Milieubedingte Unmutsäußerung

Danke an Gregor, der sich diesen Sager gemerkt hat: „Milieubedingte Unmutsäußerug“*). Für mich ist es jetzt schon das „Rapid-Wort des Jahres“.

Als wir nach dem Mattersburg-Spiel etwas verzagt den Heimweg antraten, begegneten wir Freunden. Seit wir regelmäßig die Spiele von Rapid II besuchen, ist uns die Gruppe bekannt. Sie berichteten uns über ihr Schicksal, dass sie die nächsten Jahre vom Stadionbesuch ausgesperrt sind, weil sie beim Spiel Rapid II-Austria Amateure ein Wort Richtung Gegner geschrieen haben, das auf der „Watch-List“ der Hüter der öffentlichen Ordnung steht. Schon damals im Mai war mir der ganze Wirbel suspekt und ich hatte den Eindruck, als wäre die Führung von Rapid in einer Art Zugzwang und man müsse „ein Exempel“ statuieren, um zu zeigen, dass man „so etwas“ bei Rapid nicht duldet. Und immer, wenn das so nach „Exempel“ klingt, scheint es für die Betroffenen extrem unfair zu werden.

Nächste Mitgliederversammlung Ende August. Details werden hier bekanntgegeben. Auskunft 0677-1899 5070 (Franz)

Was mir damals im Mai positiv aufgefallen ist, dass Rapid – ganz im Gegensatz zur Uni – rasch gehandelt hat, scheint mir jetzt vielleicht ein bisschen voreilig gewesen zu sein.

Der Autor des Tagebuchs meint, frei vom Verdacht zu sein, nicht in Opposition zu Rassismen aller Art zu stehen. Umso mehr hat mich immer schon die Wortwahl der Fangruppen äußerst irritiert (siehe Bild). Ganz egal, ob es die des Block-West oder die der violetten Kontrahenten waren. Egal, ob es das „Rapid verrecke“ der einen oder das „Judenschweine“ der anderen Seite war. Aber noch irritierender fand ich, dass sich die Fanbetreuer der beiden Lager in der Vergangenheit mit diesem Thema nicht mehr auseinander gesetzt haben oder versucht hätten, entgegen zu wirken. Diese Form der Fanarbeit ist ist sicher nicht leicht, denn diese Sprüche werden auf den Tribünen seit Jahrzehnten tradiert und ohne irgendwelche Skrupel oder Bedenken angewendet. Die jeweils jüngere Generation übernimmt diese Ausdrucksweise von der jeweils älteren.

Aber im Schutz der großen Masse sind dieser Ausdrucksmittel, auch wenn sie antisemitisch erscheinen und daher eigentlich von Strafe bedroht sind, ohne Gefahr einer Sanktion verwendbar. Es wäre für die Bundesliga ein Leichtes gewesen, zusätzlich zu den Pyro-Strafen auch solche für die Ausdrucksweise zu verhängen. Aber weder die Vereine, noch die Bundesliga taten Ähnliches. (In Deutschland ist das bereits durchaus in Anwendung. Das Tagebuch berichtete darüber.)

Nach meiner Beobachtung sind die, die diese Sprüche verwenden, ebenso zu kritisieren wie jene, die nichts dagegen unternehmen, obwohl sie das sollten.

Aber wie so oft in der Justiz, sitzt nur der letzte in der Liste der Schuldigen auf der Anklagebank und die anderen „Mittäter durch Tolerieren“ und das „Biotop, in dem diese Sprüche gedeihen“ sind „aus dem Schneider“. Diese Letzten in der Reihe waren eine kleine Gruppe außergewöhnlich treuer Begleiter von Rapid und Rapid II. Sie sind gut organisiert, haben eigene Fanbekleidung und sind uns nie auf eine Art aufgefallen, die man ihnen nunmehr vorwirft. Ich will damit nicht sagen, dass diese Rufe nicht aus ihrer Ecke gekommen wäre, das bestreitet niemand. Aber ich versichere, dass das nicht erfolgt ist, weil sie rassistische Ansichten hätten, es sei denn, man würde die eher feindliche Fernbeziehung zwischen grün-weiß und violett als „Rassismus“ bezeichnen; dann natürlich ja. Egal, was gesagt wird, „rassistisch“ oder „antisemitisch“ ist es nur, wenn es in diesem Sinne verwendet wird und wenn der Betreffende auch diese Geisteshaltung vertritt. In unserem Stadion sind aber diese (normalerweise) Unworte Teil eines „Breviers“, das jeder im Block beherrscht.

