Rapid-Ried
26. Juli 2015
Neue Freunde
29. Juli 2015

Als Kind habe ich ein- oder zwei Mal zwischen 1958 und 1966 den Ausnahmefußballer Ferenc Puskás im Fernsehen gesehen. Faszinierend! Das war in einer Zeit, die in der Zeit des Fußball-oldstyle angesiedelt war. Aber wie wir gleich sehen werden, war auch schon damals Geld ein wichtige Größe; noch nicht so wichtig wie heute, aber doch.

Mein Fußballfreund Herwig Getterwe aus Neunagelberg hat mir erlaubt, Teile seiner umfangreichen Sammlung zu digitalisieren. Von ihm stammt diese Autogrammkarte.

Nächste Mitgliederversammlung Ende August. Details werden hier bekanntgegeben. Auskunft 0677-1899 5070 (Franz)
Autogrammkarte von Ferenc Puskás aus 1957
Der Text lautet etwa „In wirklicher Freundschaft“
(Bild Sammlung Herwig Gatterwe, März 2010)

Vor einigen Jahren hat Domenico Jacono erzählt, dass Ferenc‚ Entscheidung zu Real Madrid zu gehen, eine Entscheidung gegen Rapid war, welches aus rein sportlicher Sicht damals am Ende der 1950er Jahre durchaus eine Alternative war; auch die Nähe Wiens zu seiner Heimat Ungarn könnte dabei eine Rolle gespielt haben. Aber schon damals war klar, dass man in Madrid mehr verdienen konnte. Schon damals spielte eben Geld im Fußball eine große Rolle.

Wir groß diese sportliche Nähe zu Rapid war, das zeigt, dass sich Ferenc Puskás zum Abschiedsspiel zu seinen Ehren ausgerechnet Rapid als Gegner ausgesucht hat. Das habe ich beim Sammlerabend für das Rapideum am 23. Februar 2010 auf einem Plakat gefunden, das ein Sammler Rapid geschenkt hat. Ich habe es damals fotografiert und kann Euch das hier zeigen:

„Homenaje“=“Gewidmet“ Ferenc Puskás.
Spiel der Meister von Österreich und Spanien am 26. Mai 1969
Foto vom 23. Februar 2010

Interessant ist, dass Puskás nie in einem Bewerbspiel gegen Rapid gespielt hat. Im ersten Duell Rapid-Real in der Saison 1956/57 (Ohne Auswärtstorregel; Rapid schied im Entscheidungsspiel dieses Achtelfinales aus, vermutlich war auch damals schon das Geld schuld, denn man verkaufte das Recht auf neutralem Boden zu spielen an Real und verlor) war er noch nicht bei Real, damals war Di Stefano der „Leitwolf“, Puskás kam erst später zu Real. Im zweiten Duell zwischen Rapid und Real in der Saison 1968/69 war er nicht mehr dabei. Dieses zweite Duell (Mit Auswärtstorregel; Achtelfinale im EC der Meister) entschied Rapid für sich, schied aber im Viertelfinale gegen Manchester aus.

Immer, wenn es um Kommerzialisierung geht, denke ich an den Spruch des großen Ferenc Puskás:

Kleines Geld, kleines Spiel – großes Geld, großes Spiel

Diese Begegnungen von Real mit Rapid markierten einerseits das Ende der Zeit des großen mitteleuropäischen Fußballs (bei der WM1954 waren von den 8 Mannschaften im Viertelfinale fünf mitteleuropäische (A, CH, D, H, YU) sowie England, Brasilien und Uruguay), anderseits waren diese Jahre die Begründung des „Weißen Balletts“. In dieser Zeit steuerte Real Madrid schon dem großen Geschäft im europäischen Fußball zu, während Rapid seit dieser Zeit mit der Geldbeschaffung so seine liebe Not hatte.

Mein Eindruck ist, dass Rapid damals die Zeit davongeeilt ist und die früheren Spielerreservoire der Gstetten und Fußballfelder rund um Wien im Zuge des Wiederaufbaus verschwanden und das gesamte fußballerische Umfeld sich verändert hat, ohne, dass der Verein ausreichend darauf reagiert hätte. Vielleicht war man damals schon ein bisschen nostalgisch (was bei dieser tollen Vergangenheit gar nicht so verwunderlich wäre), so wie heute der BlockWest, wenn er meint, die wirtschaftlich begründeten Entscheidungen der Vereinsführung bremsen zu können.

