Jahresabschlussfeier
21. Dezember 2016
Rapid und die Top 50
28. Dezember 2016

Der große Graben

Der Graben lauft oft quer durch Familien. Auf der einen Seite die Grün-Weißen, auf der anderen die Violetten. Es gibt aber auch einen Graben zwischen den Anhängern des Fußballsports und den Gegnern desselben. Das kann sich dann so äußern, dass die Gegner Fußball lächerlich machen, um den Anhängern die Sinnlosigkeit ihrer Leidenschaft vor Augen zu führen.

Mitgliederversammlung am 15.4.2019 mit:
Christoph Pelczar, Dejan Ljubicic, Stefan Schwab
Gäste sind willkommen, Voranmeldungen erbeten. Wenn Du als Nichtmitglied teilnehmen möchtest, rufe bitte 0677-1899 5070 (Franz).

So geschehen als unser Helmut uns in Facebook auf ein Video*) aufmerksam gemacht hat mit den Worten:

„Und dafür geht man auf den Fußballplatz?“

*) 14 Millionen Aufrufe, 211.000 Mal geteilt, Link: https://www.facebook.com/pronosoft.fr/videos/1223049301067213/

Es gibt zwischen uns immer wieder solche Sticheleien und die Frage, warum wir auf einen Fußballplatz gehen, habe ich mir immer schon gestellt und mir im Laufe der Jahre immer wieder eine etwas andere Antwort gegeben – je nach Wissensstand und je nach Blickwinkel. Schließlich kulminieren alle diese Antworten in einer einzigen Hypothese, die ich Euch anlässlich des kommenden Weihnachtsfests nicht vorenthalten möchte.

Meine kurze Antwort an Helmut war zunächst:

„Ja, dafür gehen wir dorthin. „

Die ausführlichere Antwort ist folgender Prozess:

Illusionen von Eltern

Dass wir auf den Fußballplatz gehen, ist ein langjähriger Lernprozess und lässt sich nicht auf eine rationale Entscheidung zurückführen. Anders, als in Familien, die „immer schon grün-weiß“ waren, ist das bei uns nicht der Fall und ich habe mir das auch nicht ausgesucht, sondern es ist uns einfach passiert – aber mit sehr positiven Auswirkungen.

Viele Eltern wollen sich in ihren Kindern verwirklichen und schicken sie in die verrücktesten Abenteuer, wie zum Beispiel Klavierspielen, Mathematik, Eislaufen, Tennis oder Fußball. Es geht ihnen oft weniger darum, dass es dem Kind gut tut, sich zu bewegen und sich zu bewähren; es geht oft mehr darum, dass das Kind etwas erreicht, das die Eltern nicht erreicht haben.

Wahrscheinlich haben alle Eltern eine solche Phase – und geben diese früher oder später – hoffentlich – auf. Ich erinnere mich an Zeiten, als ich mir für Florian verschiedene Lebenssituationen vorgestellt habe, in die er passen könnte. Es ging damals nicht um Fußball, es ging eher um die Berufswelt. Damals hatte ich keine Ahnung von Fußball; Fußball hatte für mich damals – berufsbedingt – einen eher negativen Beigeschmack, so etwa, wie das Helmut heute erlebt. Helmut hat genaue Vorstellungen davon, was Kindern gut tut und was nicht. Er meint, Fußball gehöre zu jenen Dingen, die ein Kind nicht brauche. Ich hatte damals viel weniger ausgeprägte Vorstellungen. Silvia und ich mussten mehr mit jenen Neigungen von Florian umgehen, die er angenommen hat und weniger mit jenen, die wir uns vorgestellt haben.

Wie alles begann

Alles begann mit Reptilien, unterstützt durch das Haus des Meeres in Wien und den Reptilienzoo Happ in Klagenfurt, angereichert durch diverse Saurier-Ausstellungen. 8 Jahre dauerte diese Phase, um danach abzuflauen. Wir waren manchmal drei Mal die Woche im Haus des Meeres und an vielen Regentagen in Kärnten im dortigen Reptilienzoo.

Dann kam die Formel-1-Phase. Sie dauerte – glücklicherweise – nicht lang und endete nach einem extrem heißen Wochenende am Hungaroring.

Danach folgte die Skisprung-Phase. Wir besuchten alle namhaften europäischen Sprungschanzen von Planica im Süden, über alle heimischen, einigen deutschen bis hinauf zum Holmenkollen, besuchten im Winter Innsbruck und Bischofshofen. Aber auch das ging vorbei.