Wir bemerken an dieser Stelle, dass die Diktion in allen Stadien der Welt nichts anderes als ein Abbild für rassistisches Verhalten ist. Wie wir alle wissen, gibt es „nette Leit“, ganz unabhängig davon, welche Religion, Hautfarbe und Lebensform sie haben; und damit meine ich jede Form von Weltbild bis zum farbigen im Fußball. Wenn wir also Bekannte und Freunde der „andersfarbigen Fußball-Fakultät“ haben, dann ist das genau unsere Situation. Im Rahmen eines Spiels werden wir zu Rassisten. Dieselben Menschen, denen wir ansonsten kameradschaftlich begegnen, werden am Fußballplatz auf das Allergröbste beschimpft. Und nach dem Spiel? …ist alles vorbei und vergessen, man geht wieder zum Tagewerk über und schimpft bestenfalls über den Schiedsrichter und – sagen wir – über Kayode; und die Gegenseite über Steffen. Steffen hat es einmal so ausgedrückt: „Wenn sie mich einmal nicht mehr beschimpfen, dann weiß ich, dass ich abtreten muss.“ Es ist geradezu eine Ehre, vom jeweiligen Gegner als gefährlicher Spieler durchaus auch derb behandelt zu werden.

Daher: Das Fußballstadion ist ein Ort eines tolerierten, temporären, ja geradezu gewünschten Rassismus, ein Ort, an dem man eine andere Idee pauschal verurteilen kann, ohne eben dafür als Rassist bezeichnet zu werden.

Das gilt in in der Masse eines 20.000er-Stadions. Aber das gilt nicht mehr so ganz auf einem Platz, auf dem sich 100 Menschen aufhalten wie eben damals auf West 1, denn dort ist man nicht Teil einer anonymen Masse, dort hört man jedes Wort und es wird dort im Allgemeinen auch nicht in Sprechchören für eine Mannschaft geschrien, denn es wirkt dort – bei bester Absicht der Akteure – nicht ausreichend authentisch. Es wirkt fast ein bisschen künstlich.

Eine kleine Gruppe von Rapid-Enthusiasten ist im Rapid-Stadion fußballerisch sozialisiert worden und das Brevier, aus dem an einem Derby-Tag auszugsweise im Chor vorgelesen wird, ist ihnen wohl vertraut. Diese kleine Gruppe suchte und fand eine Marktlücke und war bei vielen Spielen von Rapid II, zu Hause und auswärts mit von der Partie. Während sie im großen Haus nur Teil des großen Block-West waren, konnten sie bei Rapid II die Hauptrolle spielen.

Es ist schwierig, einen ganzen Fanblock vor Gericht zu zerren (so ganz stimmt das nicht, denn mit dem – für die Justiz – sehr praktischen Landfriedensbruch-Paragrafen wurde Richtern mit einem mittelalterlich anmutenden Gesetz ein neues Betätigungsfeld verschafft, wie wir aus der jüngeren Fangeschichte wissen). In der Stille von West 1, bei dem sich nur so Stimmungskanonen wie ein paar „Muppets“ und der Autor herumtreiben, hört man jedes Wort, speziell auf den Aufnahmen von den an diesem Tag zahlreich mitgeführten Kameras. Mir würden ja schon viel weniger schwerwiegende Sätze zum Einschreiten genügen, aber irgendwann, bei einer sehr hitzigen Szene am Ende des Spiels, angesichts der bevorstehenden Niederlage, wurden alle Register des „Derby-Breviers“ gezogen und dann fiel auch dieser inkriminierte „antisemitische“ Sager.

Was ich mit dieser Schilderung sagen will: diese vier sind keine auch nur ansatzweise „Antisemiten“ wie das dann in den Zeitungen zu lesen stand; sie verwendeten ein Vokabular, das im Block seit Jahrzehnten in Verwendung ist und das jeder im Block kennt und aus gegebenem Anlass (beim Derby) und sonst niemals verwendet.