——

Wir saßen gerade in der Meierei als der BlockWest lautstark durch den Prater zog und es sich natürlich die Frage stellt: „Sollen wir da mitmachen?“ „Wollen wir, dass man das neue Stadion ‚Weststadion‘ nennt?“

Es geht um diesen Schriftzug auf der Westseite: „Allianz Stadion“

Die kurze Antwort ist „nein“ aber wir wollen es uns nicht leicht machen, sondern den Dingen auf den Grund gehen.

——

Eigentlich muss man sich nur vorstellen, was passiert, wenn sich die Idee vom „Weststadion“ durchsetzt und alle, auch die Medien, nur mehr vom „Weststadion“ reden.
Dann ist die Absicht, dass der Name „Allianz-Stadion“ popularisiert wird und damit den Wert und die Bekanntheit der Marke „Allianz“ steigert, zunichte gemacht und der 12-Jahres-Vertrag wird wohl nicht weiter verlängert werden. So ganz nebenbei bedeutet die Verbreitung des Namens „Allianz-Stadion“ über die Allianz-(Werbe-)Kanäle auch eine Stärkung der Marke „Rapid“ und die Erschließung weiterer Zuschauer- und Mitgliederschichten.

In diesem Sinne ist also diese Demonstration des BlockWest im Prater für unser Rapid ziemlich geschäftsschädigend.

Es wird nun sicher nicht so weit kommen, dass wegen einer Demo dieser Vertrag aufgelöst wird und Gewöhnung wird bei den Fans einsetzen, aber woher kommt die plötzliche oppositionelle Haltung? Vor allem, warum und

warum erst jetzt?

Am 6. Juni 2014 berichtete die Rapid-Homepage erstmals über den neuen Stadionnamen „Allianz-Stadion“. Niemand regte sich darüber auf, alle haben es gewusst, das Gerhard-Hanappi-Stadion ist Geschichte.

Wir haben alle gewusst, dass ein Teil der Finanzierung auf der Verpachtung des Stadionnamens sein wird.

Nach einer mehr als einjährigen Schrecksekunde wird es dem BlockWest klar, was damals am 6. Juni verlautbart wurde und besinnt sich des Feindbilds „Kommerz“ und meint, dass die Verpachtung des Stadionnamens ein zu großer Tribut an die Geldgeber wäre.

Ein Feind stärkt die Gruppe

Manchmal habe ich das Gefühl, dass eine so heterogene Gruppe wie die des BlockWest (das sind ja viele verschiedenartige Gruppierungen, die erst durch den gemeinsamen Platz im Stadion diesen Namen angenommen haben) ein starkes Bindemittel braucht, um nicht zu zerfallen. Und wenn das Gemeinsame, „Rapid“, als Kitt nicht ausreicht, braucht man einen äußeren Feind, der den Zusammenhalt besorgt. Normalerweise ist das der jeweilige Gegner.

Aber wer beim Spiel gegen Ried in den F-Sektor geschaut hat, weiß, dass nur zwei unserer neun Gegner in der Bundesliga, die Violetten und die Schwarz-Weißen fantechnisch dem BlockWest etwas entgegenstellen können. Alle anderen Vereine sind in diesem Sinne keine ernst zu nehmenden Gegner. Und weil das eben so ist, ist ein ideologischer Reibebaum ein guter Behelfskitt und dazu eignet sich die (für das Empfinden der Fans) bedrohlich zunehmende Kommerzialisierung von Rapid.

Kommerzialisierung

Die Organisationsformen von Fußball reichen vom geldbefreiten Kick auf der Donauinsel bis zu den amerikanischen Profi-Ligen, wo ausschließlich das Geld regiert und die Mannschaft nicht über einen Verein geführt wird, sondern über ein Franchise (das sind alle Partner, die das Team co-finanzieren). Dort, in den USA, wäre also der Eigentümer von Rapid ein Franchise, gebildet aus den Sponsoren. Diese hätten das Sagen, wohl auch in sportlicher Hinsicht; eine Art Stronach-Modell.

Betrachtet man unsere bisherigen internationalen Gegner, können wir bei diesen verschiedene Kommerzialisierungsgrade feststellen. Rapid scheint jetzt – aufgerüttelt durch das neue Stadion und durch die neue Führung – aus einem Dornröschenschlaf des Zuschussfußballs zu erwachen und sich erstmals diesen neuen Herausforderungen zu stellen.

Kommerzialisierung ist keineswegs neu. Sie reicht zurück bis in die Anfänge des Fußballs im 19. Jahrhundert und beginnt, wenn Menschen ihren Lebensunterhalt durch den Fußball zu bestreiten, sei es als Spieler oder Trainer oder als Angestellter des Vereins. Trotz dieser kommerziellen Interessen der Akteure kann ein Verein immer noch als gemeinnützig gelten, wenn er nur darauf abzielt, diese Kosten zu decken und nicht mehr.

