Was, wenn alles nur ein Zufall ist?

Sieben sieglose Spiele in Serie sollen Zufall sein? Das steckt sicher mehr dahinter, vielleicht sogar eine Verschwörung, oder?

Betrachtet man das folgende Bild, vermisst man jede Regelmäßigkeit. Kritzeleien oder Brown’sche Molekularbewegung? Chaos pur! Was ist es?

Nächste Mitgliederversammlung 26.August. Eingeladen wurde die sportliche Führung Didi, Jürgen und Zoki. Auskunft 0677-1899 5070 (Franz)

Bevor wir ins Detail gehen, hier zwei sehr grundlegende Experimente aus der Psychologie:

Menschen verstehen Zufall nicht

Wenn man jemanden die Aufgabe gibt, 100 zufällige Zahlen in einem bestimmten Bereich, etwa von 1..10 oder auch nur 100 Ergebnisse eines Münzwurfs 0..1 zu notieren, dann ist das vordergründig eine einfache Sache und das Problem scheinbar in wenigen Minuten gelöst.

Lässt man aber dasselbe durch einen wirklichen Zufallsprozess erledigen, ist man verblüfft, dass dessen Zahlen ganz anders ausschauen als die von der menschlichen Versuchsperson.

Zum Beispiel scheut sich der Mensch anzunehmen, dass es zufällig wäre, wenn mehrmals hintereinander derselbe Zahlenwert oder beim Münzwurf mehrfach hintereinander „Kopf“ kommt. Der Mensch vermutet hinter Zufall immer etwas wie Abwechslung. Des Menschen Problem ist sein Gedächtnis. Mensch meint, dass die zufällige Wahl der Zahl sechs zur Folge hat, dass diese Zahl beim nächsten Versuch nicht mehr infrage kommt und er nennt danach (zum Beispiel) 9, aber nicht 7 (weil es zu nah an 6 ist) oder 3 (weil 3 die Hälfte von 6 ist und daher zu „verwandt“).

Zufall kennt solche Vorurteile nicht. Ein (echter) Zufallsprozess kennt keinen Zusammenhang zwischen aufeinanderfolgenden Münzwürfen oder zwei aufeinanderfolgenden Ziehungen im Lotto.

Kurz: Mensch weiß nicht intuitiv, was Zufall ist.

Das hat übrigens auch Konsequenzen bei der Auswahl der Pin-Nummer beim Bankomaten. Erinnere Dich an Deine Nummer und eventuell auch an Deine früheren Nummern. Es war sicher keine 3333 oder etwa ähnlich Regelmäßiges dabei. Für einen Zufallsprozess ist aber die Zahl 3333 genau so „schön“ wie 1438. Banken vermeiden Pin-Nummer mit sich wiederholenden Zahlen und bieten sie uns gleich gar nicht an.

Für die Zahl ist das ziemlich ungerecht.

Aber beim Ausprobieren von Pinnummer beginnt ein Angreifer mit der Vermutung, dass man ein dieser „schönen“ Kombinationen gewählt hätte, die man sich einfach merken kann. Der Angreifer nimmt also intuitiv an, dass Menschen dazu neigen, regelmäßige Pinnummern oder Passwörter zu verwenden.

Mensch vermutet immer Zusammenhänge

…auch wo keine sind.

Das zugehörige Experiment könnte man an jedem einarmigen Banditen nachstellen. Auf einem Bildschirm erscheinen Zahlen. Der Proband bekommt zwei Taster und er soll durch Betätigung der Taster herausfinden, was er machen muss, dass die Zahlen am Bildschirm einen möglichst hohen Wert haben. Das Ergebnis: alle Testpersonen ermitteln einen Algorithmus, also etwa zwei Mal links und ein Mal rechts klicken; oder linke Taste gedrückt halten und dazu zwei Mal rechts klicken usw.

