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Kritik ja, aber Kündigung?

Wir kritisierten seine Aufstellungen immer wieder, aber kündigen? Dazu gab es keinen Grund. Immerhin zeigte Marcel Koller in den letzten Spielen auch, dass er doch auch Spieler der heimischen Liga ins Team-Boot holen kann; und es wurde ihm (und uns) sogar durch Tore gedankt.

Mitgliederversammlung am 20.5.2019 mit:
Präsident Michael Krammer, Geschäftsführer Christoph Peschek und Präsidiumsmitglied Josef Kamper
Nur für Mitglieder!

Dass die Ergebnisse im Ausnahme-Jahr 2015 außergewöhnlich gut waren, liegt am einfachen Umstand, dass knappe Spiele auch zufällig gewonnen werden können – umgekehrt natürlich auch. Und in beiden Fällen können die sonstigen Randbedingungen durchaus dieselben sein. Es ist am Ende egal, ob ein Sieg „verdient“ war oder eben nur ein Zufall, der auch anders hätte enden können, das ist egal, die Erfolge beflügeln und manchmal machen sie auch überheblich, alles das wurde in Marcels Ära durchlebt.

Vergleich der Trainer seit Erich Hof

Die Ära Marcel Koller war ein Highlight in der wechselvollen Geschichte des österreichischen Fußballs.

Der jährliche Erfolgsverlauf (mittlere Punktezahl pro Jahr) seit Erich Hof zeigt zwei herausragende Jahre: 1996 mit Herbert Prohaska und 2015 mit Marcel Koller.

Spiele von Marcel Koller

Etwa 37 Trainer zählen wir seit dem 12.10.1902, dem ersten Länderspiel der österreichischen Nationalmannschaft. Und Marcel Koller war nicht irgendeiner aus dieser Reihe. Nur Hugo Meisl (132 Spiele, 1913-1937) und Josef Hickersberger (56 Spiele, 1988-2008 aber 2 Perioden) können auf mehr Spiele für Österreich zurückblicken. Marcel Koller coachte 54 Spiele von 15.11.2011 bis 9.10.2017.

[Die 32 „trainerlosen“ Spiele in der 8. Zeile betreffen die Zeit bis 1918, in der die Aufzeichnungen des ÖFB lückenhaft sind.]

Erfolg

Gezeigt werden die erspielten Punkte, blau, aber nur bei Trainern Trainer mit mehr als 25 Spielen. Die grünen Balken zeigen eine positive, die roten eine negative Tordifferenz.

Das Team erspielte in diesen Spielen 1,63 Punkte pro Spiel (Fehler in der Grafik) und das ist ein Spitzenwert. Nur Herbert Prohaska (1,65) und Hugo Meisl (1,82) hatten größeren Erfolg. Helmut Senekowitsch mit 1,77 Punkten würde ich wegen der geringen Zahle von Spielen eher nicht in die Wertung aufnehmen. Die letzte Spalte zeigt die mittlere Tordifferenz pro Spiel. Hier sieht man, dass in den frühen Jahren eine größere Überlegenheit gegeben war.

Kündigung per Zufall

Mich erinnert die Kündigung von Marcel Koller an jene von Zoki Barisic. In beiden Fällen ist ein wirklicher Grund nicht ersichtlich. Man orientierte sich an einem punktuellen Höhenflug, den man nicht dankbar angenommen hat, sondern dessen Wiederholung man vorausgesetzt hat.

Die Herren Entscheider verwechselten den Einzelfall mit dem Mittelwert; so wie wir Zuschauer, wenn wir verlorenen Punkten nachtrauern und uns nicht über den erreichten Tabellenplatz (den Erfolgs-Mittelwert) freuen. Der Mittelwert ist ein Größe, die dann ins Spiel kommt, wenn der Zufall Regie führt. Und das ist im Fußball immer der Fall. Was allein wir steuern können, ist die Gewinn-Wahrscheinlichkeit und das sind alle unsere Investitionen in das Team. Ob es dann wirklich zum Sieg reicht, hängt von einer schier unglaublichen Anzahl von Zufällen ab, die in den entscheidenden Momenten sich zu unserem Vorteil ereignen müssen. Und mit jeder weiteren Verbesserung der Rahmenbedingungen steigt die Wahrscheinlichkeit für einen Sieg, aber nicht mehr.

Zufallserfolge, Zufallsmisserfolge

Wer erinnert sich nicht beim letzten Spiel gegen Moldawien an den energischen Rempler von Kevin Danso im Strafraum, der keine Folgen hatte. Es gibt sicher Schiedsrichter, die hier auf den Elfmeterpunkt gezeigt hätten. Und dass Louis Schaub zufällig an der richtigen Stelle stand und das erlösende 1:0 schoss, nennt die Presse einen „Torriecher“. Sie hätten dasselbe gesagt, wenn Marc Janko seine guten Kopfballchancen verwertet hätte, was aber nicht hatte sein sollen. Und er hat deshalb keineswegs schlecht gespielt. Es hat nur dieses bisschen Etwas gefehlt, das bei knappen Partien so entscheidend sein kann.