Wäre also Rapid ein normaler, gemeinnütziger Verein und ginge es nur darum, die Unkosten von Spielen und des laufenden Betriebs zu decken, müsste ein Spiel daher mit steigender Zuschauerzahl billiger werden. Rapid-Ried (15.000 Besucher): 20 Euro. Rapid-Ajax (30.000 Besucher): 10 Euro. Das Gegenteil ist aber der Fall, das Ajax-Spiel kostet 28,- Euro. Und warum? Weil wir bereit sind, diesen Betrag für ein „großes Spiel“ zu zahlen.

Wie es weitergeht, hat uns Andy Marek beim Fanklubtreffen auch erzählt, denn in der Amsterdam-Arena kosten Plätze wie wir sie im Sektor B um 28,- Euro bekommen, 220,- Euro (ohne Bewirtung). Und das ist auch gleichzeitig der Ausblick auf die Preise im neuen Stadion, egal, wie wir es nennen. Denn dieser Preis von 220,- Euro für einen Sitzplatz auf der Haupttribüne, der auch den Pauschalpreis für den Flug nach Amsterdam in die Höhe getrieben hätte und über den wir uns entrüstet haben, den werden wir im nächsten Jahr von Gästen, die sich einen Platz auf der Haupttribüne wünschen, selbst verlangen. Weit sind wir also nicht mehr davon entfernt.

Dieses große kommerzielle Interesse am Fußball kommt also von uns selbst, weil wir eben nicht „kleines Spiel“ sondern „großes Spiel“ sehen wollen.

Statt zu Hause zu bleiben, weil der Preis vom 28,- Euro kein gemeinnütziger Kostendeckungspreis sondern gewinnorientiert kalkuliert ist, sind wir bereit, diesen Preis um des „großen Spiels“ willen zu zahlen. Dazu kommt, dass auch alle, die aus Protest über den Preis Daheimgebliebenen am Fernseher mitgezählt werden und den Preis für die Fernsehrechte allein durch die Wahl des Fußballkanals hinauf-lizitieren.

Rapid ist als längst kein gemeinnütziger Verein mehr sondern muss den Regeln folgen, die der Markt vorgibt, und Überschüsse erwirtschaften, um am Spielermarkt mitmischen zu können, sonst können wir uns von den (ohnehin seltenen) „großen Spielen“ verabschieden.

Ein Fußballverein braucht Geld, viel Geld. Und warum? Weil die Dachverbände keine oder nur wenige diesbezügliche Auflagen machen. Daher bleiben die Regeln des wirtschaftlichen Systems, der sehr freie Markt des Fußballgewerbes, in dem es keinen Kollektivlohn, keine allzu großen Auflagen für die Gebarung gibt (wie man an den spanischen Verhältnissen sieht) sondern nur volles Risiko. Wenige gehören zu den Gewinnern, die meisten sind Verlierer. Das System „Fußball“ ist ziemlich ungeregelt.

Was an der Demo gefällt

Diese Demo ist eigentlich eine der wenige Aktivitäten der Jugend (seit den Opernball-Demos), die sich gegen die zunehmende Kommerzialisierung der Welt wendet. Zunächst zeigt sich das nur vordergründig in einem Stadionnamen. Aber alle diese Aktivitäten, zu denen wir auch noch durch unsere eigene kommerzielle Teilnahme beitragen, stärken Konzerne, machen Reiche reicher und Arme ärmer. Dieser Trend macht beim Sport keine Ausnahme, denn der Sport ist auch nur ein Teil der Wirtschaft und will er erfolgreich sein, dann muss er die Musik des Marktes spielen. Rapid beginnt seine Instrumente zu stimmen, um vorne mit dabei zu sein.

Pragmatiker

Pragmatiker sehen in der Verpachtung des Stadionnamens kein Problem, denn immerhin muss ein Kredit zurückgezahlt werden und immerhin steht auf der Haben-Seite, dass Rapid nicht zu Ebener Erde des „Weststadions“ residiert sondern im Ersten Stock. Rapid ist also nicht der Untermieter, Rapid ist der Hausherr. Also ein durchaus akzeptabler Interessensaustausch. Wir können die Auswärtsfahrer nach Amsterdam beauftragen herauszufinden, wie die Stellung von Ajax bezüglich ihres Stadions ist. Mein Tipp: sie sind Untermieter. Und es ist ihnen sicher egal. Holländer gelten als weltoffen und weniger rückwärtsgewandt.