Das Verblüffende: Es gibt keinerlei Verbindung zwischen den Tastern und dem Bildschirm. Aber dennoch meinen die Testpersonen, einen Zusammenhang gefunden zu haben.

Nun, man hat die Testpersonen mit dem klaren Auftrag in die Irre geleitet aber ist es dennoch nicht sonderbar? Man könnte einwenden, dass es eben an diesem kleinen Schwindel gelegen habe, dass es dazu kommt.

Das ist aber nicht so, denn das Experiment funktioniert auch mit Tauben und zwar ganz ohne besondere Anweisung. Es gibt eine Futteranordnung bestehend aus einem zufällig Futter ausstreuendem Automaten und einigen belanglosen Utensilien, sagen wir ein Glöckchen oder einen Spiegel. Vor dieses Szenario setzt man die Taube und deckt die Versuchsanordnung ab, damit man nicht auf die Idee kommt, der Mensch mische sich ein.

Wenn man nach einiger Zeit das Tuch wegnimmt, sieht man eine Taube, die ganz regelmäßig irgendwelche Handlungen immer und immer wieder ausführt. Jede Taube vollführt andere Kunststücke und meint damit herausgefunden zu haben, wann der Automat Futter ausspuckt.

Aber wie schon vorher beim Menschen, gibt es keinen Zusammenhang. Die Taube hat ein Ritual „erfunden“ mit dem sie meint, den Automaten zur Herausgabe von Futter zu bewegen.

Was bedeutet das für den Fußball?

Denken wir uns einmal weg, dass wir alle diese letzten sieben Spiele mit eigenen Augen gesehen haben und schauen wir nur auf das Ergebnis. Es ist kein Sieg dabei aber vier Niederlagen und drei Unentschieden. Aus der Sicht eines zufälligen Münzwurfs mit einer dreiseitigen Münze ist das überhaupt keine Besonderheit. Das kann schon einmal passieren.

Aber Rapid ist doch eine so tolle Mannschaft und investiert so viel!

Ja, aber mit all diesen Dingen erhöhen wir nur Wahrscheinlichkeiten, bekommen aber keine Sicherheit.

Fragt einmal die immer schon viel besser gewesenen Legenden, wie das damals war, damals vor 60 Jahren. Sie erzählten übereinstimmend, dass man damals alles gewonnen hätte, dann ergänzen sie „fast“. Es ist so, als würden die Großeltern „von der guten alten Zeit“ erzählen. Auf die naive Frage, warum man denn dann nicht jedes Jahr Meister geworden ist, wissen sie dann auch keine Antwort. Der Grund sind eben diese verdammten Wahrscheinlichkeiten, die Gegner und der Umstand, dass es eben doch menschlich ist, dass es nicht jahrein jahraus immer gleich gut läuft, auch in der guten alten Zeit nicht. Aber der verklärte Blick zurück und die Erwartungshaltung der Zuschauer erheben die Vergangenheit auf ein nie dagewesenes Podest.

Dass also Rapid sieben Mal hintereinander nicht gewonnen hat (und es kann durchaus noch mehr werden, der Zufall hätte nichts dagegen), das gab’s schon einmal in den 1970er Jahren und danach gab’s sieben Siege in Folge. Wahrscheinlich hat man sich damals dieselben Fragen gestellt aber gekündigt hat man den Trainer damals nicht. Gekündigt hat man Peter Schöttel, ob es richtig war, weiß niemand.

Der Mensch weigert sich, den Zufall anzuerkennen

Wenn wir ein Fußballspiel verfolgen, können wir jede Szene ganz genau beschreiben und wissen ganz genau, warum etwas passiert ist oder nicht passiert ist. Wir weisen Spielern Schuld zu, dass sie diesen oder jenen Fehlpass gegeben hätte, dem Trainer, warum er diesen oder jenen Spieler nicht getauscht hätte.

