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26. Mai 2018
WM-Spiele am Handy
26. Mai 2018

Die neueste Ausgabe Nr. 132 des ballesterer hat das Thema „WM in Russland“ und bietet konzentrierte Information über das Großereignis inklusive einem Reiseführer und einem tollen Spielplan im A2-Format.

Als bereits langjähriger Abonnent des ballesterer werde ich zu den Podiumsdiskussionen in der Hauptbibliothek am Urban-Loritz-Platz mit einem Newsletter eingeladen. Diese Veranstaltung wurde von ORF Sport + live übertragen und ist noch bis Dienstag in der TvThek verfügbar (siehe Links).

Georg Spitaler – ballestererfm, Politologe, Historiker diskutierte mit

  • Felix Jaitner (Politologe, Universität Wien)
  • Evgenij Milevskij (ehemaliger Fußballprofi u.a. Spartak Moskau, Austria Wien. Managing Director Russia, Ukraine & Baltic States bei Soravia Real Estate Ltd.)
  • Ingo Petz (Autor, Journalist und Russlandexperte, Fan-Projekt fankurve-ost.de, Berlin)
  • Alfred Tatar (ehemaliger Fußballspieler und –trainer, u.a. Co-Trainer bei Lokomotive Moskau und Amkar Perm, Experte bei Sky-Sport-Austria)
  • Hans Peter Trost (ORF Sportchef)

darüber, was von der Fußball-WM 2018 in Russland zu erwarten ist.

Nun, ich habe mir nicht alle Details der interessanten Diskussion gemerkt. Für einen gelegentlichen Zuschauer mag das Spiel am grünen Rasen den Eindruck erwecken, als wären die Randbedingungen für alle Teams gleich. Die Diskussion hat aber gezeigt, dass die Art, wie Fußball gespielt wird und die Chancen, die ein Team dabei hat, von den Bedingungen des jeweiligen Landes abhängig ist. Länder mit wenigen Legionären zeigen den Fußball ihres Landes mehr als Länder mit einem hohen Anteil an Spielern im Ausland. Typische Länder mit einem sehr geringen Legionärsanteil sind Russland und England. In beiden Ländern verdient man in der obersten Spielklasse sehr gut, daher gibt es eine geringe Motivation, ins Ausland zu wechseln.

Anders ist es im klassischen Fußballland Brasilien. Wer etwa erwartet, dass Brasilien typisch brasilianischen Fußball demonstrieren wird, wird enttäuscht sein, denn die wichtigsten Spieler dieses Teams wurden in Europa zu den Stars, die sie jetzt sind und haben diesen europäischen Fußball-Stil übernommen.

Der russische Fußball kann nicht verstanden werden ohne seine Vergangenheit in der Sowjetunion, nicht ohne die Zeit nach der Wende 1989, nicht ohne die Oligarchen, den Ölreichtum der Nuller-Jahre und den Rückgang der Einnahmen durch der Ölpreisverfall, aber auch nicht ohne die riesigen Räume des Landes und die klimatischen Bedingungen mitzudenken.

Fußball ist in Russland Volkssport aber erst die Nummer zwei, nach dem Eishockey. Was in allen Nachfolgestaaten der Sowjetunion und wahrscheinlich auch des Ostblocks fehlt, ist eine Gesellschaft, die Dinge wie die Organisation von Fußball (und natürlich auch vieler anderer Belange des täglichen Lebens) selbst übernimmt. Ingo Petz aus Berlin berichtete über Projekte, die russische Fußballenthusiasten nach Deutschland bringen, um dort zu lernen, wie in Westeuropa Fußball gelebt wird, sowohl auf Vereinsebene als auch auf der Ebene der Fans. Mich hat das etwas an den Film der Ultras Nürnberg Großer Bruder erinnert, der einen solchen Lernprozess auf der Ebene der Fankuven dokumentiert.

Die finanzielle Grundausstattung der höchsten Spielklasse wird durch Geldgeber sicher gestellt, allerdings gilt das nicht unbedingt für die darunter liegenden Ligen und dort gäbe es noch großen Aufholbedarf.

Was in Russland nur im Ballungsraum Moskau funktioniert, sind Fans, die mit ihrer Mannschaft mitreisen; dazu sind die Entfernungen einfach zu groß. Es bedeutet auch, dass der Osten Russlands um Wladiwostok mit mehr als 7 Stunden Flugzeit vom Ligabetrieb ausgeschlossen ist und dortige Spieler – sofern sie sich als Fußballprofis betätigen wollen – als Legionäre im eigenen Land ins europäische Russland übersiedeln müssen.

Die Besucherzahlen reichen nicht an die der großen westeuropäischen Ligen heran, und (rechts-)radikale Gruppen von Hooligans machen sich unter den Besuchern unangenehm bemerkbar. Man ist sich aber bei den Diskutanten einig, dass die Veranstaltung sicher ablaufen wird, weil die Behörden diese Gruppen von den Stadien fernhalten wird.

Etwas ins ideologische Abseits hat sich Alfred Tatar gestellt, als er die „Parteienlandschaft“ in Russland als den nach seiner Meinung „fragwürdigen westlichen Demokratien“ gleichwertig gegenüber gestellt hat. Was aber seine sonstigen sehr fachkundigen Kommentare zum Fußball in Russland nicht abwerten soll, war er doch selbst Trainer in Russland und hat dadurch eine andere Sichtweise auf dieses uns eher fremde und ferne Land.

Hans Peter Trost beruhigte die Fragesteller, dass die bisherigen Vorarbeiten des ORF in den Spielorten in keiner Weise durch bürokratische oder polizeiliche Tätigkeiten behindert wurde. Er erwartet daher, dass die WM reibungslos über die Bühne gehen werde.

Den Optimismus von Evgenij Milevskij, dass Russland die Gruppenphase und das Achtelfinale überstehen werde, teilten die anderen Diskussionsteilnehmer nicht, man ortet eher einen Rückstand der Russen hinsichtlich der Ausbildung.

Natürlich hatte die Diskussion auch noch viele weitere Facetten, die ich Euch bitte in der TvThek oder im Audio-Mitschnitt (siehe Link EwkiL:Bilder) nachzuhören. Die nächste Podiumsdiskussion wird im Herbst stattfinden. Der Termin wird im EwkiL:Kalender zu finden sein. Es erwartet Euch eine Fußball-Diskussion auf hohem Niveau und ein Freigetränk, gespendet von der Hauptbibliothek – und viele Gleichgesinnte.

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