Da Schispringen eine reine Winterangelegenheit ist, wurde es in den Sommermonaten durch das Verfolgen von Fußballspielen am Fernseher angereichert. Die erfolgreiche Zeit von Sturm Graz ist mir in Erinnerung. Der damals etwa 11-jährige Florian begann, seine ganze Aufmerksamkeit dem Fußball zu widmen. Keine Schularbeit konnte so wichtig sein, als dass man am Frühstückstisch nicht über Fußball gesprochen hätte; alles drehte sich um Fußball. Man konnte mit Florian etwas lernen, aber kaum ließ die Aufmerksamkeit der Eltern etwas nach, verlagerte sich das Gesprächsthema wieder zum Thema Nummer 1, dem Fußball.

Man kann das als Eltern natürlich ignorieren, aber man kann „den Ball“ auch annehmen. Wir haben den Ball angenommen. Reptilien, Formel-1 und Schispringen wurden zu Nebenschauplätzen. Alle Freizeit-Aktivitäten wurden so ausgerichtet, dass ein Fußballplatz dabei eine Rolle gespielt hat. Sei es passiv, dass man sich diese Anlagen angeschaut hat, oder auch aktiv, dass man dann Bundesliga-Spiele besucht hat. Wir besuchten alle Stadien der Bundesliga und bauten Besuche eines Fußballspiels als Highlight in unsere Fahrten mit ein. Salzburg, Klagenfurt, Innsbruck und Bregenz waren unsere Destinationen.

Fußball in Favoriten

Und in Wien? Ja, ich gestehe, als Favoritner war es nahe liegend, den Horr-Platz zu besuchen, vor allem, weil ich in meiner eigenen Kindheit einige Male dort war, denn meine Familie waren alles Tschechen und der Platz damals im Besitz der Wiener Tschechen. Hier ein Bild aus dem Jahr 1962 als ich mit meinen Verwandten den damaligen Tschechisches Herz Platz anlässlich einer der Turnveranstaltung des „Sokol“ besuchte. Man sieht im Hintergrund die alte Tribüne.

Daher war ich mit Florian in der Saison 2000/2001 auch einige Male am Horr-Platz – sofern es eben die schulischen Verpflichtungen zugelassen haben.

Dann kam Rapid!

Und Rapid? Rapid hat alle diese Jahre keine Rolle gespielt. Hütteldorf war das letzte Stadion unserer Bundesliga-Tour und wir besuchten es erstmals am 28.4.2001. Im Bild studiert Florian bei diesem Spiel die Stadionzeitung. am Cover Roman Wallner. Hier die Aufstellung von diesem Spiel: Jens Dowe, Michael Hatz, Andreas Ivanschitz, Ante Jazić, Andreas Lagonikakis, Ladislav Maier, Krysztof Ratajczyk, Jürgen Saler, Dejan Savicevicć, Peter Schöttel, Gaston Taument, Roman Wallner, Arnold Wetl, Thomas Zingler

Wie es dann im Detail gelaufen ist, kann ich nicht mehr sagen aber es war eigentümlich, dass Florian, der alle diese bisherigen Fußball-Spektakel begeistert aufgenommen hat, egal, wo sie stattgefunden haben und egal, wer da gespielt hat auf einmal den Wunsch geäußert hat, in Zukunft nur mehr nach Hütteldorf fahren zu wollen. Ob es die Faszination des Stadionsprechers war, ob es der eindrucksvolle 6:0-Sieg gegen den LASK in diesem April war, ich weiß es nicht mehr aber der Wunsch kam von Florian, das ist eindeutig, denn mir war es ziemlich egal – damals. Und unpraktisch war dieses Hütteldorf, weil es so weit weg (von Favoriten) war.

Ein 13-jähriger, der mit „Rapid“ ein ausgeprägtes Interesse entwickelt hat, gehört eigentlich schon zu den Gewinnern, denn er hat einen Plan. Florians Entscheidung war spontan und beruhte nicht auf der Übernahme einer familiären Tradition. Man hätte ihn ruhig auch allein zu den Spielen ziehen lassen können. Aber wir kannten niemanden aus dem Fußball-Umfeld. Und welche Eltern lassen das Kind schon allein in eine Umgebung, von der man nicht ganz sicher ist, wie sich der Freundeskreis entwickelt. So ganz „koscher“ waren mir die Gruppierungen auf der West-Tribüne nicht und es war klar, dass ich Florian zu den Spielen begleiten werde, so, wie wir es bei den Reptilien, den Skispringern und den Formel-1-Fahrern auch schon gemacht haben.