Fundamentalisten

Fundamentalisten meinen, dass man mit dem Verkauf des Stadionnamens zuviel an eigener Identität aufgibt. Ich meine, dass es zuerst nur eine Aufgabe auf Zeit ist, denn nach 11 Jahren ab heute kann man sich erneut für oder gegen eine Verlängerung der Namensverpachtung entscheiden. Mein Tipp: man wird verlängern, sofern das dann eine Option sein wird, denn „non olet“, wie der der Lateiner weiß. Und es macht süchtig, das Geld, man kann nie genug davon haben.

Man kann auch stolz sein! 

Man kann sich darüber freuen, dass der Stadionname an ein prominentes Unternehmen vergeben wurde, denn daraus ergibt sich – ähnlich wie auch bei den anderen Sponsoren wie Wien-Energie, Ottakringer, Lyoness usw. – dass umgekehrt neue Sportinteressierte ins neue Stadion kommen, dass es also Synergien gibt, die auch Rapid nützen. Und wir werden sie brauchen, denn es sind 28.000 Plätze zu füllen! Alle diese Sponsoren nutzen einerseits die Popularität von Rapid auch in ihren eigenen Werbungen und das stärkt automatisch auch die Marke Rapid ohne dass Rapid auch nur eine einzige Werbeeinschaltung zahlen muss.

Sport muss sich im politisch-wirtschaftlichen System einordnen 

Für die Frühzeit des Fußballs fehlt uns die Erinnerung aber spätestens seit der Zeit des Nationalsozialismus weiß man, dass sich nicht nur die Wirtschaft sondern auch das politische System des (Fußball-)sports bemächtigen kann. Es gibt also keinen großen Unterschied zwischen dem Staats-Sport des ehemaligen Ostbocks oder den der Nazis oder den von Oligarchen gelenkten Fußballklubs. Nur betrifft der Staats-Sport alle Vereine und der oligarchische eben nur einen. Aber anders als beim Staats-Fußball im ehemaligen Ostblock bilden Fußballvereine heute einen Markt für Oligarchen, Konzerne und große Marken. Und Oligarchen können auf diese Weise sogar Tradition kaufen, indem sie einen traditionsreichen Klub übernehmen. Seit 2003 sind die Sportverantwortlichen bei Chelsea alle ihre Sorgen los, denn Roman Abramowitsch kaufte damals den Klub im Bausch und Bogen.

Rapid ist anders und seit den 1960er Jahren nicht mehr ganz im Zentrum der Fußballwelt. Aber aus der Sicht einer Übernahme durch Oligarchen vielleicht gar nicht so schlecht, denn wer weiß, wie die Rapid-Geschichte verlaufen wäre, wenn Rapid 1994 beim Absturz der Rapid-Aktie nicht durch die Bank-Austria sondern durch einen unterbeschäftigten Ölscheich aufgefangen worden wäre…

Übergang in die wirtschaftliche Autonomie

Rapid dringt in neue wirtschaftliche Dimensionen vor. Das neue Stadion ist noch nicht einmal in Betrieb, man hat im Vorjahr den internationalen Bewerb verpasst und trotzdem vermeldet man ein Rekordbudget von 24 Millionen und einen nur kleinen Verlust. Das ist wohl schon eine Folge der ersten Teilzahlung der Allianz für den Stadionnamen, vielleicht auch schon von Lyoness, jedenfalls aber eine Folge der Fokussierung des Präsidiums auf die wirtschaftlichen Belange.

Rapid ist Herr im eigenen Stadion und nicht mehr die Gemeinde. Die Finanzierung des Baus erfolgt durch drei Komponenten:

  • Die erste ist die Förderung der Gemeinde, 
  • die zweite ist ein Kredit, der durch die zu erwartenden Mehreinnahmen abgedeckt ist und 
  • die dritte kommt aus der Vergabe des Stadionnamens an Allianz für den Zeitraum von 12 Jahren, bezahlt wird aber schon ab 2014.

Wie man sieht, ist Rapid wegen der Kreditrückzahlungen vermutlich erst etwa im Jahr 2026 wirklich eigener Herr im eigenen Stadion. Erst dann kommen wirklich alle Mehreinnahmen dem Sportbetrieb zugute.

Diese Finanzierungsform bedeutet natürlich, dass man eben den Stadionnamen opfern muss, um das Unternehmen „Stadion“ stemmen zu können.

Für die Traditionsbewussten Fans hat man ein kleines Trostpflaster in Form der Stadion-Adresse, die der Gerhard-Hanappi-Platz 1 sein wird.

Seit Februar 2015 steht der Name der Stadion-Adresse fest.