Trainer und Spieler arbeiten zwischen den Spielen hart und daher ist es wenig verwunderlich, wenn sowohl Damir Canadi als auch Fredy Bickel bei verschiedenen Interviews geneigt sind, Zufälligkeiten nicht gelten zu lassen. Zu sehr sind sie mit ihrem Handwerk verwachsen, als dass sie akzeptieren könnten, dass es nicht sie sind, die über Sieg und Niederlage entscheiden. Sie können immer nur Wahrscheinlichkeiten erhöhen aber niemand kann verhindern, dass das Tor manchmal doch zu wenig breit und zu wenig hoch ist.

Kleine Ursachen, große Wirkungen

Doch, bei einem – sehr weisen – Interview bat Fredy Bickel die Zuhörer doch nur theoretisch anzunehmen, was passiert wäre, wenn die Nachspielzeit beim ersten Spiel im heutigen Jahr, dem Derby, nur vier statt fünf Minuten gewesen wäre. Nicht, dass jemand von uns weiß, wie sich die Saison danach im Einzelfall entwickelt hätte, aber die Anwesenden beim Stammtisch waren sich ziemlich einig, dass alles ganz anders gelaufen wäre und wir heute mit ganz anderem Selbstvertrauen in die Spiele gegen St.Pölten gehen könnten.

Wir sind damit schon wieder einmal bei der Chaostheorie angelangt. „Kleine Ursachen, große Wirkungen“.

Fußball ist nicht ergodisch

Ergodizität bedeutet die Gleichheit von Zeit- und Scharmittelwert.

Jede Fußball-Saison wird in einer zeitlichen Folge gespielt. Es liegt in der Natur der Sache, dass wir die 36 Spiele einer Saison nicht gleichzeitig spielen können. Das hat wieder zu Folge, dass alle Randbedingungen jedes Spiels andere sind und es ist nicht immer Rapid, wenn auch „Rapid“ draufsteht. Dazu kommt, dass aufeinanderfolgende Spiele nie ganz unabhängig sind, was aber beim realen Zufall nicht so ist. Für den reinen Zufall gibt es das vorige Spiel nicht und jedes Spiel wäre von allen anderen unabhängig.

Nehmen wir an,…

…wir könnten eine Mannschaft klonen und hätten dann zwei völlig identische Teams. Jetzt ließen wir diese gleich starken Teams gegeneinander spielen. Was meint ihr, was das Ergebnis sein wird? Ein Unentschieden? Vielleicht zufällig, ja aber es wird sich von den sonstigen Spielergebnissen praktisch gar nicht unterscheiden lassen. Einer gewinnt, der andere verliert; manchmal gibts es ein Unentschieden.

Könnten wir eine Mannschaft neun Mal klonen und würden wir mit diesen identischen Mannschaften eine Meisterschaft spielen, dann hätten wir am Saisonende einen Meister und einen Absteiger und das, obwohl wir die Spieler geklont haben.

Mehr noch. Wenn wir zehn (nicht geklonte) Mannschaften nach ihrer Stärke reihen und dann eine Meisterschaft spielen lassen. Glaubt nicht, dass die stärkste Mannschaft in jeder Saison Meister wird. Das liegt am Zufall und der gleichzeitig geringen Anzahl von 36 Spielen, die jede Mannschaft absolviert, die natürlich nicht – wie wir schmerzhaft in den letzten Wochen erfahren mussten – immer so ausgehen, dass der Stärkere gewinnt.

Dass sich unser Trainer so gegen de Zufall stellt, ehrt ihn. Denn er sagt, dass es nur an seiner Arbeit läge, ob das Team gewinnt. Er kommt damit aber allmählich in einen Erklärungsnotstand und diese Zeilen sollen ihn unterstützen – ein bisschen wenigstens.

Ein Spiel dauert 90 Minuten, eine Saison 36 Runden.

Das genau sind die Gründe, warum wir es nicht zulassen können, dass sich der Zufall so richtig entfalten kann.