Aber es kam dicker; es war nicht einfach nur eine weitere Lebensphase wie die des „Benjamin Blümchen“ oder des „Tom Turbo“, die man aus sicherer Deckung hätte vorbeiziehen lassen können, denn es war das Leben. Und hier bewährte sich das amerikanische Lebensmotto des „Love it, change it oder leave it“. Eine vierte Möglichkeit des abwartenden Zuschauens ist nicht vorgesehen, also muss man durch und nicht nebenbei, sondern mit großem Elan. „love it“, eben.

Man kann nicht unbeeinflusst die bisher etwa 1500 Fußballspiele besuchen, die wir gemeinsam erlebt haben. Man kann sich dieser Faszination nicht entziehen. Es ist auf einmal nicht egal, wer gewinnt, man ändert seine früher bewusst objektivierte Haltung in einer strittigen Frage, man freut sich über Tore und ist niedergeschlagen, wenn’s einmal nicht so läuft. Nicht beim ersten Spiel aber wann genau man von einem Zuschauer zu einem Anhänger wird und dann auch zu einem fan(atischen) Anhänger, kann man später nicht genau sagen. Es äußert sich zum Beispiel dadurch, dass man seine sonstigen Termine rund um die Fußballspiele anordnet und nicht umgekehrt.

Lernen durch Rapid

Diese starke Zuwendung von Florian zu Rapid hatte zur Folge, dass ich mich oft staunend gefragt habe, von wo Florian all diese Informationen hat. Er wusste schon am Vorabend eines Spiels, dass jemand verletzt ist und dass es irgendwo einen Autogramm-Termin gibt. Nun, er hatte immer schon einen Computer und es hat ihm niemand vorgeschrieben, was er damit tun soll. Er hat sich diese – heute gerne als neue Kulturtechnik benannte – Disziplin, vereinfacht, den Umgang mit dem PC und dem Internet, völlig eigenständig, nur getrieben durch ein starkes Motiv erarbeitet. In dieser Zeit waren wir, seine Eltern, die Zuhörer und er erklärte uns den Fußball.

Es wird vorüber gehen, denn das Schispringen, die Formel-1 und die Reptilien sind ja auch vorbei gegangen, dachten wir anfangs. Aber nach dem zweiten Rapid-Jahr war klar, dass wir dem nicht mehr so schnell entkommen und daher wurde es mehr und mehr zum Mittelpunkt unseres Lebens. Mitgliedschaft, Frühjahrs-Abo, Abo, Mitgliederversammlungen, Weihnachtsfeiern; Rapid ist ausbaufähig.

Vom Monolog zum Dialog

Aber das genügt nicht auf Dauer, ich musste mich in dieser Sache perfektionieren, um auch mitreden zu können. In einer mehrjährigen Programmier-Phase stellte ich historische Daten über Rapid zusammen und konnte nach und nach mit Florian in einen Dialog eintreten, denn es gab zunehmend auch Dinge, die ich mir anders erarbeitet habe und die sein Wissen ergänzten.

Ein Spätberufener muss alle diese Facetten des Fußballs erlernen. Man liest Bücher und programmiert Webseiten, nur, um für die anderen Zuschauer im Stadion ein Gesprächspartner zu sein, etwa unserem leider schon verstorbenen Othmar, dem Fußballdozenten, der eine kleine Anhängerschar um sich versammelt hat, wenn es darum ging, ein Spiel oder eine Saison zu analysieren. Dort mitreden zu können, erforderte eine jahrzehntelange Fußball-Erfahrung, die man als Quereinsteiger mühsam nachlernen muss.

Früher hörten wir von Florian einen Fußballmonolog. Etwa seit 8 Jahren sind wir mehr ein Team als das vorher der Fall war. Es gibt einen echten Dialog, weil seine Eltern zu Gesprächspartnern geworden sind. Wir sind durch Rapid von Eltern zu Freunden geworden.

You’ll never walk alone

Diese vielen Jahre am Fußballplatz haben aber auch Auswirkungen, die Anfangs noch nicht wahrgenommen werden: man lernt die Menschen auf den Nachbarsitzen kennen. Nicht gleich im ersten Jahr aber mit der Zeit kennt man ihre Namen, ihre Berufe und manchmal auch ihre Schicksale.

Aber das kann man doch bei anderen Gelegenheiten auch; zum Beispiel bei einem Computerclub, oder? Ja und nein. Grundsätzlich ist gruppenbildend, wenn gemeinsame Probleme zu lösen sind. Es gibt Gewerkschaften, Parteien und Computerclubs, die solche gemeinsamen Ziele verfolgen. Aber alle diese Ziele sind sachlich und von Nutzen für das Laben. Aber Fußball?