Den Fans, genauer dem Block-West, genügt das aber nicht. Man will, dass man im Sprachgebrauch den Namen „Weststadion“ verwendet.

Mehr Phantasie bitte

Also da hätte ich den Fans ein bisschen mehr Phantasie zugetraut! Denn nehmen wir an, Rapid wäre wirklich frei von Finanzierungszwängen und man wäre auch frei in der Wahl des Stadionnamens, warum sollte man dann einen verstaubten Namen verwenden, den die Gemeinde seinerzeit ohne viel Emotion einfach aus geografischen Gründen festgelegt hat? Man könnte doch das Stadion nach einem verdienstvollen Spieler oder Funktionär oder besser „Rapid-Stadion„, „Playground Rapid“ oder „Heimat Rapid“ nennen, weil es uns dann nicht darum geht einen künstlichen Begriff „Weststadion“ zu pushen sondern die Marke „Rapid„, nach dem Motto Wer ko der ko“.

An diesem emotionslosen Namensvorschlag „Weststadion“ lese ich ab, dass es mehr um die Opposition zum Kommerz geht, als um eine besondere Bedeutung dieses Namens für die Fans.

Man will also

Fußball oldstyle

Das ist, was die Fans wollen. Einen Fußball frei von Einflussnahme, frei von fremden Symbolen.

Aber der österreichische Fußball ist im internationalen Vergleich unterfinaziert und ist daher zu wenig konkurrenzfähig. Das zeigen uns die Ergebnisse in internationalen Bewerben, das zeigt uns die Aufstellung der Nationalmannschaft. Man findet nicht mit einem Textilponsor das Auslangen, Trikots und Hosen sind voll mit Sponsoraufklebern.

Man wundert sich, dass sich die Fans dort, wo man es auf Spielerabbildungen besonders sieht, weniger irritiert fühlen als beim Stadionnamen. Man hat sich wahrscheinlich schon an die Pickerln gewöhnt, wogegen der Name „St. Hanappi“ der Vergangenheit angehört und jetzt die Gewöhnung an das neue Gemäuer und an den neuen Namen erfolgen muss.

Es gibt viele Vereine (oder besser Stadionerhalter), viele davon durchaus mit langer Tradition, die auf diese Form der Mitfinazierung nicht verzichten wollen oder können. Beim kleinen Regionalligisten Weiz heißt der Sportplatz „Siemens Energy Stadion“, bei den großen Bayern „Allianz Arena“.

Da wäre einmal die Frage:

Wie alt meint eigentlich „oldstyle“?

Vermutlich geht es einmal um unbeliebtes Sponsoring, bei dem Teile der „Seele“ verkauft werden, also zum Beispiel um Trikot-Aufkleber, Werbebanner im Stadion und natürlich auch um den Stadionnamen.

Man muss weit in der Geschichte zurückgehen, nämlich in die 1960er-Jahre, wo Fußball noch oldstyle war, sofern man eben werbefreien Fußball meint.

Eine Blütezeit des österreichischen Fußballs geht Hand in Hand mit einer ganz großen Ära von Rapid und das war die Nachkriegszeit bis in die 60er Jahre. Die heute noch lebenden Vertreter dieser etwa zweier Spielergenerationen werden heute genau so gefeiert wie damals.

Wenn man sich an alte und erfolgreiche Zeiten zurück erinnert, dann müsste das die Zeit zwischen 1945 bis 1968 sein. Da ist die Zeit von Binder, Körner, Dienst, Hanappi, Happel, Merkel, Flögel, Glechner, Bjerregaard uva., die uns heute noch so geläufig sind – zumindest uns älteren – als wären keine 45-70 Jahre dazwischen gewesen. Damals war also „oldstyle“.

Aber dieser Erfolg schwand. Der letzte Titel dieser Ära war das Double 1968, im Bild die Mannschaft mit neutralem Trikot.

Meister und Cupsieger 1968 in neutralen Dressen. (Aus dem Sonderdruck 25x Meister)

In den 1970er Jahren begann die Zusammenarbeit mit der Zentralsparkasse und das Bild aus 1975 zeigt Werner Walzer bereits im Rapid-Wienerberger-Trikot. Da war Rapid also schon durch „Wienerberger“ vereinnahmt.

Werner Walzer im Wienerberger-Trikot (1975)

Damals, in den 1970er Jahren, hat also die Kommerzialisierung mit dem Verkauf der Fläche am Trikot und sogar mit einer Änderung des Vereinsnamens in „Rapid-Wienerberger“ eingesetzt. Es war auch die Zeit des Avery Brundage, der sich – vergeblich wie wir wissen – gegen die „neuen Zeiten“ gestemmt hat und „unseren Karl“ bei den olympischen Spielen 1972 in Sapporo aus dem Rennen genommen hat. Der Skisport dürfte also in Österreich damals schon einen Schritt weiter gewesen sein. Der Fußball hinkte nach.

