Fußballgötter, einmal anders

Das Schöne am Fußball ist, dass man ihn verschiedenartig interpretieren kann.

Als im Jahr 1600 Giordano Bruno für seine Überzeugung, dass „Gott sich in allen Dingen dieser Welt“ offenbare, am Scheiterhaufen verbrannt wurde, wusste man noch nichts vom Aufbau der Materie und natürlich auch noch nichts vom modernen Fußball.

Nächste Mitgliederversammlung 26.August. Eingeladen wurde die sportliche Führung Didi, Jürgen und Zoki. Auskunft 0677-1899 5070 (Franz)

Wer sich mit Physik beschäftigt, stößt bei seinen Beobachtungen an die Grenzen des Begreifbaren. Unter den vielen Rätseln gibt es die bemerkenswerte Eigenschaft radioaktiver Atome, dass sie zerfallen. Allein wann ein konkretes Atom zerfällt, weiß niemand, man weiß nur, wie viele Atome im Schnitt pro Sekunde zerfallen.

So, als hätte Bruno das geahnt, beobachten wir mit dem radioaktiven Zerfall einen Mechanismus, dessen Ursachen wir auch als „göttliches Handeln“ interpretieren können; wir sehen nicht, was ein Atom veranlasst, zu zerfallen. Bruno könnte diese Beobachtung atomarer Prozesse als eine „Handschrift Gottes“ sehen, weil wir hinter dem Zerfall keine weitere Ursache erkennen können. Der radioaktive Zerfall ist ein echter Zufallsprozess. Allein der Mittelwert ist durch den jeweiligen Stoff festgelegt. Wie viele Zerfallsprozesse wir pro Sekunde beobachten können, sagt uns die Poisson-Verteilung.

Wer bis hierher gelesen hat, wird sich natürlich fragen, was denn das mit Fußball zu tun habe.

Jede Mannschaft ist eine Torfabrik und Torverhinderungsfabrik gleichermaßen. Die Stärke des Gegners stellt die jeweilige Wahrscheinlichkeit ein, dass Tore fallen. Das Interessante an der Sache ist aber, dass die Anzahl der Tore pro Spiel ebenso wie beim radioaktiven Zerfall einer Poisson-Verteilung folgt.

Wenn wir ein Fußballspiel verfolgen, entspricht ein geschossenes Tor dem Zerfall eines Atoms, es ist reiner Zufall, wann das Tor fällt. Es ist aber kein Zufall, wie viele Tore eine Mannschaft im Mittel schießt, das ergibt sich aus ein großen Fülle von Einflussgrößen, die wir alle vor und nach dem Spiel diskutieren: die Qualität der Spieler, die taktische Aufstellung, die Motivation, der Teamgeist, der Einfluss des Trainerteams, der Erwartungsdruck der Fans, des Supports, des Wetters, des Schiedsrichters…

Während wir beim Atom nicht wissen, was für den Zerfallszeitpunkt verantwortlich ist und man diese Erscheinungen als „Handeln Gottes“ interpretieren könnte (auch die Physiker sind in dieser Frage überfragt), wissen wir beim Fußballspiel ganz genau, wer das Tor geschossen, wer den letzen Pass gegeben hat: unsere Fußballgötter. Als Vergleich der Torfolgen mit den Folgen des radioaktiven Zerfalls bekommt das Wort „Fußballgötter“ plötzlich eine ganz neue Dimension.

Das Fußballspiel zeigt nicht nur das Elementarereignis „Tor“ sondern auch gleich seine Ursachen durch das Spiel, ein Umstand, für den man im atomaren Bereich durchaus „Gott“ einsetzen kann.

Wer ein plastisches Bild benötigt: Vielleicht spielen Götter Fußball und ihre Tore sind die Elementarereignisse im atomaren Bereich in unserer Welt. Wir, die Fußballfans wissen – im Gegensatz zu Theologen und Philosophen und auch Atomphysikern – ganz genau, wer die Götter sind, die die (Fußball)welt verändern.

  • Fußball ist – so meine Interpretation – eine Verehrung der Macht der Zufalls. 
  • Fußball ist die Anerkennung der Tatsache, dass allein der Zufall in der Lage ist, Neues in die Welt zu bringen. 
  • Fußball ist eine Karikatur von Religion. 
  • Fußball rehabilitiert die Ideen von Giordano Bruno in einem Spiel
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