Ich finde, dass irrationale Motive wie es Religion und der Fußball sind, ganz besonders gruppenbildend sind. Und es ist kein Zufall, dass Rapid und Religion oft in einem Atemzug genannt wird. Der Grund dafür dürfte sein, dass man die Bestätigung durch die Gruppe braucht, um die Irrationalität für wahr halten zu können.

Man erhebt den relativ banalen Umstand, dass sich der Ball hinter einer Linie befindet und schließlich ein Spiel gewonnen wird, zur wichtigsten Sache der Welt. Damit aber eine solche Verzerrung der Prioritäten möglich ist, benötigt es vieler Gleichgesinnter. Einer allein schafft das nicht. Es ist die gemeinsame Verrücktheit, bei Hitze und Kälte darauf zu hoffen, dass die eigenen Farben gewinnen mögen. Das ist es, was man sich am Fußballplatz wechselseitig versichert. Und es ist die gemeinsam investierte Zeit in dieses „Rapid“, die einen schließlich untrennbar mit Rapid verbindet.

Rapid verbindet Menschen unterschiedlichster Schichten. Alle diese Menschen sind sicher: „Egal wos kummt im Lebn: Rapid„. Hier eine kleine Auswahl: Andreas ist Politiker, Andy ist Spediteur, Angela arbeitet in einem Autohaus, Benjamin ist Schüler, Charly ist Gastwirt, Christian I ist Kellner und Komparse, Christian II in einer geschützten Werkstätte, Christian III arbeitet in einer Wäscherei, Christoph ist Ministerialbeamter, Corinna ist Schlosserin, Dieter ist Hausmann,  Domenico ist Historiker, Elnaz ist Mechatronikerin, Ferdinand ist Pensionist, Florian ist Kabarettist, Franz ist Vertreter im Außendienst, Gerhard hat mich früher am Postamt Buchengasse betreut, jetzt sind wir im selben Fanklub, Gerhard I ist Chemiker, Gernot ist Bürgermeister, Gunther ist Journalist, Günter ist pensionierter Kapitän der DDSG, Gregor ist Versicherungs-Spezialist, Gregor I ist Redakteur, Hannes liefert Fenster, Hans ist Straßenbahnfahrer, Ján ist Augustinverkäufer, Janine bearbeitet Schadenfälle in einer Versicherung, Jasmin vermittelt Reisen, Josef ist Gärtner, Julian ist Gärtner, Marcel ist Telefonist, Mario ist Werkzeugmacher, Markus ist Führer im Rapideum, Martin ist Hochschulassistent, Martin I ist Spediteur, Miriam ist Versicherungsagentin, „Muppets“ nennen wir eine Gruppe von Pensionisten, die für ihre Expertise bekannt sind, Peter ist Pensionist und kümmert sich um seine Enkelin, Peter I ist Politiker, Peter II ist Straßenbahner, Rositta ist Pensionistin und betreut mit Ihrem Mann Tiere in Schönbrunn, Stefan ist beim Bundesheer, Thomas lernt Netzwerktechnik, Thorsten ist Museumskurator, Walter war Buchhändler. Walter I ist Portier und war früher Autobuschauffeur.

Unsere eigene Familie ist geschrumpft und stattdessen ist Rapid unsere neue Familie geworden. Am vorigen Montag war eine der größten Weihnachtsfeiern in diesem Land; bei Rapid. Es war unser Weihnachtsfest. Und wie das eben bei Familien ist: man kann sich nicht aussuchen, wer da kommt; man muss alle akzeptieren – oder man gehört eben nicht dazu.

Rapid, eine integrative Gemeinschaft, eine Familie.


Es gibt einen Spruch, der sich an einem Eingangstor zum Stadion an der Anfield Road und auch an unzähligen Fanschals befindet und der heißt: „You’ll never walk alone“. Aber es ist keine Automatik, man muss daran arbeiten, damit dieser Spruch wahr wird. Und dazu allein dient dieses Spiel, das ist der Grund hinter den Gründen. Dafür sind wir Woche für Woche dort.

In diesem Text war nicht die Rede von Siegen oder Niederlagen, von Meistertiteln oder internationalen Erfolgen. Das alles wünscht man natürlich für Rapid aber es ist nicht das Hauptmotiv, Spiele von Rapid zu besuchen. In diesem Sinne wünscht das Rapid-Tagebuch allen LeserInnen ein schönes Weihnachtsfest und ein gutes Rapid-Jahr 2017. 

Rapidviertelstunde vom 23.12.

  • Erste Weihnachtsfeier im Allianz Stadion
  • Mannequin Challenge mit Sängerknaben
  • Goldenes Verdienstzeichen für Werner Kuhn
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