Damals war ganz Sport-Österreich offenbar auf einem deutlichen Pro-Kommerz-Kurs, denn hierorts wird man kaum Befürworter der Brundage-Entscheidung getroffen haben.

In diesen 1970er und 1980er Jahren erfolgten also die ersten Gehversuche in der Kommerzialisierung des Fußballsports und gerade in dieser Phase macht Rapid sportlich keine gute Figur. 14 Jahre lang musste Rapid zwischen 1968 und 1982 auf den 26. Meistertitel warten. Irgendwie hat man sich – so scheint es – an die neuen Gegebenheiten im Fußballsport nicht ausreichend angepasst. Ob das stimmt, müsste man die Spielen der 70er und 80er Jahre fragen.

Wenn wir also diesen Fußball der erfolgreichen Nachkriegszeit wollen, dann müssen wir uns auch Gegner aussuchen, die diesen Fußball pflegen. Da man die Zeit nicht zurückdrehen kann, müsste man in der Wiener Landesliga kicken, dort kann man vielleicht noch die eine oder andere Parallele vorfinden, dort, wo Geld noch nicht an allererster Stelle steht, um Träume zu verwirklichen. Aber aus der Bundesliga müsste man sich wohl verabschieden, denn die 24 Budgetmillionen wären dann natürlich nicht mehr verfügbar

Wenn also irgendwo steht, man wolle Fußball „oldstyle“ pflegen, dann ist das eine nostalgische Phantasie, aber weit wird man mit diesem Fußball sicher nicht kommen, man wird ein „kleines Spiel“ sehen.

Erstes wirtschaftlich handelndes Präsidium

Ich selbst verfolge Rapid seit etwa 15 Jahren und erlebte gerade noch den Abgang der Bank Austria als Sponsor. Auch in Erinnerung – allerdings nur als Zeitungsleser – sind mir die Turbulenzen rund um die Rapid-Aktie und vielleicht waren diese negativen Erfahrungen der Grund, warum man eine wirtschaftliche Neuorientierung des Vereins nicht früher in Angriff genommen hat, vielleicht hat auch die Expertise dazu gefehlt.

Diese Zeiten hat Rapid wohl nur überlebt, weil immer wieder gemeindenahe Betriebe als Sponsor eingesprungen sind. Es war ein wirtschaftliches Reagieren ums Überleben.

Erstmals haben wir ein Präsidium, das klar zum Ausdruck bringt, dass man nur dann erfolgreichen Fußball spielen kann, wenn der wirtschaftliche Background solide aufgestellt ist. Das Präsidium sorgt dafür, dass die Rahmenbedingungen für den Spielbetrieb passen, und man hat den Eindruck, dass schon jetzt, nach nur einer Saison unter neuer Führung, diese solide Grundlage geschaffen ist. Zumindest wird es so kommuniziert.

Der Vereinsführung wurde von den Spielern bei einer Umfragen unter allen Bundesliga-Klubs die beste Note unter allen Bundesliga-Vereinen ausgestellt.

Da wir alle das neue Stadion wollen, müssen wir auch akzeptieren, dass man das dafür ausgeliehene Geld auch wieder zurückzahlen muss. Und Präsident Krammer hat deutlich gemacht, dass derzeit drei Wege zur Geldbeschaffung bekannt sind:

  • Oligarch (Chelsey, PSG)
  • Marketingbetrieb (RedBull)
  • Mitgliederverein (Rapid)

Ich erlaube mir noch ein viertes Modell anzuhängen:

Man muss dazu anmerken, dass es diese Vereinsformen zwar alle gibt, dass sie aber bei Rapid nicht als Option zur Verfügung stehen. Wer wirklich viel Geld hat, will auch in der europäischen Spitze mitmischen und daher zählt Rapid nicht zu den potentiellen Übernahmekandidaten. Die Gemeinde hat in der Vergangenheit ausgeholfen aber für die Zukunft heißt es, dass Rapid auf eigenen Beinen stehen muss.

Daher muss man bei Rapid aus dem Mangel an Möglichkeiten eine Tugend machen und den „Mitgliederverein“ als jene Vereinsform annehmen, die am besten zu Rapid und seinem großen Anhang passt.