Hätten wir beliebig lange Zeit für ein Spiel oder für eine Saison, könnte uns eine zufällige Krise ganz egal sein, so, wie uns egal sein könnte, dass wir nach 90 Minuten hinten liegen oder dass Schiedsrichterentscheidungen zu unseren Ungunsten gefallen sind. Hätten wir länger Zeit, wir müssten uns keine Sorgen darüber machen, wer schließlich gewinnt. Rapid natürlich!

Die zeitlichen Beschränkungen des Spiels und der Saison bedeutet, dass wir nicht genug Zeit haben, um die Wirkung ambitionierter Konzepte abwarten zu können. Die Leistungskurve zeigt dramatisch nach unten und nur der Zufall kann Damir retten, so wie er ihn und uns da hineinmanövriert hat. Denn es kann durchaus sein, dass im Prinzip alles richtig gemacht wurde, es aber dennoch nicht zum unmittelbaren Erfolg kommt. Zufall kennt keine Gründe, denn sonst wäre es keiner.

Der Zufall im Detail

Beobachtet einmal, Mikroszenen in einem Fußballspiel. Wie es da oft durch Unvorhersagbares dazu kommt, dass sich eine Situation zum Vorteil des gegnerischen Teams entwickelt, obwohl die eigene Absicht eine ganz andere war. Niemand kann diese Dinge in einem Training vorwegnehmen, sie passieren einfach. Auch Berisha kann seinen Freistoß nur in einem kleinen Teil von Schussversuchen in dieser Präzision wiederholen.

Wir zufällig ist das Ergebnis eines Fußballspiels?

Sehr! Und das kommt daher, dass nur wenige Tore fallen. Gerade dieser Umstand stärkt die Möglichkeit, dass auch einmal das offensichtlich schwächere Team siegen kann. Würde man die Torquote (etwa durch eine Regeländerung) erhöhen, dann würden Fußballspiele weniger attraktiv werden. Zwar würden wir uns zunächst über mehr Tore freuen aber das erkaufen wir durch die höhere Vorhersagbarkeit und dadurch sinkt das Interesse am Spiel.

Wie kann das Ergebnis zufällig sein, wo doch so viel trainiert wird?

Man kann viele Manöver absolvieren und auch bei den Manövern gibt es „Tote“. Aber wir alle wissen, dass ein Manöver kein Krieg ist. So ist das auch beim Fußball. Man kann alles üben aber das tut der Gegner auch. Wie sich dann die Dinge im „Krieg des Fußballspiels“ entwickeln, kann nicht trainiert werden. Es kommt zu einem unglücklichen Elfer – wie in Graz – und wegen der geringen Torquote kann eine Mannschaft das nicht so ohne Weiteres wegstecken. Und schon siegt – wieder einmal – das eigentlich schwächere Team.

Wann fallen Tore?

Tore fallen zwischen dem Anpfiff und dem Schlusspfiff des Schiedsrichters. All zu viel mehr kann man dazu nicht sagen. Eine Kleinigkeit vielleicht doch: die Torhäufigkeit nimmt mit zunehmender Spielzeit stetig zu und ist tatsächlich am Ende des Spiel, also in der Rapid-Viertelstunde, am größten. Das haben die Zuschauer schon sehr früh instinktiv erkannt. Zum Leidwesen der treuen Rapidler muss man aber ergänzen, dass das natürlich nicht nur für Rapid gilt sondern für alle Fußballmannschaften. Nur hat Rapid in der Frühzeit der Fußballs einige Male in den Schlussminuten spektakulär gewonnen, dass man diese Eigenschaft von Fußballspielen mit Rapid in Verbindung gebracht hat.