Warum war dieser Hugo Meisl so erfolgreich?

Schauen wir uns einmal seinen Erfolgslauf an: Er begann 1919 mit 1,0 Punkten und steigerte sich gleich danach 1920 auf 2,3 Punkte, einen seither nur mehr von ihm selbst 1932, von Marcel Koller 2016 mit 2,4 Punkten und Herbert Prohaska 1996 mit 2,7 Punkten übertroffenen Wert. Aber nach diesem ersten Höhenflug sank die erzielte Punktezahl auf 1,2 im Jahr 1923 ab. Aber niemand hat ihn deshalb gekündigt. Hugo Meisl setze seine Arbeit bis 1937 fort, immer auf hohem Niveau aber auch mit „Hängern“, wie etwa 1,0 Punkten im Jahr 1930 oder 0,8 Punkten im Jahr 1935.

[Wir sollten aber nicht unerwähnt lassen, dass Hugo Meisl seine größten Erfolge gegen die damals besten europäischen Mannschaften erzielt hat.]

Es gibt mit Sir Alex Ferguson auch ein zweites prominentes Beispiel für Kontinuität. 1986-2013, also 28 Jahre lang saß er auf der Bank von Manchester United.

Alle diese weniger glorreichen Jahre eines Hugo Meisl wären in der heutigen Zeit längst ein Kündigungsgrund. Damals, in den Anfängen des Fußballs aber nicht. Und der Lohn war eine Erfolgsgeschichte, an die auch Marcel Koller hätte anknüpfen können.

Den geringsten Erfolg hatte Marcel Koller 2016 mit 1,0 Punkten. Im Jahr 2017 waren es immerhin schon wieder 1,6 Punkte, dennoch musste er gehen. Das muss ihm sein Nachfolger erst einmal nachmachen.

Für mich war Marcel Koller der beste Trainer, den die österreichische Nationalmannschaft seit Herbert Prohaska hatte. Ganz abgesehen von den sehr freundschaftlichen Banden, die er zu seinen Spielern gepflegt hat und die sie ihm unisono zum Abschied bestätigt haben. Was geschieht, wenn man solche Bindungen zerstört, wissen wir als leidgeprüfte Rapidler sehr, sehr gut. Hoffentlich müssen wir diesen Leidensweg nicht mit der österreichischen Nationalmannschaft wiederholen.

Mit Marcel Kollers Kündigung haben wir eine einmalige Chance auf Kontinuität vertan.

Und wir danken Marcel Koller für die außergewöhnliche Zeit!

Alle Spiele mit Marcel Koller

Datum Ergebnis Heim Gegner
2011-11-15 1:2 A Ukraine
2012-02-29 3:1 H Finnland
2012-06-01 3:2 H Ukraine
2012-06-05 0:0 H Rumänien
2012-08-15 2:0 H Türkei
2012-09-11 1:2 H Deutschland
2012-10-12 0:0 A Kazachstan
2012-10-16 4:0 H Kazachstan
2012-11-14 0:3 H Elfenbeinküste
2013-02-06 1:2 A Wales
2013-03-22 6:0 H Färöer
2013-03-26 2:2 A Irland
2013-06-07 2:1 H Schweden
2013-08-14 0:2 H Griechenland
2013-09-06 0:3 A Deutschland
2013-09-10 1:0 H Irland
2013-10-11 1:2 A Schweden
2013-10-15 3:0 A Färöer
2013-11-19 1:0 H USA
2014-03-05 1:1 H Uruguay
2014-05-30 1:1 H Island
2014-06-03 2:1 A Tschechien
2014-09-09 1:1 H Schweden
2014-10-09 2:1 A Moldau
2014-10-12 1:0 H Montenegro
2014-11-15 1:0 H Russland
2014-11-18 1:2 H Brasilien
2015-03-27 5:0 A Liechtenstein
2015-03-31 1:1 H Bosnien
2015-06-14 1:0 A Russland
2015-09-05 1:0 H Moldawien
2015-09-08 4:1 A Schweden
2015-10-09 3:2 A Montenegro
2015-10-12 3:0 H Liechtenstein
2015-11-17 1:2 H Schweiz
2016-03-26 2:1 H Albanien
2016-03-29 1:2 H Türkei
2016-05-31 2:1 H Malta
2016-06-04 0:2 H Niederlande
2016-06-14 0:2 N Ungarn
2016-06-18 0:0 N Portugal
2016-06-22 1:2 N Island
2016-09-05 2:1 A Georgien
2016-10-06 2:2 H Wales
2016-10-09 2:3 A Serbien
2016-11-12 0:1 H Irland
2016-11-15 0:0 H Slowakei
2017-03-24 2:0 H Moldau
2017-03-28 1:1 H Finnland
2017-06-11 1:1 A Irland
2017-09-02 0:1 A Wales
2017-09-05 2:0 H Georgien
2017-10-06 3:2 H Serbien
2017-10-09 1:0 A Moldau

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