Die Anhänger haben das von Präsident Krammer propagierte Modell des Mitgliedervereins auch mit großer gefühlter Mehrheit angenommen. Das aber heißt, dass wir alle dafür sorgen müssen, dass sich mehr Anhänger von Rapid auch als Mitglied zu Mikrosponsoren werden. Denn 10.000 neue Mitglieder sind so wie ein Großsponsor und hätten wir sie, wäre die Forderung, das Rapid-Stadion „Weststadion“ zu nennen, nicht einmal so unrealistisch.

Unsere Aufgabe

Irgendwie gehört Rapid uns Mitgliedern aber unsere 100 Euro pro Jahr sind nur ein ganz kleines Aktienpaket. Daher müssen wir viele sein, um auch Gewicht zu haben. Jeder von uns müsste sich bemühen, als Multiplikator für die Rapid-Mitgliedschaft zu werben. Das ist unsere Hausaufgabe. Erst wenn die erledigt ist und die Rapid-Mitgliedschaft einen ähnlichen Verbreitungsgrad hat wie die Kronenzeitung im Pressesektor, dann wären wir in der Position, darüber zu befinden, wie unser Stadion heißen soll. Vorher nicht. Denn dann, mit beispielsweise 20.000 Mitgliedern und 1.000 Mitgliedern „Mein Leben lang“ besäße der Verein einen guten Anteil an Eigenfinanzierung, die es ermöglichen, auch einmal ein Sponsor-Angebot auszuschlagen.

Daher wäre es viel konstruktiver, wenn sich der BlockWest zu einer Mitglieder-Werbeaktion zusammenrotten würde, statt sich in illusionären Oldstyle-Phantasien zu ergehen.

Anhänger und Kommerz

Es mutet seltsam an, dass einerseits die Anhänger von Rapid (und da waren sicher auch viele aus dem BlockWest dabei) viel Geld in die Hand nehmen und mit sieben Großraumfliegern, fünf Autobussen und vielen Einzelreisenden nach Amsterdam fahren aber dieselben Anhänger den Verein ermahnen, doch Fußball-old-style zu pflegen und auf die Vermarktung des Stadionnamens zu verzichten. Was wir in den Fußball investieren, das ist doch eigentlich ein Wahnsinn. Und gerade diese Begeisterung steigert die Begehrlichkeit der Sponsoren, sich an dieser Euphorie zu beteiligen.

In den 1920er Jahren spielten die Fußballer für ein warmes Essen, in den 1950er Jahren für gewisse Vergünstigungen, die sie durch ihre Popularität, zum Teil bei ihrem Arbeitgeber genossen haben. Und die Eintrittspreise waren leistbar. Heute funktionieren diese „oldstyle“-Modelle nicht mehr. „I will pinke-pinke see“ (aus „Black and White“ von Armin Eichholz, genial vorgetragen von Otto Schenk auf der Burg Finkenstein), das ist es, was Spieler heute wollen. Und warum können sie das? Weil das Geld da ist. Wenn nicht bei Rapid, dann eben woanders, dort wo die Menschen viel Geld hintragen, damit es in die Taschen der Akteure fließe.

Diese Beweglichkeit moderner Fußballer erinnert ein bisschen an die Beweglichkeit von Kapital, das beim Anziehen der Steuerschraube einfach ein Häuschen weiter zieht. Nur ist die treibende Kraft nicht die Steuer sondern der lukrativere Vertrag.

Heute muss Rapid seine ganze Attraktivität als Traditionsverein, seine tolle Anhängerschaft auch noch viel Geld aufbieten, um den Fans jenen Fußball zu bieten, der den Hütteldorfer Ansprüchen gerecht wird. Trotz großer Konkurrenz aus der Marketing-Filiale in Salzburg und ohne gleichzeitig deren Budget aufbieten zu können.

Wir sagen: Geld spielt keinen Fußball. Die anderen sagen: Tradition spielt keinen Fußball. Aber beides stimmt nicht, beides spielt immer und überall mit.

Eigentlich sind wir die Modernisierungsverlierer, nicht der BlockWest

Eigentlich sollten wir, die ehemaligen Süd-Tribünen-Sitzer, diesem Demonstrationszug gegen das Allianz-Stadion vorangehen, denn wir sind die eigentlichen Verlierer in der neuen Stadion-Herrlichkeit. Nicht wegen des Namens aber wegen unserer doch einzigartigen Sitze auf der Fernsehseite von St. Hanappi.

Das alte Hanappi-Stadion hat es dem Mann von der Straße ermöglicht, beste Plätze zum leistbaren Preis zu erwerben. Damit ist es jetzt Schluss. Nichts bringt es besser auf den Punkt als die Exklusivität der neuen Haupttribüne, wie sich die Einkommensverhältnisse des Vereins ab der nächsten Saison vom Fußball.org (oldstyle) zum Fußball.com verändern werden.