Aus statistischer Sicht verhalten sich die Torzeitpunkte wie radioaktiver Zerfall; sie folgen einer Poisson-Verteilung. Das sagt uns überhaupt nichts über ein einzelnes Tor. Niemand kann das voraussagen, Und weil man es eben nicht kann – schließlich muss es ja gar nicht fallen – fällt man sich nach einem solchen fußballerischen Elementarereignis um den Hals, weil man instinktiv das Glück spürt, das uns allen in diesem Moment widerfahren ist. Und Spieler, die sich für dieses Ziel körperlich extrem einsetzen, zeigen uns das in den Freudenknäuel am Spielfeldrand, dass es genau so ist: es ist ein Glück.

Glück auf hohem Niveau

Wenn es also nur Glück ist, warum trainieren die Spieler?

Es ist nicht Glück im Sinne eines Münzwurfs für dessen Ausführung man keinerlei Qualifikation braucht. Um in einer Mannschaft stehen zu dürfen, bedarf es der Anstrengung ganzer Familien, einem Kind eine Fußballerausbildung zu ermöglichen, den bedingungslosen Einsatz, die Fitness und Cleverness und natürlich den sehr bedeutenden Umstand, vom Trainer aufgestellt zu werden. Erst dann darf man am Roulette-Tisch des Fußballs Platz nehmen und sein Glück in einem Torschuss versuchen. Und wie wir alle wissen, besteht ein Spiel in erster Linie aus Fehlern; aus zahllosen Versuchen, einen solchen Torschuss abzugeben. Und alle diese Versuche scheitern am Gegner, der man manchmal auch selbst ist. Und die Seltenheit, das Glück dieses fußballerischen Elementarereignisses ist das Wesen des Fußballs.

Tore, die man nicht schießt, kriegt man!

Wie wahr! Und warum ist das so? Das liegt an den Parametern der Poissonverteilung. Der Unterschied zweier Mannschaften liegt in ihrer Fähigkeit Tore zu schießen und anderseits Gegentore zu verhindern. Diese beiden Eigenschaften kann man als Wahrscheinlichkeiten aus dem Verlauf einer Saison ableiten. Nehmen wir an, dass eine Mannschaft eine Torquote von 2.0 hat und der Gegner nur die Hälfte, also 1.0. Das aufgrund dieser Zahlen erwartbare Ergebnis wäre ein 2:1 für das stärkere Team. Leider bedeuten diese Zahlen aber keine Sicherheiten sondern nur Wahrscheinlichkeiten und es heißt nicht, dass man in jedem Spiel zwei Tore schießt. Diese Zahl 2.0 ergibt sich nur aus der Beobachtung eines langen Zeitraums. Wenn eine durchaus starke Mannschaft mit der Torquote 2.0 eine Torflaute hat und eben während der aktuellen Spielzeit zufällig kein Tor erzielt, muss das ja für die andere Mannschaft nicht zutreffen und sie geht mit einem Sieg nach Hause.

Schießt man also selbst kein Tor, ändert das nichts daran, dass auch ein schwächerer Gegner seine Chancen vorfindet. Richtigerweise müsste der Spruch lauten: Jede Mannschaft hat Chancen, ein Tor zu erzielen; aber nur Chancen.

Warum sind Tore, Siege und Titel zufällig?

Die allereinfachste Antwort darauf ist: „weil man darauf wetten kann!“. Und wetten kann man nur auf Ereignisse, deren Ausgang unbekannt ist und Zufälligkeiten unterliegt, die nicht vorhersagbar sind.

Tore, Siege und Titel  sind nicht zufällig wie Spiele am Roulette, weil man einen enormen Aufwand betreiben muss, um überhaupt ein solches Spiel betreiben zu können. Das Niveau ist also hoch; extrem hoch sogar. Aber dort, auf diesem Nievau ist die Entscheidung zwischen Sieg und Niederlage extrem zufallsgesteuert.

Starke Mannschaften haben eine hohe Torquote als schwächere. Aber das gibt keine Gewissheit für den Sieger aus einer solchen Begegnung.