Wenn die Verwendung dieser Sprachvariante tatsächlich ein Tatbestand ist, dann hätten verantwortliche Funktionäre in den letzten Jahrzehnten bis heute irgendwas dagegen unternehmen müssen und sich nicht an vier Fans abputzen sollen, die hier stellvertretend für eine große Masse „Gleichgesinnter“ stehen. Aber „gleichgesinnt“ nicht im Sinne von irgendwie „ewiggestrig“ sondern im Sinne einer Terminologie, die auf Fußballplätzen allgemein und in Wien ganz besonders geradezu zum „guten Ton“ gehört.

Rapid hat der Gruppe ein Jahr Stadionverbot auferlegt, der ÖFB noch zwei weitere dazu (und noch dazu ersteckt sich dieses Verbot auch auf untere Ligen).

Besonders unappetitlich scheint mir der Umstand, dass es unsere „Freunde“ aus Favoriten waren, die die Anzeige erstattet haben und die das Filmmaterial zur Verfügung gestellt haben. Unappetitlich deshalb, weil ihr Anhang nicht müde wird, mit demselben Jargon Jahr für Jahr in Hütteldorf zu aufzutreten. Ein Vers aus dem „Brevier“, der einem sofort einfällt und der da lautet „…Stolz der Polizei…“.

Rapid leistet sich für solche Fragen eine Ethik-Kommission. Man kann es nicht besser formulieren als es Michi Hatz, als Sprecher dieser Kommission bei der Mitgliederversammlung am 19. Juni vorgetragen hat: „Es muss eine milieubedingte Unmutsäußerung erlaubt sein!“ Und wir können doch wohl annehmen, dass diese Erkenntnis der Ethikkommission auch die Meinung des Vorstands ist.

Die Frage ist halt, ob „Judenschweine“ in dieser „Unmutsäußerung“ enthalten ist. Müsste es nicht möglich sein, ein Wort im Kontext des Stadions in einer dann anderen Bedeutung verwenden zu dürfen? Hätte nicht angesichts der Erkenntnis der Ethik-Kommission von Rapid, das Urteil über unsere Freunde doch etwas anders aussehen müssen?

Und wie wäre es, wenn sich die Vereine und Verbände vor den Verurteilungen zuerst einmal fragen würden, warum man diese Ausdrucksweise nicht schon viel früher und in aller Deutlichkeit versucht hat, den Fangruppen „abzugewöhnen“? Denn es handelt sich um einen jahrzehntelang geduldeten Jargon.

Die Gruppe kann einen Teil des Stadionverbots durch einschlägige Kurse verkürzen, was sehr zu begrüßen ist. Vielleicht ist es schon eine Art Einsicht, dass man mit einem dreijährigen Ausschluss ein „bisschen“ übertrieben hat. Erwartet man etwa, dass diese vier danach Geläuterten als Prediger im Block-West eine Frohbotschaft verkünden? Ich meine fast, dass man solche Kurse im ganzen Block ansetzen müsste. Man könnte auch an die an anderer Stelle durchaus vorhandene Phantasie appellieren, Sprüche zu erfinden, die den Rahmen der „milieubedingten Unmutsäußerung“ nicht verlassen.

Ein Slogan hat es mir in diesem Zusammenhang angetan: „Diffidati“ = „Ausgesperrte mit uns“, dem ich mich vollinhaltlich anschließe und an die Verantwortlichen appelliere, die Worte von Michi Hatz bei den Entscheidungen mitzudenken.

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*) Anmerkung (2017-08-28)

Der ursprüngliche Ausdruck „Milieubedingte Schimpfkultur“ wurde mehrfach von Lesern als unrichtig wiedergegeben gemeldet und daher wurde er auch durch „Milieubedingte Unmutsäußerung“ ersetzt.

Dazu muss man wissen, dass diese Wortschöpfung auf Mag. Nikolaus Rosenauer (Vizepräsident und Mitglied des Ethik-Komitees) zurückgeht und ein weiteres prominentes Mitglied dieses Gremiums diesen Begriff korrigiert sehen wollte, was hiermit geschehen ist.