Ich müsste für diesen ehemaligen Platz auf der Süd im neuen Stadion den zehnfachen Preis bezahlen. Ich wünsche es uns, dass sich genügend Leute finden, die sich das leisten können, denn es muss eben auch einen Markt für Betuchte geben.

Weil wir gegen diese Preisentwicklung nicht auf die Barrikaden gehen, zeigt, dass wir schon resigniert haben und das Kommando des Kapitals als gegeben hinnehmen.

Rapid verpachtet also nicht nur den Stadionnamen, Rapid nimmt den langjährigen Abonnenten auch ihre Plätze, weil mit diesen Plätzen mehr „Kohle“ zu machen ist.

War Rapid bis heute ein echter Mitgliederverein, so wird er ab dem nächsten Jahr einerseits zu einer Marketingmaschine und teilt die Mitglieder in eine Zwei-Klassengesellschaft, die Gesellschaft der betuchten West-Sitzer und der Gesellschaft auf den Volkstribünen. Wenn wir „großes Spiel“ sehen wollen, dann müssen wir eben akzeptieren, dass dieses nur bei „großem Geld“ geboten wird.

Und dass der Verein damit richtig liegt, zeigt folgende (ziemlich grobe) Schätzung der Jahreseinnahmen:
West-Tribüne
20 Logen a 60.000 Euro = 1.2 Mio,
dazu 2500 Business-Seats mit 2.500,- Euro=6.25 Mio,
zusammen 7.45 Mio
Volks-Tribünen
Das „Volks“-Stadion sind 20.000 Plätze, davon 15.000 Abos à 250,- Euro = 3.75Mio

Alle diese Plätze sind noch lange nicht verkauft, weder die Business-Seats noch die Abos auf dern „Volks“tribünen aber man sieht schon, warum man das Stadion so konzipiert hat und dass tatsächlich die neue West der eigentliche Bringer ist.

Was können wir tun?

Um an den Anfang zurückzukommen.

Seit den 1960er Jahren hat Rapid seine liebe Not mit der Finanzierung des Spielbetriebs. Man hatte immer sehr gute Trainer und Präsidenten aber trotz aller Bemühungen ist das letzte Drittel des 20. Jahrhunderts sportlich nicht so toll gelaufen und möglicherweise ist es dieser Übergang vom Fußball.org in den 1950er Jahren zum modernen Fußball.com, der bei Rapid nicht so glatt gelaufen ist.

Auch Präsident Edlinger war noch voll damit beschäftigt, die Turbulenzen nach dem Ausscheiden der Bank-Austria als Sponsor zu bewältigen. Er bereitete aber in seiner letzten Amtszeit alles für den Neubau des Stadions vor. Nur die Umsetzung, die wollte er einer neuen Generation überlassen. Diese Übergabe hat perfekt funktioniert, alle Vorarbeiten wurden praktisch unverändert weitergeführt und bravourös zu einem bereits jetzt absehbaren positiven Ausgang geführt.

Die Kraft und die wirtschaftliche Expertise, die unser neues Präsidium ausstrahlt, lässt doch Hoffnung aufkommen, dass wir uns einer ganz neuen Phase in der Rapid-Geschichte zuwenden, in der mehr das Sportliche Schlagzeilen macht und nicht rote Zahlen im Budget oder Unruhe bei den Fans. Im Hintergrund sind Wirtschaftsspezialisten am Ruder, die die Voraussetzungen dafür schaffen.

Was unser Verein jetzt nicht besonders brauchen kann, wären interne Querelen über die zu verfolgende Finanzierungs-Ideologie, denn ein wichtiger Punkt stand auf den Plakaten nicht zu lesen, wie man gedenkt, einen eventuellen Ausfall des Namenssponsors fürs Stadion, zu kompensieren. Eine Sammlung würde da nicht genügen, 10.000 neue Mitglieder müssten her.

Und genau darauf, auf das Werben neuer Mitglieder, können und sollen wir uns aber auch ganz unabhängig vom Stadion-Sponsor konzentrieren.

—–

Will der Fußballsport bestehen, muss er sich in jedem System den jeweiligen wirtschaftlichen und politischen Randbedingungen anpassen, weil er eben nur „die schönste Nebensache der Welt“ ist.

Und weil wir „große Spiele“ (von Rapid) sehen wollen, müssen wir auch die Beschaffung von „großem Geld“ akzeptieren!

Und wir können stolz darauf sein, dass wir dieses Geld nicht irgend wessen Gnaden verdanken, sondern allein unser aller Bemühung um Rapid.

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