Verdientes Tor? Verdienter Sieg? Verdienter Titel?

Beobachten wir uns doch einmal selbst. Ist es nicht sonderbar, dass sich die ganze Welt gegen uns verschworen haben sollte und alle anderen davon profitieren? Ich will nicht bestreiten, dass es solche Effekte gibt, dass zum Beispiel Schiedsrichter aus vielleicht sogar unbewussten Gründen den jeweiligen Platzhirsch bevorzugen (Bayern Dusel). Aber als Sieger muss man auch das verkraftet haben. Und dass eine Mannschaft trotz dieser (vielleicht vermeintlichen) Benachteiligungen Meister wird, schließt nicht aus, dass der Zufall kräftig mitgemischt hat und man ein durchaus „unverdienter“ Meister ist. Aber wie uns das egal wäre, oder nicht?

An diesem Umstand bemerkt man sehr schön, dass man kein Problem damit hat, eine Benachteiligung anderer zu akzeptieren, die man selbst vorher für sich noch vehement abgelehnt hat.

Fußball, nichts als Zufall?

Natürlich gibt es beim Fußball zahllose trainierte, reproduzierbare Elemente, vom Doppelpass bis zu Standardsituationen. Und solange eine Mannschaft wenig Eigenfehler macht (Beispiel Bayern München), schaut das Spiel reproduzierbar aus, weil sich die ballsichere Mannschaft spielerisch vom Gegner fern halten kann.

Aber diese Ballsicherheit hat in der Nähe des gegnerischen Strafraums ihre Grenzen, weil sich dort die Räume verengen. Dann beginnt das Unvorhersagbare sein Werk.

Spielt nun Rapid gegen Untersiebenbrunn, dann ist der Leistungsunterschied so groß, dass es eine einseitige Angelegenheit sein wird. Wenig Zufall im Spiel, das Ergebnis ist in höchstem Maß voraussagbar. Das ist auch der Grund, warum zu einem Spiel Rapid-Untersiebenbrunn nicht viele Zuschauer kommen, denn man weiß, wie das Spiel endet; mit einem Sieg von Rapid. Nur die Anzahl der Tore ist eine kleine Unbekannte.

Bei etwa gleich starken Gegnern schaut die Sacher aber ganz anders aus. Beide sind bestens trainiert, haben einen Kader aus talentierten Spielern, wurden vom Trainerteam gut vorbereitet, das Stadion ist daher voll. Hier entfaltet der Zufall all seine Pracht. Hier spielt es eine wesentliche Rolle, wie der Schiedsrichter pfeift, jeder kleine Fehler kann zur Katastrophe führen, weil wir wissen, dass nur wenig Tore fallen.

Auf dem Niveau ähnlich starker Mannschaften herrscht also Zufall pur. Wenn wir die Austria als einen gleichrangigen Gegner akzeptieren, dann müssen wir nur mehrere Spiele aufeinander folgen lassen (das geht zwar real nicht, aber stellen wir uns das vor). Nur ganz selten wird sich ein Spiel im Ergebnis wiederholen. Jedes dieser aufeinanderfolgenden Spiele wird einen anderen Charakter haben und eine andere ganz eigene Dramatik. Und weil das eben so ist, herrscht hier der Zufall in allerhöchstem Maß, trotz allergrößter Professionalität.

Schuld im Fußball

Beobachtet die Bewertung von Spielern in den Zeitungen. Spitzenspiele enden oft nicht 4:0. Meist hat der Sieger mit nur einem Tor Vorsprung die Nase vorn. Aber er ist der Sieger. Das bewirkt in den Köpfen der Redakteure, das man diesen Sieg in ihrer Bewertung sehen muss und gleich haben alle Spieler bessere Noten. Wäre dieses eine Tor nicht gefallen aber das Spiel ansonsten völlig gleich, ergibt sich ein anderswie subjektives Bild; jedenfalls sind die Bewertungen gleich um einen Grad schlechter.