Insbesondere bedanke ich mich für seine sehr ausführliche Charakterisierung des Phänomens „Block-West“, die meine eigenen Beobachtungen teilweise bestätigt, teilweise aber auch korrigiert haben. Ganz wesentlich ist seine Botschaft vom „heterogenen Block“, der politischen Einfluss und extreme Positionen zu verhindern weiß. Wahrscheinlich begünstigt diese Haltung auch der den starken Zustrom neuer Anhängerschichten.

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4 Kommentare
  1. René
    René sagte:

    Die Frage, was in einer demokratischen Gesellschaft, die der Meinungsfreiheit verpflichtet ist, gesagt werden darf und was nicht, wird laufend. nicht nur entlang des Zeitgeistes (und hier wenn Du so willst in Milieus) diskutiert, sondern auch auf Basis von Kultur und Geschichte. So ergeben sich teils beträchtliche Unterschiede zwischen Österreich und anderen Ländern, etwa den USA, speziell im Bezug auf Religion und Nazi-Gedankengut. Allgemein geht es vor allem um die Frage, was ist freie Meinungsäußerung und was Hetzte/Verhetzung. Soweit so gut.
    Ich geniere mich im Block immer, wenn es -zum Glück nur noch bei FAK und Sturm- zu homophoben Gesängen kommt und hoffe, das wir das irgendwann überwinden werden und die Kurve auch offiziell (nicht nur real) eine bunte ist.
    Ich singe/brülle auch nicht mit, wenn „Tod und H…“ hinübergeschickt wird, weil ich es für deppat halte.
    Aber, aufgrund unserer Geschichte, unserer Mitverantwortung am Naziterror und an damit an einer der furchtbarsten Verbrechensorgie die die Welt je gesehen hat, sind wir verpflichtet hier besonders vorsichtig zu sein, wenn es um Nazirhetorik, -symbolik etc geht. Faschismus muss von allen demokratischen, freiheitslibenden Menschen immer und überall bekämpft werden. So etwas darf nie wieder geschehen.
    Deine Ausrede des Stadions bzw der Fankultur als besonderes Milieu, um Nazirethorik (in dem Fall Antisemitismus) zu verharmlosen halte ich für besonders gefährlich (viele emotionalisierte Menschen die ohnehin schon im Freund-Feind-Schema denken, viele junge Fans uvm.)!

    Zusammengefasst meine ich: Pyrotechnik ist kein Verbrechen, Antisemitismus sehrwohl.

    Wie reagiert der SK Rapid richtig? Das ist natürlich schwer.
    Vorschlag: Ein halbes Jahr SV unbedingt + Seminare/Workshops zum Thema Rassismus, Toleranz etc und ein geführter Besuch im KZ Mauthausen (für Wiederholungstäter Auschwitz-Birkenau), die absolviert werden müssen, um wieder reinzukommen hielte ich -ohne jetzt dramatisch lange darüber nachgedacht zu haben- für gut.

    PS: Die Frage ob Erwachsene wissen was sie schreien, wenn sie „Judenschweine“ schreien, ist wirklich nicht relevant.

  2. FranzF
    FranzF sagte:

    Die Reaktion von Rapid stimmt mit Deinen Vorschlägen ganz gut überein; die des ÖFB ist überzogen.
    Ich versichere Dir, dass diese Gruppe mit Antisemitismus überhaupt nichts am Hut hat.
    Man muss das einmal bei einem Bier besprechen. Ich habe da ein schönes Beispiel von einem Typ, der im BlockWest sprachlich sozialisiert wurde.
    Servus, Franz

Trackbacks & Pingbacks

  1. […] wissen wir spätestens seit der Mitgliederversammlung im Mai, dass die „Milieubedingte Schimpfkultur“ (mein Rapid-Wort des Jahres) von niemand geringerem als dem Rapid-Ethik-Komitee kreiert wurde und […]

  2. […] Doch ganz ohne Kritik gelingt mir das Lob nicht. Lange hab ich mit mir gerungen, ob ich das Thema anrühren soll oder nicht. Lieber Franz, ich teile viele Meinungen mit dir, aber nicht die, ob man Antisemitismus gegenüber tolerant sein soll oder nicht. […]

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