dessen Jugendjahren als Sammelalbum für Eintrittskarten diente. Später absolvierte dieser Fan aber einen Lehrgang im KZ Mauthausen und meldete sich zum Zivildienst. Es hat seine Haltung um 180 Grad geändert und stellte das Heft als Zeitdokument dem Rapideum zur Verfügung.

Selbstreinigungsprozess im Block West

Auch in den letzten Jahren gab es einen Versuch seitens des Identitären-Akteurs Martin Sellner, die aber seitens der Kurve rasch abgewehrt wurden.

Der „Ausrutscher“ der Grün-weißen Hornissen bei einem kleinen Derby auf West 1 wurde im Vortrag auch erwähnt, aber nicht als rechtsextrem eingestuft, sondern eher als ein Ausdruck des Unwissens. Nach einer „Nachschulung“ im Rapideum und im KZ Mauthausen wurde die Gruppierung wieder im Block integriert.

Mehr noch, die Rapid-Kurve wirkt an der Aufarbeitung der Vergangenheit aktiv mit und demonstrierte das durch ein Spruchband beim ersten Derby im neuen Stadion, in dem des ermordeten Wilhelm Goldschmid gedacht wurde, etwas, das vor 10 Jahren in dieser Form nicht denkbar gewesen wäre, weil damals das Wissen rund um die Geschehnisse in der Nazizeit und die Personen in der Gründungszeit von Rapid zu wenig bekannt war. Und dazu trugen die Arbeiten rund um das Rapideum und das Buch von Jakob Rosenberg und Georg Spitaler „Grün-Weiß unterm Hakenkreuz“ (ein Muss für für Rapidler) wesentlich bei.

Danke an Laurin für den klar strukturierten Vortrag und für diese Aktivität der VHS-Penzing.

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