Dasselbe gilt für Meistermannschaften oder gar Weltmeister. Diese kollektive Leistung wird auf jeden einzelnen Spieler übertragen. „In dieser Mannschaft spielen vier Weltmeister!“, hörte man Kommentatoren sagen, als ob der Titel hier, in diesem konkreten Spiel irgendeine Auswirkung haben würde. Aber er färbt ab und er steigert des Wert der Spieler.

Fußball ist ein Fehlerspiel

In einem konkreten Spiel passieren eigentlich laufend Fehler. Fußball ist ein Fehlerspiel. Die unangenehmsten Fehler führen zu einem Gegentor, alle anderen dazu, dass das Publikum je nach Vorliebe für den einen oder anderen Spieler Schuldzuweisungen ausspricht.

Wird verloren, dann beginnt die Selbstzerfleischung, die alsbald vom Spieler auf den Trainer überspringt und danach nicht selten in der Führungsetage endet.

Wird gewonnen, wird jede Schuld vergessen und die Helden werden gefeiert. Aber die Fehler sind dieselben, sie habe nur nicht zu einer Niederlage geführt.

Fazit

Ja, es kann sein, dass alles, was wir erleben (besser erleiden) nichts als Zufall ist. Und es gilt dieses Fußballbonmot, das Sepp Herberger zugeschrieben wird:

„Warum geht man auf den Fußballplatz?“, „Weil man nicht weiß, wie es ausgeht!“

Die Teilnahme am fußballerischen Alltag lässt uns in die Zufallsfalle tappen.

  • dass wir Zufall einerseits als Grund nicht zulassen wollen, weil eine Serie eben einen Grund haben muss – meinen wir;
  • daraus ergibt sich die Diskussion über mögliche Ursachen und Maßnahmen, wo gar keine solchen vorhanden sind und nur der Zufall regiert.

Wir neigen zum Überinterpretieren von Beobachtungen. Wir vermuten, dass diese oder jene Handlung (der Spieler des Trainers) für eine Niederlage verantwortlich war und dass man das hätte mit besserem „Material“ abwenden können. Menschen können nicht akzeptieren, dass auch eine Negativserie zufällig sein kann.

Den Trainer-Effekt kann es geben. Wenn aber von vielen beobachteten Trainerwechseln einige diesen Effekt zeigen und einige nicht, dann bedeutet das noch lange nicht, dass man im Negativ-Fall den falschen Trainer geholt hat. Trainer sind auch nur Nutznießer eines zufälligen Siegs, so wie sie oft zu unrecht in einer Krise gekündigt werden.

Dass heißt nun nicht, dass man nichts tun muss, wenn eine fußballerische Krise am Nervenkostüm rüttelt, denn im Gegensatz zum Zufall haben wir nicht unendlich lang Zeit um auf die langfristige Gerechtigkeit zufälliger Erfolge zu warten.

Fußball ist wie das Leben; die Zeit zum Experimentieren ist endlich.

Schließlich sollten wir den Titel etwas ändern und sagen: „Tore, Siege und Titel sind Zufallsprozesse; aber auch hohem Niveau“,

Das Bild

Das Bild am Anfang stellt die Ballbewegung innerhalb von sechs Minuten nach dem Anstoß nach einem Tor und dem nächsten erfolgreichen Torschuss dar.Europameisterschaft 1996, England-Niederlande, entnommen aus dem Buch von John Wesson.

Die Feldherrn am Trainerhügel wollen System und Reproduzierbarkeit. Durch die Anwesenheit des Gegners regiert aber das Chaos.

Lektüre

  • Florian Aigner; Der Zufall, das Universum und Du; Brandstätter; 2016
  • Metin Tolan; Manchmal gewinnt der Bessere; Piper; 2011
  • John Wesson; Fußball, Wissenschaft mit Kick; Elsevier; 2006

 

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